Bundeswehr in Afghanistan (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/Bundeswehr / Marc Tessensohn)

Durchmarsch der Taliban war absehbar

Ulmer Militärdekan: Situation in Afghanistan ist wie "ein schlechter Film"

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Der Ulmer Militärdekan Gerhard Kern war mehrfach als Seelsorger in Afghanistan. Im Interview erzählt er, wie schmerzvoll es ist, das Chaos vor Ort jetzt mitanzusehen.

SWR: Wie geht es Ihnen, wenn Sie jetzt die Bilder aus Afghanistan sehen?

Gerhard Kern: Ich bin aufgewühlt. Es wirkt wie ein schlechter Film. Wir lassen im Grunde ein Land alleine, in dem viele Soldatinnen und Soldaten im Auftrag der Bundesregierung Dienst gemacht haben, aber nicht nur, weil es ein Auftrag war. Sie haben dort vielleicht sogar mehrfach gedient und haben ihr Herz verloren - so wie ich auch.

Warum haben Sie dort Ihr Herz verloren? Ist das Land so schön?

Das Land ist landschaftlich traumhaft. Wenn Sie drüberfliegen, ist es wie ein wunderschön gestalteter Sandkasten. An manchen Stellen gibt es Grün, da blüht es, es gibt Oasen. Masar-e Scharif war eine Oase: die Hitze im Sommer, die Kälte im Winter und wenn man den Menschen in die Augen schaut und mit ihnen redet - ein traumhaftes Land.

Sie kennen das Land aus mindestens drei Einsätzen als Seelsorger für Soldatinnen und Soldaten. Verstehen Sie, Herr Kern, wieso die Taliban quasi ohne Widerstand das Land übernehmen konnten?

Ja, ich verstehe das. Wenn man sich vorstellt, dass dieses Land zu 80 Prozent von Auslandshilfe abhängig war. Vor einem Jahr oder 2018 als Donald Trump begonnen hat, den Abzug anzukündigen und nur mit den Taliban zu verhandeln, da haben Insider schon viel früher gesagt, dass das nicht gut gehen wird, weil es nicht nachhaltig ist.

Hat man sich grundsätzlich verschätzt? Hat man die Gegebenheiten vor Ort in Afghanistan von vornherein falsch eingeschätzt?

Der Grund des Abzugs war nicht eine Analyse, dass alles soweit stabil ist und es selbsttragende Strukturen gibt, sondern die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung in Amerika - vor allem davon sind wir sehr abhängig. So hat es begonnen, dass Donald Trump einen Deal machen wollte und dann nahm das Verhängnis im Grunde seinen Lauf.

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Ist Afghanistan Tagesgespräch in der Kaserne in der Wilhelmsburg?

Ständig. Jeder hat seine Erlebnisse - vor allem die Berufssoldaten. Alle Dienstgrade, jeder, der dort war, der den Geruch dieses Landes, diesen wunderbaren orientalischen Geruch, aber auch den Geruch der Armut noch in der Nase hat. Jeder hat etwas zu sagen aus seiner Perspektive.

Der Bund der Einsatzveteranen meldet, dass Afghanistan-Veteraninnen und Veteranen verstärkt psychologische Hilfe suchen. Vom Abzug der USA und der unerwarteten schnellen Machtübernahme der Taliban sind auch die ehemaligen Soldatinnen und Soldaten betroffen. Viele stellen sich die Sinnfrage. Herr Kern, fragen Sie sich das auch?

Ja, natürlich. Es waren 20 Jahre, die gut waren. Sie waren besser als das, was in der deutschen Öffentlichkeit kolportiert wurde. Es hieß auch mal von kirchlicher Seite, nichts ist gut in Afghanistan. Man hat aufgeschrien, dieser Satz hat geschmerzt, denn das war keine Analyse. Es war stabiler, sonst würde jetzt nichts zusammenbrechen.

Was war denn so gut? Oder was haben sie bewirken können auch die deutschen Soldaten?

Ich habe in dem Lager im Nordosten Afghanistans in der Provinz Badakhshan vier Monate gelebt. Es gab wöchentliche Besprechungen mit dem Dorfältesten, mit dem Friedensbeauftragten. Man hat sich bemüht, dass die afghanischen Männer ihre Waffen, ihre Kalaschnikows abgeben. Es gab einen Friedensprozess, von den Afghanen durchgeführt, von uns unterstützt mit Flugblättern, die über den Dörfern abgeworfen wurden. Es gab Mitarbeiter, eine Japanerin, einen Pakistani, einen Inder, die sind immer wieder aufgetaucht. Ich fragte: Was macht ihr hier? Ihre Antwort: Rückführung von Binnenflüchtlingen. Diese internationale Community war spürbar.

Zuletzt waren Sie vor fünf Jahren in der Hauptstadt Kabul. Haben Sie noch persönliche Verbindungen zu Menschen dort?

Ganz direkt über Handy nicht. Es ist klar, wenn man einmal dort war, lässt man es nicht los. Das lässt dich nicht los. Ich rieche noch den Flughafen, ich sehe den militärischen Teil, den zivilen Teil, wo ich schon eingeflogen bin. Man kann sich ganz konkret vorstellen, was da jetzt gerade los ist.

Gibt es spezielle Menschen, an deren Geschichte Sie denken?

Ja, klar. Bei uns im Lager waren hundert Ortskräfte, obwohl es ein kleines Lager war, die täglich gekommen sind.

Das sind Helfer wie Fahrer, Dolmetscher, die für die Bundeswehr gearbeitet haben. Die sind jetzt bedroht, weil die Taliban sie als Verräter verfolgen, oder?

Ja, wobei manche Lager wurden ja schon 2012 aufgelöst, Masar-e Scharif erst jetzt. Es gab über all die Jahre Unmengen von Ortskräften, die in den Lagern nach Sicherheitsüberprüfung geholfen haben und dann dort eben ihre Dollars verdienen konnten, um die Familie durchzubringen.

Sie sind nicht mehr in Afghanistan im Einsatz. Können Sie denn als Seelsorger jetzt die deutschen Soldatinnen und Soldaten betreuen, die vielleicht auch verzweifelt sind?

Ich denke schon, weil wir miteinander begonnen haben, mit zu leiden an diesem Land, an den Menschen. Es geht um enttäuschte Hoffnungen auf beiden Seiten - bei den Soldaten, bei mir persönlich und bei den Menschen, denen wir versucht haben, Hoffnung zu geben, ihnen zu helfen. Da ist schon mal die Solidarität derer, die dort waren, sehr tragend. Aber auch, dass der Militärpfarrer ein verschwiegener Gesprächspartner ist, bei dem man vieles loswerden kann, bei dem auch ein Soldat und eine Soldatin, eine starke Frau, ein starker Mann Tränen zeigen darf. Dabei verdrückt vielleicht sogar der Pfarrer noch eine Träne.

Herrscht denn jetzt Hoffnungslosigkeit oder haben Sie einen Hoffnungsschimmer?

Wenn Gott irgendwo ist, dann dort bei den Leidenden und nicht bei denen, die in Saus und Braus gedankenlos und ohne himmlische Orientierung durchs Leben wandeln.

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