Die Bushaltestelle am Dorfplatz in Unterbalzheim - tagsüber fährt manchmal über Stunden hinweg kein Bus in Balzheim.  (Foto: SWR, Rudi Koch)

Verkehrswende kommt nicht an

ÖPNV auf dem Land: Kaum Busse in Balzheim

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Peter Köpple

Seit Jahren will die baden-württembergische Landesregierung den öffentlichen Nahverkehr auf dem Land stärken. Doch in der 2.000-Einwohner-Gemeinde Balzheim verbessert sich nichts.

Die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs auf dem Land ist seit Jahren das erklärte Ziel der baden-württembergischen Landesregierung. Doch in der Gemeinde Balzheim im Alb-Donau-Kreis ist die Verkehrswende bisher nicht angekommen. In der eigenständigen Gemeinde im Süden des Alb-Donau-Kreises ist das Busangebot seit Jahrzehnten auf den Schülerverkehr ausgerichtet. Die Konzession hat ein privates Busunternehmen aus dem benachbarten Kreis Biberach. "Alles was in diesem Konzessionsvertrag drin ist, deckt die Bedürfnisse der anderen Bevölkerungsschichten nicht ab, nicht einmal minimal", kritisiert Klaus-Peter Federhen, der im Balzheimer Gemeinderat seit 30 Jahren für eine bessere Busanbindung kämpft.

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Anderthalb Stunden für eine Busfahrt nach Laupheim

Da könne es sein, dass man für eine Busfahrt nach Laupheim zum Arzt anderthalb Stunden braucht - für eine Strecke von 14 Kilometern. In der Tat verkehren die meisten Busse von und nach Balzheim nur an Schultagen und manche auch nur mittwochs und freitags oder montags und donnerstags. Der letzte Bus fährt um 17:54, sonntags gar keiner, samstags zwei Rufbusse, die am Vortag bestellt werden müssen.

"Wir fordern seit Jahren einen zuverlässigen Takt", berichtet Federhen. Die zuständigen Politiker sollten endlich was tun und nicht nur Reden halten und Briefe schreiben. Für Balzheim wäre vor allem eine Anbindung zum sieben Kilometer entfernten Bahnhof in Illertissen wichtig.

Busfahrplan in Balzheim: Der Fahrplan weist zahlreiche Ausnahmen aus zu Fahrtzeiten, die an bestimmten Wochentagen oder in den Ferien nicht gelten. (Foto: SWR, Rudi Koch)
Der Busfahrplan in Balzheim weist zahlreiche Ausnahmen aus zu Fahrtzeiten, die an bestimmten Wochentagen oder in den Ferien nicht gelten. Rudi Koch

Pendler Thomas Walcher aus Balzheim würde gerne auf Bus und Bahn umsteigen. Er fährt jeden Tag mit dem Auto 35 Kilometer einfach zu seinem Arbeitsplatz nach Blaustein. Mit den Öffentlichen wäre er etwa drei Mal so lange unterwegs. "Da würde eine Fahrt anderthalb oder eindreiviertel Stunden dauern, ohne Verspätungen oder verpasste Anschlüsse", rechnet Walcher vor und kommt zu dem Schluss: "ein gewaltiger Mehraufwand".

Keine Rückfahrt mit dem Bus von Blaustein nach Balzheim nach 17:16 Uhr

Dazu kommt, dass seine letzte Rückfahrmöglichkeit ab Blaustein bereits um 17:16 Uhr ist. Danach kommt er gar nicht mehr heim. Laut Verkehrsapp gäbe es noch eine Verbindung um 22:36 Uhr ab Blaustein mit Ankunft in Balzheim um 5:53 Uhr am nächsten Morgen mit viereinhalb Stunden Aufenthalt mitten in der Nacht vor dem Rathaus in Laupheim.

Die Probleme mit dem Busverkehr bekommt auch Frisörmeisterin Alev Koc in ihrem Salon neben der Bushaltestelle in Balzheim zu spüren. Sie sucht verzweifelt Lehrlinge oder eine Mitarbeiterin. "Aber das ist schwierig, wenn keine Busse nach Balzheim fahren", sagt sie und erzählt von ihrer letzten Auszubildenden, die drei Jahre lang aus einem Nachbarort von ihren Eltern gefahren wurde, morgens und abends hin und zurück und in der Mittagspause auch. "Da hatte ich als Chefin schon ein schlechtes Gewissen."

Situation im ÖPNV seit vielen Jahren unverändert

Im Balzheimer Rathaus ist auch Bürgermeister Maximilian Hartleitner frustriert. Ihm sei es geradezu peinlich, erklärt er, wenn er neue Flüchtlinge im Ort begrüßt und dann sagen müsse, dass es im Ort keine Einkaufsmöglichkeit gibt und man ohne Auto hier kaum weg komme. "Bei uns ist die Situation mit dem ÖPNV im Ort seit vielen Jahren die gleiche. Das Busangebot ist für die breitere Bevölkerung völlig unzureichend."

Hartleitner träumt von einem Stundentakt zum Bahnhof nach Illertissen, weiß aber, dass dies derzeit eher illusorisch ist. Denn wer das zusätzliche Angebot bezahlen soll, ist völlig offen. "Da ärgert es mich ein bisschen, dass man jetzt so viel Geld und Aufwand in Billigtickets wie Neun-Euro oder das 49-Euro-Ticket steckt und das Ganze auch noch als große politische Errungenschaft preist". Denn er und viele andere Balzheimer fragen sich: Was nutzt ein Ticket, wenn kein Bus fährt?

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