Der Schlachthof Ulmer Fleisch kritisiert die Preissenkungen für Rind- und Schweinefleisch (Foto: SWR)

Interview mit Stephan Lange von Ulmer Fleisch

Ulmer Fleisch: Billiges Fleisch "absolut falsches Signal"

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Timo Staudacher
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Christine Janke
SWR Aktuell Autorin Christine Janke (Foto: SWR)

Aldi hat die Preise für Fleisch spürbar gesenkt. Der Fleischverarbeiter "Ulmer Fleisch" hält die Entwicklung für problematisch. Zu dieser Einschätzung kommt einer der Geschäftsführer des Schlachtbetriebs.

Überall gehen die Preise hoch. Nur beim Rind- und Schweinefleisch gehen sie gerade bei den Discountern runter. Aldi hat überraschend die Preise um rund zehn Prozent gesenkt. Es war zu lesen, 500 Gramm gemischtes Hack statt 4,59 Euro nur noch 3,99 Euro. Andere ziehen nach. Gut für die, die gerne Fleisch kaufen. Schlecht für die, die Fleischwaren verkaufen. Der Schlachthof "Ulmer Fleisch" zum Beispiel kritisiert die Preissenkung - vor allem beim Schwein.

SWR: Stephan Lange, Geschäftsführer für den Bereich Schwein, ist denn der Preisnachlass nicht angemessen? Schließlich ist Fleisch in den vergangenen Monaten enorm teurer geworden, weit mehr noch als die Inflation insgesamt.

Stephan Lange: Das könnte man außenstehend so interpretieren. Aber es ist alles andere als fair. Bei Schweinefleisch ist das Preisniveau absolut nicht auskömmlich. Noch nicht Mal im Ansatz. Wir haben ein Niveau, was mit Sicherheit noch 25 Prozent unter einem Niveau wäre, was auskömmlich wäre zu einer Vollkostenrechnung. Da verdient der Landwirt aber immer noch kein Vermögen. Die Schweinepreise in anderen Ländern auf der Erde sind deutlich höher und die Erzeugung in Deutschland ist nicht günstiger als in anderen Regionen auf der Erde. Somit ist das unfair dem Erzeuger gegenüber - einfach ein Ausnutzen von Angebot und Nachfrage.

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Und wie reagieren Sie auf diese Preissenkung?

Die Ulmer Fleisch und die gesamte Müller-Gruppe missbilligt die aktuelle Preisreduzierung bei frischem Rind und Schweinefleisch absolut. Dieses Verhalten sendet das absolut falsche Signal, insbesondere zum jetzigen Zeitpunkt, an die Erzeuger und auch an die Endverbraucher. Die Erzeuger und die Landwirte benötigen höhere Erlöse für ihre gestiegenen Futter-, Energie- und Lohnkosten, aber auch insbesondere für ihren steigenden Aufwand für ein Mehr an Tierwohl in ihren Ställen.

Jetzt läuft derzeit die Grillsaison. Zu der fliegen die Artikel geradezu aus den Supermarktregalen. Das scheint dieses Jahr nicht so der Fall zu sein. Beobachten Sie das auch?

Ja, das ist absolut richtig. Es kommen mehrere Faktoren in Deutschland dazu. Wir haben eine afrikanische Schweinepest, die zunächst mal für keinen Menschen, für keinen Verbraucher ansteckend ist. Aber es führt dazu, dass die bestehende Schweinefleischmenge, die erzeugt wird, nicht in Drittländer exportiert werden kann. Das heißt, es kommt mehr Ware auf den deutschen Markt. Und dann gibt es auch noch einen Trend zu vegetarischen Produkten bei einzelnen Endverbrauchern. Natürlich ist das nicht die Mehrheit, aber wir haben ja doch einen Wechsel im Verbraucherverhalten die letzten Monate festgestellt; und bei weniger Export kommen da zwei Einflussfaktoren auf den Markt, die dann den Preis drücken. Nur dass das auf dem Landwirt dann ausgetragen wird, ist alles andere als fair und nachhaltig.

Der Schlachthof Ulmer Fleisch kritisiert die Preissenkungen für Rind- und Schweinefleisch (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd)
Von solchen Preisen passend zu den "wahren Kosten" wie auf dem Bild, können Landwirte nur Träumen. Bei Aldi sind die Preise für Fleisch deutlich gesunken. picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd

Was für eine Folge hat eigentlich so eine Ankündigung, von einer riesengroßen Discounterkette wie Aldi, den Preis zu senken? Hat es dann auch so eine Art Welleneffekt auf den Rest des Marktes?

Das bleibt abzuwarten, ist aber sehr wahrscheinlich. Wir leben ja in einer freien Marktwirtschaft und der Endverbraucher geht dahin, wo er die Leistung auch zum günstigen Preis bekommt. Ein Stück Fleisch, das ein Landwirt mit seiner Arbeit erzeugt hat, mit seinem Futter, mit seiner Energie und seinen Lohnkosten und seinem persönlichem Aufwand, dass das jetzt runtergeredet wird, ist absolut nicht gut. Das ist nicht nur absolut unfair, sondern auch nicht nachhaltig. Der Landwirt, der diese Preise kriegt, kann in Zukunft nicht mehr die Lebensmittel erzeugen. Darüber sollte man im Klaren sein - der scheidet aus.

Schweinefleisch und Rindfleisch liegen in einer Fleischtheke in einem Supermarkt: Der Schlachthof Ulmer Fleisch kritisiert die Preissenkungen für Rind- und Schweinefleisch (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)
Der Schlachthof Ulmer Fleisch kritisiert die Preissenkungen für Rind- und Schweinefleisch: Landwirte könnten so nicht kostendeckend arbeiten. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas

Was würden Sie denn dann so einem Manager bei Aldi jetzt im Moment sagen wollen?

Bitte fair und nachhaltiges Einkaufsverhalten an den Tag legen. Er ist ein wesentlicher Marktplayer und nicht irgendeiner. Er sendet Signale raus, die andere dann aufnehmen und wenn er fair ist und nachhaltig, werden das andere auch machen.

Was würden Sie denn Verbraucherinnen und Verbrauchern sagen in dieser Situation?

Dahin zu gehen, wo sie den Landwirt mit der eigenen Entscheidung unterstützen - auch wenn es einen Mehrpreis bedeutet. Das ist natürlich bei der jetzigen Inflation wirklich schwierig, das muss man auch verstehen. Aber, wenn es möglich ist: regionale Produkte nehmen, Fleisch von Schweinen und Rindern, die hier geboren und hier erzeugt sind, damit die Kette auch zukünftig erhalten bleibt. Wenn ich in ein paar Jahren auch Schweinefleisch, Rindfleisch und auch andere Fleischarten haben will, die in meiner Region in Bayern und Baden-Württemberg, in Oberschwaben, in Oberbayern, in Bayerisch-Schwaben erzeugt werden, dann muss ich die Ware jetzt kaufen und nicht sagen, ach, in zwei Jahren hätte ich es gerne. Dann wird es diese Landwirtschaft zu großen Teilen nicht mehr geben.

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