Interview mit Andreas Braig vom Kreisbauernverband Ulm-Ehingen

Wie sich der Ukraine-Krieg auf die Landwirtschaft in der Region auswirkt

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INTERVIEW

Der Ukraine-Krieg wirkt sich auch auf die Landwirtschaft in der Region aus. Was das konkret bedeutet, erläutert Geschäftsführer des Kreisbauernverbands Ulm-Ehingen, Andreas Braig, im Interview.

Andreas Braig vom Kreisbauernverband im Intverwiew mit dem SWR (Foto: Pressestelle, Kreisbauernverband Ulm-Ehingen e.V. )
Andreas Braig Pressestelle Kreisbauernverband Ulm-Ehingen e.V.

SWR: In den Läden wird schon Sonnenblumenöl gehamstert. Wachsen deshalb bei uns dieses Jahr mehr Sonnenblumen als sonst?

Andreas Braig: Nach aktueller Schätzung von dem, was man draußen in der Region mitbekommt, wachsen momentan nicht mehr Sonnenblumen wie sonst bei uns auf den Feldern.

Warum?

Weil der Anbauplan von den Landwirten bereits im Herbst 2021 erstellt wurde. Demnach haben die Landwirte dann die Fruchtfolge festgelegt und dementsprechend das Saatgut auch ausgebracht und die Kulturen ausgesät.

picture alliance (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Mehr Sonnenblumen wird es dieses Jahr nicht in der Region geben (Sujetbild) Picture Alliance

Das bedeutet auf diesen Krieg, der seit Februar läuft, konnte die heimische Landwirtschaft hier gar nicht mehr reagieren?

Da muss man dazu sagen, sie könnte oder hätte reagieren können, wenn unsere Politik eventuell die sogenannten Greeningflächen - das sind fünf Prozent Bracheflächen, die jeder Landwirt über 15 Hektar Ackerland machen muss - für den Anbau freigegeben hätte. Da hätte unsere Politik dieses Jahr sagen müssen: "Liebe Landwirte. Ihr dürft auf diesen Flächen zum Beispiel Sonnenblumen anbauen." Das ist in Deutschland leider nicht passiert. Die Europäische Kommission hat die Freigabe dazu erteilt, aber die deutsche Politik hat das verneint.

Im Zusammenhang mit der Getreideknappheit wird jetzt vielerorts gefordert, dass nicht mehr so viele landwirtschaftliche Fläche für die Energiegewinnung bewirtschaftet werden soll. Also Stichwort Biogasanlage oder Maisanbau. Tut sich da schon was in der Region?

Da tut sich eigentlich nicht viel. Die Energie wird genauso benötigt wie die Nahrungsmittel. Die sogenannten Biogasanlagen haben Verträge über 20 Jahre. Es ist auch so, dass sehr viel in die Biogasanlage gelangt, was für den menschlichen Verzehr gar nicht geeignet ist.

Wenn es denn jetzt kurzfristig kaum Möglichkeiten für eine Reaktion gab, sehen Sie irgendein Potenzial für eine langfristige Entwicklung?

Potenziale für eine langfristige Entwicklung gibt es auf jeden Fall. Es steht jetzt zum Beispiel im nächsten Jahr die neue Agrarreform für 2023 im Raum. So wie es jetzt aussieht, sind hier verpflichtend vier Prozent der Produktion als sogenannte Flächenstilllegung zu entnehmen. Auf diese Flächen sagt die EU-Kommission und auch die deutsche Politik, dass wir dort nichts anbauen dürfen. Hier darf nicht einmal eine Brachebegrünung - also eine Blühwiese - angebaut werden. Hier wäre natürlich eine Möglichkeit zu sagen, wir gehen von den vier Prozent runter und sagen hier können wir sogenannte Leguminosen, Sonnenblumen aber auch Eiweißträger anbauen. Damit wir hier, das was fehlt aus der Ukraine, wieder mit einheimischen Produkten füllen können.

Schauen denn Landwirte bei uns in der Region tatsächlich auf diese Entwicklung in der Ukraine? Oder gibt es ganz andere Kriterien für die Bewirtschaftung von Feldern?

Die Landwirte schauen auf jeden Fall auf die Ukraine. Für die Bewirtschaftung ist aber auch der Erzeugerpreis wichtig. Also: Wo kann ein Landwirt wirtschaftlich und ökonomisch am besten arbeiten.

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