Heute als Freigänger beim Roten Kreuz: Interviewgast Daniel Kessler

Darum schrieb ein Spielsüchtiger im Gefängnis Ulm ein Buch

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Torsten Blümke
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Maren Haring
Maren Haring (Foto: SWR, SWR - Alexander Kluge)

Daniel Kessler hat die Spielsucht ins Gefängnis gebracht. Nun arbeitet er als Freigänger beim Deutschen Roten Kreuz - und will als Buchautor andere vor dem Absturz bewahren.

Am 23. Januar 2020 war für Daniel Kessler das Spiel vorbei. Der 34-Jährige war spielsüchtig, geriet auf die schiefe Bahn und kam wegen Betrugs ins Ulmer Gefängnis. Das Urteil: Zweieinhalb Jahre Haft. Er hat über seinen Absturz ein Buch geschrieben, mit dem passenden Titel "Game over". Das Spiel ist aus. Das Interview konnte er geben, weil er als Freigänger beim DRK in Ulm als Notfallretter arbeiten darf.

SWR Aktuell: Herr Kessler, eine Fußball-Tipp-Gemeinschaft und fünf Euro Einsatz waren Ihr Start in die Spielsucht. Was war für Sie so faszinierend am Wetten?

Kessler: Ich habe natürlich ab und zu etwas gewonnen und den Gewinn dann gleich wieder eingesetzt. Mit einem größeren Einsatz wäre ja der Gewinn auch immer größer, der zu erwarten ist. Nur, das Ganze ging natürlich nie auf.

SWR Aktuell: Wie sehr hat das Wettspiel Ihren Alltag bestimmt?

Kessler: Letztendlich hatte es kurz vor der Inhaftierung wirklich den Tagesablauf übernommen. Das ging dann so weit, dass ich vor der Schicht ins Wettbüro gegangen bin und gezockt habe. Dann nach der Schicht ins Wettbüro gegangen bin und gezockt habe. Und parallel natürlich auch per App und Smartphone gewettet habe, weil es mittlerweile alles ganz einfach möglich ist.

SWR Aktuell: Fürs Wettspiel braucht man Geld, Sie waren zum Schluss Sanitäter bei der Leitstelle in Ludwigsburg, haben Sie alles Geld verzockt?

Kessler: Ich bin verheiratet und hab mittlerweile eine fünfjährige Tochter. Ich habe schon immer geschaut, dass für Miete und Unterhaltskosten für uns, für die Familie, genug Geld da war. Der Rest ging dann wirklich in die Sportwetten über. Und als das ersparte Geld weg war, habe ich leider Betrugsstraftaten begangen, um an Geld fürs Wetten zu gelangen. Ich habe zum Beispiel hochwertige Ware bestellt, Tablets oder Smartphones, habe die aber nicht oder nur teilweise bezahlt. Das Geld, das durch den Verkauf dieser Waren reinkam, habe ich eins zu eins in Sportwetten umgesetzt.

SWR Aktuell: Das heißt, man rutscht automatisch in die Kriminalität?

Kessler: Mir ging es so. Das war bei mir dann wie ein Hamsterrad, es war in meinem Kopf: "Ich brauche jetzt Geld zum Wetten", und wenn ich nicht gewettet habe, ging es mir auch mental schlecht. Man kann das vergleichen, denke ich, mit der Beschaffungskriminalität eines Drogensüchtigen.

SWR Aktuell: Aber irgendwie muss man ja merken, dass das nicht normal ist. Haben Sie nicht versucht, sich Hilfe zu holen?

Kessler: Nein, meine feste Überzeugung war, ich schaffe es irgendwann, so viel zu gewinnen, dass ich da wieder herauskomme und dass ich dann alle Schulden zurückzahlen kann. Das war immer mein Glaube. Das hat nicht funktioniert. Als die Zellentür zu war, da habe ich erst angefangen zu realisieren, was überhaupt passiert ist, was ich mir alles kaputt gemacht habe.

SWR Aktuell: Haben Sie überschlagen, wie viel Geld Sie verspielt haben?

Kessler: Mittlerweile befinde ich mich in der Privatinsolvenz. Wenn man das hochrechnet, kann man schon auf knapp 500.000 Euro kommen.

SWR Aktuell: Sie sitzen in der JVA Ulm ein und haben ein Buch über Ihre Spielsucht geschrieben. Warum? Als Mahnung für andere?

Kessler: Ja, richtig. Es gibt die Glücksspielsucht in verschiedensten Formen. Es gibt Casinos, es gibt Automaten, es gibt eine Vielzahl an Sportwetten. Bedauernswert ist, dass die Teilnehmer immer jünger werden. Es gibt teilweise 15-, 16-, 17-Jährige, die irgendwie die Möglichkeit finden, wetten zu gehen, obwohl das erst ab 18 Jahren zulässig ist. Ich möchte an meinem Beispiel aufzeigen, was passieren kann, wenn man die Kontrolle verliert.

SWR Aktuell: Der Staat verdient über Steuergelder am Glücksspiel auch viel Geld. Geben Sie dem Staat eine Mitschuld, weil er Wettbüros und Glücksspiel erlaubt?

Kessler: Was meine Situation angeht, gebe ich dem Staat keine Schuld. Ich bin selbst für das, was ich gemacht habe, verantwortlich. Ich bin dafür bestraft worden. Ja, der Staat verdient viele Steuern mit den Wettspielangeboten. Es gibt allerdings seit letztem Jahr einen neuen Glücksspielstaatsvertrag, den die Bundesländer unterzeichnet haben. Da gibt es auch monatliche Einsatzlimits von tausend Euro pro Teilnehmer. Was aus meiner Sicht aber noch relativ hoch ist.

"Ich bin selbst für das, was ich gemacht habe, verantwortlich. Ich bin dafür bestraft worden."

Was ich relativ gut finde, die Wettbüros oder Casinos dürfen in den Städten nicht mehr nah beieinander sein. Es gibt ja Städte, da gibt es Straßen mit drei, vier solcher Lokalitäten nebeneinander. Aber das wird durch den Glücksspielstaatsvertrag ausgedünnt.

SWR Aktuell: Sind Sie denn von ihrer Spielsucht geheilt?

Kessler: Ja, ich möchte damit wirklich nichts mehr zu tun haben. Das habe ich mir fest vorgenommen. Ich möchte auf jeden Fall noch eine stationäre Therapie machen. Die geht mindestens drei Monate. Ich möchte mich jetzt voll auf den Rest meiner Haft und natürlich auf meine Frau und Tochter konzentrieren, um da einen geregelten Lebensablauf reinzubekommen und das ganze Spielen hinter mir zu lassen.

SWR Aktuell: Sie dürfen als Freigänger in Ihrem Beruf als Sanitäter arbeiten. Heißt das, Sie können nach der Haft in Ihren alten Job bei der Leitstelle in Ludwigsburg zurück?

Kessler: Ich muss sagen, ich bin dem DRK Heidenheim Ulm sehr dankbar, dass ich die Chance bekommen habe, dort als Vorbestrafter im Rettungsdienst zu arbeiten. Es ist nämlich nicht selbstverständlich mit einer Eintragung im Führungszeugnis. Mein Ziel ist es auch, nach der Inhaftierung weiter in Ulm beschäftigt zu bleiben und dann gegebenenfalls mit Frau und Kind später in die Region Ulm oder den Alb-Donau-Kreis umzuziehen.

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