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Die Zukunft für den Klimawandel und den Naturschutz und ihr Abschied vom BUND: Die Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz in Baden-Württemberg, Brigitte Dahlbender aus Ulm, im Interview.

Porträt-Aufnahme Dr. Brigitte Dahlbender Ostergäste 2021 SWR Studio Ulm (Foto: Frank Müller)
Dr. Brigitte Dahlbender, Landesvorsitzende des BUND Frank Müller

24 Jahre lang war Brigitte Dahlbender aus Ulm Vorsitzende des BUND in Baden-Württemberg. Nun nimmt sie Abschied und erklärt im Interview, was sie sich für ihre eigene Zukunft, aber auch für den Natur- und Umweltschutz wünscht.

SWR: Frau Dahlbender, die Koalitionsgespräche von Grünen und CDU haben begonnen. Wegen der Corona-Pandemie droht nun ein riesiger Schuldenberg fürs Land. Befürchten Sie, dass in Sachen Umweltschutz deswegen gespart werden könnte?

Brigitte Dahlbender: Das muss man natürlich befürchten. Aber wenn ich mir die Ergebnisse der Sondierungsgespräche angucke, und das, was schriftlich festgehalten wurde, dann gehe ich davon aus, dass zumindest im Klimaschutz einiges bewegt werden soll. Dazu braucht es auch Geld und mutige Entscheidungen. Das macht mir keine so großen Sorgen. Wo ich mir große Sorgen mache, das ist der Naturschutz und die Biodiversität: Dass zwar ein Biodiversitätsstärkungs-Gesetz verabschiedet wurde, vor einem Jahr, aber dann vielleicht doch Gelder fehlen, um dort zügig voranzukommen.

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Ich vermute, was Sie hoffnungsfroh stimmt, ist das Sofortprogramm für den Klimaschutz, das ja unter anderem 1.000 neue Windräder vorsieht, eine Solarpflicht für neue Häuser und auch eine Nahverkehrsabgabe für Kommunen?

Ja, das gehört dazu. Das stimmt mich hoffnungsfroh, dass in diesem Berich weiter vorangeschritten werden soll. Die Klimakrise macht keinen Halt vor der Corona-Pandemie und sonstigen Ausgaben und Einschränkungen. Wenn wir es jetzt versäumen, dort weitreichende Maßnahmen umzusetzen, wird es letztlich für die Landesregierung und die Gesellschaft noch viel teurer.

Sie haben in der Vergangenheit ab und zu mal die CDU kritisiert. In einem Interview haben Sie die Partei auch mal als "Bremsklotz beim Natur und Klimaschutz" bezeichnet. Vor ein paar Tagen hat nun CDU-Landeschef Thomas Strobl von einem "Klimaschutzland Baden-Württemberg" gesprochen. Nehmen Sie ihm das ab?

Jein. Ich glaube, sie haben gelernt und begriffen, dass, wenn sie jetzt nicht mit den Grünen voranschreiten, sie weiter verlieren werden und zwar ganz massiv. Beim Biodiversitätsstärkungs-Gesetz, beim Naturschutz, bei der pestizidfreien Landwirtschaft hat sich die CDU in den vergangenen fünf Jahren sehr stark gewehrt, da brauchte es ja das Volksbegehren "Rettet die Bienen" und einen Kompromiss, um die Blockadehaltung aufzuheben. (...) Da sie in den Sondierungsgesprächen dem Klimaschutz-Sofortprogramm zugestimmt haben, hoffe ich, dass sie die Zeichen der Zeit und die Botschaft der Wählerinnen und Wähler verstanden haben, dass man Politik ohne einen massiven Klimaschutz und ohne eine Stärkung der Artenvielfalt in diesem Land nicht mehr gestalten kann.

Sprechen wir noch über Sie, Frau Dahlbender. Der BUND muss künftig ohne Sie zurechtkommen, weil Sie Ende April in den Ruhestand gehen und zwar nach 24 Jahren als Landesvorsitzende. Wie schwierig wird das für Sie sein, loszulassen?

Die Zeit mit Corona war schon ein hilfreicher Lernprozess, um mich auf weniger Termine, weniger Kontakte vorzubereiten: Nein, es wird schwierig werden. Wenn man 24 Jahre lang einen Verband geführt hat und an vorderster Front Umweltpolitik mitgestaltet, mitthematisiert hat, dann fällt es nicht leicht, von gleich auf jetzt zurückzutreten. Deshalb werde ich mir sicher auch Aufgabenbereiche suchen, in denen ich weiterhin aktiv sein werde. Aber ich freue mich auch auf den Ruhestand, denn es gibt auch andere Dinge im Leben, die Freude machen.

Würden Sie mir zustimmen, wenn ich sage, dass Umweltpolitik heute einen anderen, einen höheren Stellenwert hat als 1997?

Ja. Umweltpolitik hat einen anderen Stellenwert. Die Probleme sind auch drängender geworden. Die Menschen haben begriffen, dass die gesamte Gesellschaft dran arbeiten muss, Umweltprobleme, Klimakrise und Verlust der Artenvielfalt zu bewältigen. Wir werden auch als BUND immer mehr gehört, unsere Expertise wird sehr anerkannt. Wir haben uns als sehr starker Verband etabliert.

Was macht das mit Ihnen, wenn Sie sehen, dass junge Leute in der Stadt Ulm ein Klimacamp aufbauen und für den Klimaschutz demonstrieren?

Es freut mich sehr, da ich jahrelang darauf gewartet habe, dass sich junge Menschen wieder mehr sichtbar politisch engagieren und wieder auf die Straße gehen und in die Diskussion eintreten und dort ihre Vorstellung vom zukünftigen Leben, vom Klimaschutz artikulieren. Und ich hoffe, es werden noch viel, viel mehr.

Bremst die Corona-Krise Ihrer Meinung nach jetzt diesen Wandel hin zu mehr Umwelt- und Klimaschutz aus?

Das vermag ich noch nicht klar zu beantworten. Ich glaube, die Probleme sind so drängend, dass es überhaupt nicht möglich ist, dass die Gesellschaft sie wieder vergisst oder leugnet. Man kann aber befürchten, dass zwar gehandelt wird, aber nicht weitreichend genug. Ich bin deshalb verhalten optimistisch, weil die Pandemie Verhaltensweisen in der Mobilität und die Verhaltensweisen in der Arbeitswelt ändert. Es werden ganz neue Möglichkeiten eröffnet, umweltbewusster und nachhaltiger zu handeln. Also, es liegen auch Chancen darin. Wie die Politik und wie die Gesellschaft sie nutzen, das glaube ich wird sich in den nächsten fünf Jahre zeigen.

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