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Die Ulmerin Elena Moehrke hat das Elend auf der griechischen Insel Lesbos hautnah miterlebt: wie 19.000 Asylsuchende in einem völlig überfüllten Lager vor sich hinvegetieren. Ihren Einsatz aber musste sie abbrechen.

Im Interview mit dem SWR Studio Ulm schilderte die Medizinstudentin und Rettungssanitäterin ihre Eindrücke.

Griechenland, Skala Sikaminias: Eine Migrantin hält ein Baby an der Küste der griechischen Insel Lesbos auf dem Arm, nachdem sie mit einem Schlauchboot von der Türkei über die Ägäis gekommen ist. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Alexandros Michailidis/AP/dpa)
Griechenland, Skala Sikaminias: Eine Migrantin hält ein Baby an der Küste der griechischen Insel Lesbos auf dem Arm, nachdem sie mit einem Schlauchboot von der Türkei über die Ägäis gekommen ist. picture alliance/Alexandros Michailidis/AP/dpa

Moderator Volker Wüst: Mit welchen Bildern im Kopf sind Sie von Ihrem Einsatz auf Lesbos zurückgekehrt?

Elena Moehrke: "Es war eine sehr eindrückliche Zeit dort. An meinem ersten Tag bin ich angekommen und konnte dieses Moria Camp einmal sehen. Und das war für mich ein Bild aus Verzweiflung, aus Hoffnungslosigkeit. Es war sehr erschreckend, über die hygienischen Zustände darf man eigentlich gar nicht reden. Man weiß schon vorher, dass es maßlos überfüllt ist. Man kennt die Zahlen. Aber eigentlich war mein erster Gedanke, es ist wie in einem Slum mitten in Europa. Ich fand es wirklich sehr erschreckend."

Wie leben denn die Menschen dort und wie verbringen sie ihre Tage?

"Wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben, sind es kleine selbstgebaute Häuser aus Euro-Paletten mit Plastikplanen darüber. Die Kinder spielen im Müll. Es gab eine Einrichtung, wo Leute hingehen konnten, um das Handy aufzuladen, mal zum Friseur zu gehen oder auch mal einen Arzt zu besuchen. Diese Einrichtung wurde jedoch abgebrannt und dementsprechend sind die Menschen dort einfach nur dem Elend ausgesetzt."

Situation an der türkisch-griechischen Grenze (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Alexandros Michailidis/AP/dpa)
Die Situation an der türkisch-griechischen Grenze ist angespannt picture alliance/Alexandros Michailidis/AP/dpa

Wie haben Sie die Stimmung erlebt zwischen den Inselbewohnern von Lesbos, den Sicherheitskräften und den Flüchtlingen? Ist das wirklich so aufgeheizt?

"Definitiv ja. Selbst in den kleinsten, wunderschönsten Fischerdörfchen hat man sich nicht mehr sicher auf die Straße getraut. Überall sind irgendwelche Gruppen vorbeigelaufen. Die Polizei war überall präsent, auch bei den Anschlägen. Die Polizei hat jedoch nichts wirklich unternommen, hat die Gewalt nicht eingedämmt. Von daher war es eigentlich, egal, wo man war, immer eine angespannte Situation."

Gab es gegen Sie selbst auch Anfeindungen?

"Wir haben das tatsächlich gemerkt. Ich habe im Norden der Insel meine Arbeit geleistet. Ich habe medizinische Erstversorgung gemacht. Und 500 Meter von mir entfernt ist auch ein ehemaliges Flüchtlingscamp angezündet worden. Da waren Gasflaschen drauf, es kam zu einer Explosion."

Mussten Sie denn weg, weil die Lage zu unsicher geworden ist?

"Ja, nachdem das Flüchtlingscamp explodiert ist, hieß es für uns Volontäre, dass wir alle die Insel verlassen müssen. Unsere Arbeit wurde so massiv eingeschränkt, dass wir uns nicht mehr aus dem Haus getraut haben - und dann die Explosion nebenan. Da war schon sehr heftig."

Die Stadt Ulm hat sich im vergangenen Sommer zum "sicheren Hafen" erklärt. Das heißt, die Stadt ist solidarisch mit Menschen auf der Flucht und sie ist bereit, diese aufzunehmen. Was ist diese Erklärung wert, wenn es heißt, ohne grünes Licht von der Bundesregierung könne die Stadt gar nichts tun?

"Es ist definitiv wichtig, dass es auch innerhalb der Stadt Zuspruch gibt. Aber es muss natürlich auch umgesetzt werden."

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