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Zu wenig Impfstoff, zu späte Lieferungen: Der Start der Impfaktionen gegen das Coronavirus sorgt für viel Kritik. Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Professor Thomas Mertens aus Ulm, ist dagegen recht zufrieden.

SWR: Wie lief Ihrer Meinung nach der Impfstart in Deutschland und in Baden-Württemberg?

Professor Thomas Mertens: Ich finde, er war ganz okay, letztendlich. Natürlich kann man immer sagen, es hätte noch besser sein können. Aber wenn man mal bedenkt, was das für eine Riesenaktion ist, nicht nur für Baden-Württemberg, sondern für ganz Deutschland, für ganz Europa, dann fand ich den Start eigentlich so ähnlich, wie ich ihn auch erwartet hatte.

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Kann man es denn nicht auch als Zeichen von Fehlern sehen, dass die Impfzentren jetzt alle einsatzbereit sind, es aber zu wenig Impfstoff gibt?

Ich denke, es wäre natürlich gut, wenn wir mehr Impfstoff hätten. Daran kann kein Zweifel bestehen. Aber ich muss doch noch einmal betonen, dass ich es für wirklich eine große politische Leistung und auch für sehr sinnvoll halte, dass Europa da gemeinsam vorgegangen ist. Dass man gemeinsam den Impfstoff beschafft hat und ihn auch verteilt. Dass es jetzt mehr Impfstoff sein könnte, kann man nicht leugnen. Aber letztendlich liegt es mir auch nicht besonders, da jetzt viel Kritik zu üben. Ich denke, wir müssen jetzt sehen, dass sich die Dinge einspielen. Wir hoffen ja alle und haben auch die Hoffnung, dass es demnächst mehr Impfstoff geben wird. Insofern denke ich, wir müssen einfach etwas Geduld haben.

Hat denn speziell Baden-Württemberg aus Ihrer Sicht was versäumt?

Nein. Ich denke, das föderale System hat in einer solchen Situation sicherlich Nachteile, weil es eben nicht so ist, das zentral vorgegeben werden kann, wie die einzelnen Impfzentren und Länder vorzugehen haben. Jedes Land ist ja selbst verantwortlich. Aber ich sehe jetzt nicht, dass Baden-Württemberg etwas Besonderes versäumt hätte. Ich habe mir das Impfzentrum in Ulm angeschaut, in der Phase, in der es eingerichtet wurde und als trainiert wurde. Da war ich eigentlich sehr positiv beeindruckt davon, dass es sowohl organisatorisch wie auch von der Schulung der Mitarbeiter her einen sehr guten Eindruck machte.

Was müsste denn in den nächsten Wochen noch besser werden, damit die Impfungen schneller vorangehen?

Vor allen Dingen brauchen wir jetzt mehr Impfstoff, wie schon gesagt. Wir als Ständige Impfkommission diskutieren jetzt auch sehr intensiv darüber, ob wir einen Beitrag dazu leisten können, die Verfügbarkeit von Impfstoffen zu erhöhen. Aber letztendlich hängt das auch von den Produktionskapazitäten ab und von der Frage, wie viele weitere Impfstoffe demnächst zugelassen werden. Und insofern müssen wir einfach ein etwas Geduld haben.

Es werden jetzt vermehrt Stimmen laut, dass man die zweite Impfdosis erstmal auslässt, um mehr Leute impfen zu können. Was halten Sie von dieser Idee?

Es geht weniger darum, was ich davon halte, sondern es geht darum, dass man Daten zusammenträgt, die uns die Möglichkeit geben, darüber rational zu entscheiden. Denn es geht ja auch um Sicherheit und um Wirksamkeit bei den Menschen. Wir versuchen derzeit, alle verfügbaren Daten zusammenzutragen und auszuwerten, die es zu dieser Frage gibt. Wenn wir das geleistet haben, werden wir auch eine entsprechende Entscheidung fällen, innerhalb der Ständigen Impfkommission. Ich kann Ihnen aber noch nicht sagen, wie das ausgehen wird.

Wir wollen versuchen, das könnte auch eine sehr rationale und damit auch verantwortbare Basis zu stellen. Das ist unsere Aufgabe. Und da müssen wir natürlich auch immer gewissen Druck aushalten, der ausgeübt wird von Menschen, die glauben, es müsste alles noch schneller gehen.

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