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Er war aus dem Bezirkskrankenhaus Günzburg ausgebrochen und hatte eine Geisel genommen. Der Angeklagte wurde deshalb am Montagabend zu einer langen Haftstrafe verurteilt.

Eingang Glastüre zum Landgericht Memmingen (Foto: SWR)
Siebeneinhalb Jahre Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung - das Landgericht Memmingen hat am Montagabend das Urteil gegen den 29-jährigen Ausbrecher gesprochen.

Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Geiselnahme zu einer Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Geisel unverletzt freigelassen

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der mehrfach vorbestrafte Angeklagte mit einem Komplizen im September 2019 eine Pflegerin des Bezirkskrankenhauses Günzburg als Geisel genommen hatte.

Sie hatten die Frau in der Forensik, also der Klinik für psychisch kranke und suchtkranke Straftäter*innen, mit einem selbst gebauten spitzen Gegenstand bedroht und waren mit ihr bis zur Sicherheitsschleuse geflüchtet. Dort hatte ihnen der Pförtner geöffnet, um nicht das Leben der Frau zu gefährden. Die Täter ließen die Geisel körperlich unverletzt zurück. Zunächst fehlte von den beiden Männern jede Spur, ein Großaufgebot der Polizei musste nach ihnen suchen.

Komplize immer noch auf der Flucht

Der Fall wurde auch in der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" ausgestrahlt. Im Januar konnte der heute Verurteilte in Spanien festgenommen werden, sein Komplize ist nach wie vor auf der Flucht.

Rudi Cerne steht vor der Kamera, im Hintergrund sind Logos von Aktenzeichen XY zu sehen (Foto: dpa Bildfunk, dpa/Matthias Balk)
Im November 2019 wurde über den Ausbruch der beiden Geiselnehmer in der Sendung "Aktenzeichen XY ungelöst" berichtet. dpa/Matthias Balk

Der Angeklagte war geständig. Zudem gab es Videoaufnahmen der Flucht. Während der Verhandlung hatte sich herausgestellt, dass die damalige Pflegerin Monate nach ihrer Geiselnahme in Briefkontakt mit dem Angeklagten in Haft stand, der sich offenbar in einem Schreiben bei ihr entschuldigt hatte.

Sicherheitsvorkehrungen in Bezirkskrankenhaus fraglich

Die junge Frau sagte am Montag vor Gericht unter Tränen aus, dass sie sich in Behandlung befinde und psychisch immer noch unter dem Vorfall leide. Der Briefwechsel hätte ihr geholfen, dem Angeklagten "zu vergeben". Ein tieferes Verhältnis zu ihrem Geiselnehmer habe nicht bestanden.

Sowohl die Zeugin als auch die Verteidigung stellten die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen im geschlossenen Bereich des Bezirkskrankenhauses Günzburg in Frage, der Angeklagte habe sehr schnell fliehen können.

Verteidigung: Es lag de jure keine Geiselnahme vor

Die Anträge von Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren vor dem Urteil in den Plädoyers erheblich auseinandergegangen. Während die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von zehn Jahren mit Sicherungsverwahrung gefordert hatte, stellte die Verteidigung in Frage, ob es sich de jure überhaupt um eine Geiselnahme gehandelt habe. Mit Bezug auf die kurze Dauer des Ausbruchs von rund 90 Sekunden liege keine Geiselnahme, sondern lediglich eine Nötigung vor, so die Ausführung. Die Verteidigung hatte deshalb nur elf Monate Freiheitsstrafe gefordert.

Das Gericht sah jedoch alle Voraussetzungen für eine Geiselnahme gegeben. Das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig.

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