Ein Holzschild in Form eines indianische Totempfahls

Behördlich stillgelegtes Freizeitheim

Kinderindianerdorf in Ulm kämpft für Neustart

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Autor/in
Martin Miecznik
SWR Aktuell Autor Martin Miecznik

Das Ulmer Kinderindianerdorf Samen im Wettlauf gegen die Zeit: Auflagen zum Brand- und Landschaftsschutz müssen erfüllt sein. Sonst könnte die Freizeiteinrichtung geschlossen bleiben.

Die Liste der Auflagen von Baurechtsamt und Umweltbehörde ist lang und gänzlich unindianisch: Feuerlöscher, Rauchmelder, Türklinken und Handläufe muss das Kinderindianerdorf Samen anschaffen und installieren – und zahlreiche Schwarzbauten auf dem Gelände abreißen. Sonst ist an eine Wiedereröffnung des Freizeitheims in Ulm nicht zu denken.

Abrissarbeiten fast rund um die Uhr

Der Vorschlaghammer schwingt wuchtig gegen eine Holzwand, dreimal, viermal, dann löst sich wieder ein Balken. Ein weiteres Haus verschwindet gerade. Und Danny Dirscherl seufzt: "Trommeln sind mir als Schlaginstrumente wirklich lieber." Ein Vormittag im Kinderindianerdorf, einem zwei Hektar großen Gelände im Ulmer Stadtteil Eselsberg. Der Vorschlaghammer wird hier noch öfter zum Einsatz kommen.

Zwei Männer mit Abbruchwerkzeug in der Ruine eines Holzbaus
Der Vorschlaghammer macht die eigene Geschichte platt: Ein schwerer Job - nicht nur körperlich - für die Vereinsmitglieder des Kinderindianerdorfs Samen

Die Zeit drängt: Ohne den Abriss keine Erfüllung der städtischen Auflagen. Ohne Erfüllung keine Freigabe für die Wiedereröffnung. Ohne Wiedereröffnung keine Freizeit für mehr als hundert Kinder, die jetzt schon für August angemeldet sind. Und ohne Freizeit keine Einnahmen, mit denen die derzeitigen Maßnahmen finanziert werden können. Eine einfache Rechnung. Keine Zeit, die Friedenspfeife zu rauchen: Das Kinderindianerdorf kämpft um seine Existenz. Leicht fällt den Vereinsmitgliedern nicht, was gerade nötig ist: Das Lebenswerk teilweise wieder einzureißen.

Da steckte wahnsinnig viel Energie drin und wahnsinnig viel Zeit – und das mussten wir rausreißen und zerstören… und das tut natürlich weh.

Bis vor einem Jahr war ständig ein Stall voll Kinder auf dem Gelände, einem Abenteuerspielplatz Deluxe. Indianer-Romantik inklusive. Ein Paradies, auch wochenweise während der Ferien, was die Einrichtung auch für die Eltern überaus wertvoll gemacht hat.

Dann legten Baurechtsamt und Feuerwehr den Betrieb still. Begründung: Schwarzbauten im Naturschutzgebiet. Kein ausreichendes Brandschutzkonzept. Tatsachen, die das Indianerdorf fast in die ewigen Jagdgründe geschickt hätten.

Ein einsamer Schaukelbaum im Wald
Schaukelbaum ohne Kinder: Seit einem Jahr ist der Betrieb des Kinderindianerdorfs Samen in Ulm stillgelegt.

Über Genehmigungen nicht nachgedacht

Jahrelang hat man vieles hier oben einfach so laufen lassen, ohne über Genehmigungen nachzudenken, geben die Verantwortlichen des Vereins "Freie Menschen – Kinderindianerdorf Samen" heute zu. Es war ja alles im allgemeinen Interesse. Auch das Jugendamt schickte Kinder vorbei, das Gesundheitsamt habe häufig ohne Beanstandungen die Küche kontrolliert. Was sollte da schon schiefgehen in dem hügeligen Waldgebiet?

Behörde hat Betrieb des Kinderindianerdorfes eingestellt

Es ist aber eben auch Naturschutzgebiet, und da versteht die Untere Naturschutzbehörde keinen Spaß. Vor einem Jahr kam der Brief, der alles veränderte: Der Betrieb muss eingestellt werden. Die Stadt Ulm steht zu dieser Entscheidung, wie sie dem SWR jetzt in einer Stellungnahme mitteilte: "Die Brandschutzanforderung an die Nutzung Kinderindianerdorf betrifft den Schutz von Menschenleben. Das Grundstück wird überwiegend von Kindern genutzt. Die Anforderungen an die Sicherheit von baulichen Anlagen und Rettungswegen sind zwingend zu beachten. Was den Landschaftsschutz betrifft: Es ist unsere Aufgabe als untere Naturschutzbehörde, die Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft vor Verunstaltung, Zersiedelung und sonstigen Beeinträchtigungen zu schützen. Auch daran ist nichts kleinkrämerisch."

Daran ist nichts kleinkrämerisch

Rein rechtlich sind die notwendigen Arbeiten jetzt in die Form eines Vertrages gegossen worden.

Ein Vertragstext
Die Stadt Ulm hat mit den Betreibern des Kinderindianerdorfes einen Vertrag geschlossen, welche Auflagen erfüllt werden müssen.

Was auf dem Gelände historisch erlaubt war, ist verworren. Bevor der Verein hier vor fast zwanzig Jahren tätig wurde, hatte das Gelände mehr als dreißig Jahre brach gelegen. Zuvor hatte ein Mann dort gewohnt und eine Frettchenzucht betrieben. Die Gebäude von damals stehen noch heute, zum Teil nach der Jahrtausendwende vom Verein genutzt, zum Teil Material-Lager, zum Teil noch mit den Hinterlassenschaften des Vorgängers gefüllt. Schon diese Gebäude zählten in der aktuellen behördlichen Verfügung teilweise als Schwarzbauten, weil ohne Genehmigung errichtet.

Zwei Männer mit Musikinstrumenten vor einem Lagerfeuer
Didgeridoo und Bouzouki: Seltene Momente der Entspannung am Lagerfeuer

Ein bisschen Entspannung muss sein, auch bei all dem Abbruch-Stress jetzt. Danny Dirscherl schnappt sich sein Didgeridoo, Abriss-Kollege Kai Wohland greift zur Bouzouki. Man könnte auch die indianischen Namen der beiden Männer sagen: Großer Wolf und schneller Hase sitzen da zusammen am Lagerfeuer, das vor allem gegen die Stechmücken hilft. Aber nach Romantik und Kontemplation schreit die Situation hier gerade nicht. Nebenan lädt schon wieder der Akku für die Elektrogeräte.

Großer Wolf und schneller Hase greifen zum Vorschlaghammer

Gleich wird es wieder losgehen damit, das Gelände zu räumen. Allein werden die beiden es nicht schaffen, das wissen sie. Vor allem am Wochenende setzt der Verein auf die Hilfe von Freunden und Eltern, die mit anpacken. Was damit nicht gelöst ist, das ist die finanzielle Frage.

Ein Kiesweg in einer Naturlandschaft
Nicht gerade der highway to hell, aber auch nicht der Trampelpfad ins Glück: Diesen Kiesweg hat der Verein bei Ulm angelegt. Er muss aus Gründen des Naturschutzes wieder weg - und das wird teuer.

Kieswege im Naturschutzgebiet nicht erlaubt

Denn da sind auch noch die Kieswege auf einem benachbarten Wiesengrundstück. Der Verein hat sie für mehrere zehntausend Euro angelegt, damit sich Besucherinnen und Besucher bei Regen keine schlammigen Füße holen und die Wiese nicht beschädigen. Der Naturschutz sieht das anders: Der Kies muss weg. Und das wird teuer, Danny Dirscherl rechnet mit deutlich mehr als 100.000 Euro. Vielleicht wird es Spenden dafür geben, vielleicht hilft ein Benefiz-Konzert. Zumindest hat die Wiederherstellung der Wiese noch etwas Zeit. Immerhin ist sie nicht sicherheitsrelevant, im Gegensatz zu der großen Jurte auf dem Gelände. In die passen 60 Kinder – aber es fehlt der vorgeschriebene Notausgang.

viele Kinder in einer mongolischen Jurte
Leben in der Jurte - ein Archivbild. Dass es im Indianer-Kinderdorf Samen in Ulm bald wieder bunt, fröhlich und mit vielen Kindern zugeht, hoffen die Verantwortlichen des Vereins. Dafür braucht diese Jurte aber erst einmal einen Notausgang.

Kinderindianerdorf hofft auf Neustart im August

Der alles entscheidende Tag wird Ende Juli sein, wenn die Baurechtsbehörde sich anschaut, ob die Arbeiten zur Zufriedenheit der Stadt erledigt wurden. Wenn nicht, ob dann noch rasch nachgebessert werden kann oder ob im schlimmsten Fall der Daumen nach unten zeigt, was hier niemand hofft. Denn im August soll es hier ja wieder losgehen – mit vielen Kindern auf dem Gelände.

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Martin Miecznik
SWR Aktuell Autor Martin Miecznik