Frauenbeine mit dicken Socken und roten High-Heels  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance dpa  Sebastian Gollnow)

Konferenz in Ulm zu Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung

Frauenrechtlerin Marietta Hageney: "Prostitution ist Gewalt und nichts anderes"

STAND
INTERVIEW
Volker Wüst

"Deutschland ist das Bordell Europas", sagt die Aalener SPD-Politikerin Leni Breymaier. Gerade entlang der Donau sind Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung ein Problem. Aber was kann man dagegen tun?

Eine Fachkonferenz in Ulm bringt in diesen Tagen 150 Expertinnen und Experten aus Donauländern online zusammen. Sie sollen sich kennenlernen und austauschen. Die Konferenz wird unter anderem organisiert von der Frauenrechtsorganisation Solwodi Baden-Württemberg, in der Marietta Hageney tätig ist. Im Interview schildert sie ihre Erwartungen an die Konferenz.

SWR: Wenn "Deutschland das Bordell Europas" ist und Menschenhandel entlang der Donau ein massives Problem ist, dann müssten ja Ulm und Neu-Ulm ein Hotspot sein. Kann man diesen Schluss ziehen?

Marietta Hageney: Ich kann nur sagen, wir liegen an der Donau, und wir feiern alle zwei Jahre das große Donaufest. Und wenn ich morgens in Ulm losfahre, dann bin ich zum Abendessen in einer der schönsten Städte Rumäniens, in Temeschwar. Und das ist der Hauptumschlagplatz für junge Frauen, die in die Prostitution gehandelt werden.

Sie erwarten von der Konferenz eine gemeinsame Strategie. Was wäre ein erster Schritt, um gegen Menschenhandel und Frauenhandel anzukommen?

Wir müssen erstmal ein Bewusstsein schaffen. Die Konferenz hat auch sehr deutlich gezeigt, dass wir dieses Bewusstsein auch auf Seiten der Behörden schaffen müssen. Es ist nicht selbstverständlich, dass Polizistinnen und Polizisten oder auch Anwälte, Anwältinnen, Richter, Richterinnen wissen, was im Bereich Prostitution läuft. Vor allen Dingen wie die Opfer hinterher geschädigt sind. Was heißen denn Traumata? Das heißt, dass sich auch die Zivilbevölkerung damit auseinandersetzt, was es heißt, dass wir im 21. Jahrhundert leben und es immer noch möglich ist, eine Frau zur sexuellen Benutzung zu kaufen. Es wachsen junge Männer mit dem Bewusstsein auf: 'Für 30 Euro kann ich mir eine Frau kaufen, und mit der kann ich dann machen, was ich will'.

Vielleicht müssen Sie das mal kurz erklären: Wie läuft so eine typische "Karriere" einer jungen Frau ab, die aus dem rumänischen Temeschwar kommt und am Ende in Ulm in einem Bordell landet?

Wenn wir uns vorstellen, dass sich dieses Mädchen in Temeschwar in einen Zug setzt, nach Deutschland fährt, dort am Ulmer Bahnhof aussteigt und in die Stadt läuft, am nächsten Bordell klingelt und sagt: 'Ich möchte hier ein Zimmer mieten' - so funktioniert das nicht. Das wird organisiert. Die ganze Sache ist in Händen der organisierten Kriminalität. So kann man das deutlich sagen.

Und das Geld spielt wie so oft im Leben auch da eine zentrale Rolle. Die Gewerkschaft ver.di schätzt, dass im Rotlichtgewerbe bundesweit jedes Jahr 14,5 Milliarden Euro umgesetzt werden. Ist das auch der Grund, warum einige Teilnehmende der Konferenz anonym bleiben wollen und sie die dadurch schützen?

Es war von uns eine Voraussetzung, dass wir das in einem geschlossenen Rahmen machen und dass sie sich geschützt fühlen, auch wenn sie sich äußern, vielleicht Informationen weitergeben. Das brauchen wir, um wirklich helfen zu können. Und das sind Informationen, die sollten nicht in die breite Öffentlichkeit gehen. Natürlich wird in der Sexindustrie viel Geld verdient. Wenn dieser Markt plötzlich zusammenbricht oder nicht mehr so existiert, kann ich mir schon vorstellen, dass da einiges in Aufruhr gerät.

Aber die Sexindustrie ist doch ein Milieu, das von Gewalt mit Sicherheit geprägt ist.

Das ist ja das, was auch immer wieder rauskommt. Und wir haben das beste Beispiel hier in Baden-Württemberg unmittelbar vor unserer Tür: Wir hatten vor zwei Jahren den großen Paradise-Prozess (Anmerkung der Redaktion: Prozess gegen die Verantwortlichen eines großen Bordells in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart), und da zitiere ich den Richter, der gesagt hat: 'Ein sauberes Bordell in dieser Größe gibt es nicht'. Der Prozess hat ganz eindeutig gezeigt, dass die Frauen eine Ware sind. Ich habe die 22 Aussageprotokolle der Frauen zum Teil gelesen. Ich sage Ihnen, das wollen sie nicht lesen. Prostitution ist meistens das letzte Glied in einer Kette aus Gewalterfahrung, aus Armut, aus Traumatisierung. Frauen werden weder reich, noch werden sie gesund, noch werden sie weniger ausgegrenzt. Und das muss klar und deutlich gesagt werden: Prostitution ist Gewalt und nichts anderes. Und die Lösung ist ein 'Sexkaufverbot' analog dem nordischen Modell. Das brauchen wir in Deutschland, und daran arbeiten wir.

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