Eine Spritze gegen das Coronavirus, wie hier im Bild, wollen gerade wieder viele Menschen, meist werden Auffrischungsimpfungen verlangt und das bringt viele Hausarztpraxen in und um Ulm und Neu-Ulm ans Limit.  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance / dpa  Christian Charisius (Sujetbild))

Auffrischungsimpfungen und Alltagsgeschäft

Derzeitige Corona-Impfwelle bringt Hausärzte in Ulm und Neu-Ulm ans Limit

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Isabella Hafner

Am Telefon die endlose Warteschleife oder nur der Anrufbeantworter: Hausarztpraxen in Ulm und Neu-Ulm sind derzeit überlastet. Zum Alltagsgeschäft kommen unzählige Impfanfragen.

Viele Hausärztinnen und Hausärzte ächzen unter der derzeitigen Belastung. Dr. Stefan Thamasett ist Hausarzt in Neu-Ulm Offenhausen und seit der Corona-Pandemie Ärztlicher Koordinator für den Kreis Neu-Ulm.

"Bei uns ist komplett Land unter"

Es gebe keine freie Minute mehr, "wir arbeiten länger am Abend und verkürzen die Mittagspause." Das Telefon klingele unentwegt. Das Problem: Patienten mit Infekten, Herzproblemen und anderen Erkrankungen kämen oft nicht mehr durch. Jeder zweite rufe wegen einer Impfung an. Viele seien verunsichert wegen der vierten Coronawelle, sagt Thamasett: "Im Moment ist die Impfnachfrage gesteuert durch die Drittimpfungen, dann kommen Zweitimpfungen und leider relativ wenig Erstimpfungen. Wir haben gestern 70 Patienten geimpft. Davon waren drei Erstimpfungen."

FAQ Warum reden alle von der Booster-Impfung? Virologe Dr. Stürmer hat Antworten

Die steigenden Corona-Zahlen fachen die Debatte um die Boosterimpfung weiter an. Ihr habt Fragen an Virologe Dr. Martin Stürmer gestellt. Hier gibt's die Antworten.

Thamasett impft einmal pro Woche und muss genau planen und Termine vereinbaren, um keine Impfdosis wegwerfen zu müssen. Das sieht nicht jeder ein. Wie der Mann, der ihm kürzlich mit diesen Worten Geld angeboten habe: "Dreieinhalbtausend Euro, für jetzt, eine sofortige Impfung. Wird ja wohl nicht so schwierig sein." Denn er wolle über Weihnachten zum Skifahren nach Österreich. Es sei alles gebucht und jetzt nicht mehr so einfach zu stornieren.

Vor allem die Mitarbeiterinnen am Empfang müssten sich alles mögliche anhören.

"Der Ton ist auch sehr, sehr rau. Das macht es einem natürlich dann umso schwieriger, sich noch mehr zu engagieren."

Verkürzte Boosterimpfungen bringen zusätzliche Arbeit

Und es kommt noch mehr Arbeit auf den Neu-Ulmer Hausarzt zu - Boosterimpfungen ab 18 Jahren und mit kürzerem Abstand als die zuletzt empfohlenen sechs Monate. Thamasett wünscht sich da die Unterstützung der Fachärztinnen und -ärzte zurück. "Sie haben sehr viele Patienten geimpft, vor allem ihre eigenen, auf die der Hausarzt auch nicht so den Zugriff hat. Ich denke da beispielsweise an Parkinsonpatienten, sie sehen ihren Neurologen deutlich öfter als den Hausarzt." Er fände es schön, wenn sich die Fachärzte für eine gewisse Zeit wieder beim Impfen engagierten.

"Impfen in Apotheken? "Absoluter Blödsinn, völlig realitätsfern."

Einen Vorschlag, um die Hausärzte zu entlasten, hatte jüngst RKI-Chef Lothar Wieler: Apotheken sollten mitimpfen. Überhaupt keine gute Idee, findet der Biberacher Arzt und Vorsitzende des Hausärzteverbands Baden-Württemberg, Frank-Dieter Braun. Denn was passiere, wenn jemand einen allergischen Schock beim Impfen in der Apotheke habe. "Rufen Sie dann den Notarzt? Dann ist der Patient vielleicht tot, bis der Notarzt kommt." Impfen sollten vor allem Krankenhausärzte und Betriebsärzte und alle anderen, die impfen können. Wichtig sei aber, das Impfen so unbürokratisch wie möglich zu machen.

Biberach

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Der Biberacher Arzt und zweite Vorsitzende des Hausärzteverbandes BW, Frank-Dieter Braun, ist genervt von der Politik. Im SWR Aktuell-Interview erklärt er, warum.

Eine andere Idee wäre, die Impfzentren wieder zu öffnen. Frank Dieter-Braun ist dagegen: Er findet die Lösung des baden-württembergischen Sozialministeriums besser, nämlich alle Kraft in die mobilen Impfteams zu stecken: "Die können schnell und regional da reagieren, wo Not ist." Würden nun stationäre Impfzentren wieder aufgemacht, würde das eine Weile dauern, bis sie wieder hoch gefahren wären. Und nach ein paar Monaten gäbe es Überkapazitäten, befürchtet er.

Auch Dr. Stefan Thamasett geht davon aus, dass die zweite "Impfwelle" in ein paar Monaten abgeebbt sein wird. Dann kann er auch wieder voll und ganz für all die anderen Krankheiten seiner Patientinnen und Patienten da sein.

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