SWR-Interview mit Jennifer-Catrin Rietschler

Corona und Gefängnis: Das sind die Herausforderungen für die neue Ulmer JVA-Direktorin

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INTERVIEW

Seit dem 1. Januar hat eines der größten Gefängnisse in Baden-Württemberg, die JVA Ulm, eine neue Gefängnisdirektorin. Im Interview erzählt sie, welche Herausforderungen die Pandemie mit sich bringt.

Jennifer-Catrin Rietschler ist in Ulm geboren und hat zuvor das deutlich kleinere Männergefängnis in Rottweil geleitet. Im SWR-Interview erzählt die Juristin, wie ihr Start in der Ulmer Justizvollzugsanstalt (JVA) war und was sie sich für ihre neue Aufgabe vorgenommen hat.

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SWR: Frau Rietschler, wie sind Ihre ersten Tage in der Ulmer JVA denn gelaufen? 

Jennifer-Catrin Rietschler: Es war ein recht turbulenter Start, muss ich sagen. Ich bin seit dem 3. Januar wieder in der JVA Ulm. Durch die aktuellen Corona-Maßnahmen war es etwas turbulent und man musste erstmal relativ viel organisieren. Ich kann auf meine Erfahrungen der letzten Jahre zurückgreifen. Zum einen als Leiterin einer Anstalt, zum anderen kenne ich die JVA Ulm. Früher war ich hier schon mal über längere Zeit stellvertretende Anstaltsleiterin und konnte da an einiges anknüpfen.

Inwiefern hat Corona für Turbulenzen gesorgt?

Wir haben ganz aktuell seit dieser Woche wieder Einschränkungen, leider im Dienstbetrieb, da wir versuchen müssen, die Kontakte einzuschränken. Das gab es in der Vergangenheit leider auch schon. Aktuell haben wir keine positiven Fälle. Aber was uns natürlich immer wieder trifft, das sind Quarantäne-Anordnungen, weil Mitarbeiter zum Beispiel Kontaktpersonen haben, die positiv getestet wurden. 

Wie häufig und bei welchen Gelegenheiten kommen Sie als Direktorin persönlich in Kontakt mit Gefangenen? 

Quasi täglich. Mein Dienstort ist in der Hauptanstalt der JVA Ulm in der Talfingerstraße. Und das ist der große, offene Vollzug. Die Gefangenen bewegen sich hier auf dem Gelände und auch in den Bürogebäuden relativ frei. Also ich treffe jeden Tag Gefangene und führe regelmäßig Gespräche mit den Inhaftierten.

Die Landesregierung hat jüngst mehr Stellen für die Gefängnisse bewilligt, auch für soziale und psychologische Betreuung. Welchen Stellenwert hat überhaupt die Resozialisierung, also die Vorbereitung auf das Leben danach? 

Bei uns in der JVA Ulm hat es einen sehr hohen Stellenwert. Schon allein deswegen, weil wir einen großen Strafhaftbereich haben. Wir haben den großen offenen Vollzug, der schon ein Schritt in Richtung Entlassung ist.

In Norwegen gibt es besondere Gefängnisse, wo die Wärter keine Waffen tragen, wo es keine abgeschlossenen Zellen gibt, wo gemeinsam gespeist wird. Wäre das auch ein Modell für Ulm?

Teile davon haben wir tatsächlich im offenen Vollzug umgesetzt. Hier haben die Gefangenen eine große Bewegungsfreiheit auf dem Gelände. Sie haben zum Beispiel eigene Haftraum-Schlüssel. Waffen werden bei uns auch in der Anstalt nirgendwo getragen. Wir sind da in vielen Bereichen schon sehr angenähert. Auch das Mittagessen können die Gefangenen in gemeinschaftlichen Räumen einnehmen. 

Aber nicht mit den Mitarbeitenden.

Das ist richtig, das haben wir jetzt noch nicht, aber sonst Einiges von dem, was Sie genannt haben.

Wie ist es denn für Sie als Frau, als Chefin, in einem reinen Männergefängnis? Mutmaßlich sind auch viele Beschäftigte männlich. Ist es für Sie eine besondere Herausforderung? 

Glaube ich nicht. Mir ist Wurst, ob mir ein Mann oder eine Frau gegenüber sitzt. Ich versuche immer mit Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen zu handeln. Natürlich gibt es wahrscheinlich auch einige Mitarbeiter, die Vorbehalte gegenüber einer weiblichen Führungskraft haben. Aber wenn Sie überzeugen können durch Ihre Persönlichkeit, dann bin ich der Meinung, spielt das Geschlecht keine Rolle.

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