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Seit dem Vorstoß der SPD sorgt die Forderung nach einer Umbenennung der Mohrengasse für Diskussionen. Am Dienstag hat in Ulm die Arbeitsgruppe Straßenbenennungen des Gemeinderats getagt und empfiehlt dem Ältestenrat keine Umbenennung.

In Augsburg wird ein Hotel mit dem Namen "Drei Mohren" umbenannt, in Berlin eine Straße. In Ulm fiel nun das Votum gegen eine Umbenennung. Den Vorsitz der Arbeitsgruppe hat die Ulmer Kulturbürgermeisterin Iris Mann. Im Interview erläutert sie die Hintergründe.

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SWR: Frau Mann, was ist bei der Mohrengasse in Ulm anders als in Berlin oder Augsburg?

Es ist ja immer eine lokale Entscheidung, wie man mit diesem Namen umgeht. Und wir sind der Meinung, dass dieser Name tatsächlich einer ist, über den man diskutieren muss. Und es ist ja auch lokal nochmal spezifisch zu bewerten, in welchem Kontext der Name entstanden ist. Das ist ja in Berlin vielleicht anders gewesen als in Augsburg. Und anders als in Ulm. Da darf es auch regionale Unterschiede geben. Und da ist in der schwäbischen, in der relativ armen schwäbischen Provinz sicherlich im Kolonialismus auch anderes passiert als in der großen Stadt Berlin.

Aber das Wort ist ja nicht nur lokal, das ist ja überall gleich. Nach heutigem Demokratieverständnis, ich zitiere: "Sei der bestehende rassistische Kern des Namens belastend und schadet dem Ansehen Berlins", so die Begründung der Umbenennung der Mohrenstraße.

Ja, das ist die Deutung offenbar in Berlin. Das ist aber vom Wortursprung nicht unbedingt richtig, weil ursprünglich geht das Wort Mohr ja auf die regionale Bezeichnung Mauretanien zurück. Und es war auch lange eher ein Synonym für beispielsweise medizinisches Wissen. Das ist ja mit der Grund, warum es so viele Mohren-Apotheken in Deutschland gibt, unter anderem ja auch eine in Ulm. Und es war deswegen in der Entstehungsgeschichte nicht immer negativ besetzt, die Mohrenapotheke gibt es seit dem sechzehnten Jahrhundert. Und insofern finde ich den Begriff an sich von seinem Ursprung her nicht rassistisch gemeint. Er ist allerdings natürlich im Laufe der Zeit im Sprachgebrauch immer wieder umgedeutet worden. Und verständlich ist natürlich, dass heute Menschen sich dadurch diskriminiert oder angegriffen oder möglicherweise auch herabqualifiziert fühlen. Und das ist etwas, das wir absolut nicht wollen.

Die Frage ist, wie diese Debatte jetzt geführt werden soll. Was sind die nächsten Schritte?

Die Empfehlung der Arbeitsgruppe ist, den Straßennamen zwar zu belassen, aber mit erläuternden Hinweisen. Das wird dem Ältestenrat des Gemeinderats vorgeschlagen, der dann entscheidet, ob es zu einer Debatte im Gemeinderat kommt. Wir wollen die Debatte aber auch in die Öffentlichkeit holen. Da ist sie ja auch zurecht schon. Wir möchten eine Veranstaltung machen, bei der wir im Grunde mehrere Positionen nebeneinander stellen. Und dann möge sich jede und jeder gerne auch weitergehende eigene Gedanken dazu machen.

Wäre es nicht jetzt eine Chance, gerade für eine internationale Stadt Ulm ein Zeichen zu setzen eben wie auch in Berlin oder in Augsburg, zu zeigen, wir nehmen auch auf Minderheiten Rücksicht?

Das ist jetzt eben die Frage, ob es mehr Rücksicht ist, wenn man dieses Wort einfach tilgt oder wenn man aktiv damit umgeht. Und insofern ist es aus Sicht der AG nicht eindeutig zu sagen, das Umbenennen wäre die weniger rassistische oder die weniger problematische Variante. Das wäre im Übrigen bei der Mohrengasse ganz einfach, da gibt es nur drei Meldeadressen, das ist kein großer Akt, das wäre schneller passiert, als jetzt Tafeln zu entwickeln, Debatten anzustoßen et cetera. Aber wir glauben, dass es eigentlich besser ist, die Frage, wer hat eigentlich die Deutungshoheit auch über unseren Alltagssprachgebrauch, und diese Reibung aufrechtzuerhalten.

Das war für mich anfangs überraschend, wie viel Emotionen hochkochen, das zeigt doch eigentlich, dass eine Debatte in der Stadt fehlt.

Ja, das zeigt es, und dem werden wir uns stellen.

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