Interview mit Lutz Weber aus Laupheim vom Hausärzteverband Südwürttemberg

Ärzte-Protest: Warum viele Praxen am Mittwoch geschlossen blieben

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Martin Miecznik
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Hausärzte und -ärztinnen protestierten gegen Sparmaßnahmen, die zu ihren Lasten gehen. Im Fokus standen geforderte Nullrunden, so Lutz Weber vom Hausärzteverband im SWR-Interview.

Die Hausärztinnen und Hausärzte protestierten am Mittwoch. Sie fordern unter anderem einen Inflationausgleich und bessere Arbeitsbedingungen. Die Nullrunde selbst ist dabei nur eines von vielen Problemen, die der Bezirksvorsitzende des Hausärzteverbandes Südwürttemberg im SWR-Interview anschneidet.

SWR Aktuell: Herr Weber, warum und wofür protestieren die Hausärzte?

Lutz Weber: Es sind im Prinzip zwei Gründe: Einmal die Entrüstung der Kolleginnen und Kollegen über die mangelnde Wertschätzung ihrer Leistung und Arbeit, die ihnen gerade von der Politik und den Krankenkassen entgegenschlägt. Zum zweiten geht es auch darum, der Bevölkerung klarzumachen, dass die medizinische Grundversorgung aktuell gefährdet ist - gerade durch die Sparmaßnahmen, die die Krankenkassen mit uns vorhaben. 

SWR Aktuell: Es geht also um Geld?

Weber: Genau, es geht um Geld. Es geht darum, dass der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen in einer Stellungnahme zum Entwurf des Finanzstabilisierungs-Gesetzes den Gesetzgeber aufgefordert hat, bei den Ärzten Nullrunden bis einschließlich 2024 festzuschreiben.

SWR Aktuell: Es geht wohl auch um eine Neupatientenregelung, die erst seit zwei Jahren besteht, die wieder zurückgenommen werden soll.  

Weber: Darum geht es auch. Das ist ein Thema, das in erster Linie Fachärzte oder Gebietsärzte betrifft. Das ist für uns Hausärzte in Baden Württemberg nicht ganz von dieser Bedeutung und Tragweite wie bei den Fachärzten, aber darum geht es auch.

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SWR Aktuell: Woran liegt es denn Ihrer Meinung nach, dass man den Ärzten diese Nullrunde bis 2024 aufdrücken will, wehren die sich am wenigsten?

Weber: Den Eindruck hat man manchmal. Wir verstehen es nicht, genau deswegen entrüsten wir uns so. Wir haben gerade in der Pandemie gezeigt, dass auf uns im niedergelassenen Bereich Verlass ist: Wir haben den Impf-Turbo geschaltet. Wir haben teils unter widrigsten Umständen unsere Patientinnen und Patienten betreut - und über 90 Prozent während der Corona Pandemie behandelt und behandeln sie immer noch. Auch deswegen herrscht bei uns ein absolutes Unverständnis für ein so schlechtes, ich will mal sagen, unverschämtes Angebot. 

SWR Aktuell: In der Öffentlichkeit redet man weniger über die Hausärzte, sondern mehr über Impf-Zentren und Krankenhäuser, was Corona angeht...

Weber: Das ist auch so ein Grund: Es hieß immer, die Krankenhäuser, die Impf-Zentren sind belastet - und schlussendlich haben die Hausärztinnen und Hausärzte 90 Prozent der Erkrankten versorgt. Wir haben die Hausbesuche gemacht, Infektions-Sprechstunden und den Großteil der Impfungen durchgeführt. 

SWR Aktuell: Befürchten Sie, dass es weniger attraktiv ist, jetzt oder in Zukunft Ärztin oder Arzt zu werden? 

Weber: Das ist die Befürchtung und auch ein Grund für den Protest. Wir wollen die Bevölkerung darauf aufmerksam machen, dass jetzt schon 800 Hausärztinnen und -ärzte in Baden Württemberg fehlen. 37 Prozent der Kollegen sind schon über 60. Das bedeutet: In den nächsten fünf Jahren hört jeder dritte Kollege auf - und was das bedeutet, kann sich jeder selbst denken. 

SWR Aktuell: Sind das viele, 800 fehlende Ärzte?

Weber: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, aber ich meine, es gibt in Baden-Württemberg aktuell etwas über 4.000 Hausärzte. Und wenn man sich überlegt, dass jeder Arzt pro Quartal etwa 1.500 Patienten versorgt, dann ist das eine ganz gewaltige Menge. 

"Wir Ärzte werden mittlerweile wieder aus Liebe geheiratet (...) der Verdienst geht am Thema vorbei."

SWR Aktuell: Zum Verdienst: Nach einer Tabelle liegt der Ertrag, also nicht der Praxis- sondern der Reinertrag, im Jahr bei gut und gerne einer Viertel Million Euro - jammern Sie dann nicht auf sehr hohem Niveau? 

Weber: Ich kann es Ihnen so sagen: Wir Ärzte werden mittlerweile wieder aus Liebe geheiratet. Ich finde, der Verdienst geht am Thema vorbei. Wir Hausärzte protestieren nicht, weil wir zu wenig verdienen. Wir haben auch als Unternehmer eine Verantwortung unseren Arbeitnehmern gegenüber und auch unsere medizinischen Fachangestellten verdienen nicht wirklich gut. Wir sind auch der Meinung, hier müssen Lohnsteigerungen her. Und auch das muss finanziert werden: Höhere Mietkosten, steigende Preise für Energie und Strom, Investitionen. Statt eine Neid-Debatte anzustoßen "der verdient doch genug" muss man sich eher fragen: Warum macht es dann keiner? Offensichtlich ist es attraktiver, in die Wirtschaft oder ins Ausland zu gehen. 

SWR Aktuell: Flapsig gesagt: Die paar Cent mehr für die Energie, fallen die denn tatsächlich ins Gewicht in der Praxis? 

Weber: Ob es die paar Cent sind, bleibt abzuwarten. Ich sag mal so: Diese Nullrunden sind ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wir sagen: Unsere Leistung soll einfach fair honoriert werden. Es gibt bei uns in der Berufspolitik vieles, was mangelnde Wertschätzung zeigt. Warum wird von einem sozialen Beruf immer erwartet, dass er drauflegt oder umsonst arbeitet. Das würde keiner tun.

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