Interview mit Ulms Alt-Oberbürgermeister Gönner

"Wenn die ersten Züge fahren, ist das sehr erfreulich"

Stand
INTERVIEW
Volker Wüst

Kaum einer hat sich in Ulm derart für die Neubaustrecke eingesetzt wie der frühere Oberbürgermeister Ivo Gönner. Im SWR-Gespräch schildert er, wie sehr er sich auf die Eröffnung freut.

Er hat geworben, er hat argumentiert und er hat gekämpft: Die Neubaustrecke Wendlingen - Ulm war eines der wichtigsten Anliegen für den damaligen Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner (SPD). Vorbild war dabei die Schnellbahnstrecke zwischen Mannheim und Stuttgart, so Gönner im Interview. Und die explodierten Kosten? Hätten ihn nie erschüttert, bei so einem Projekt dürfe man keine Pfennige zählen.

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SWR Aktuell: Sie haben sich jahrelang als Oberbürgermeister von Ulm für die Neubaustrecke eingesetzt. Jetzt ist es bald soweit und es fahren die ersten Züge. Freuen Sie sich darauf wie ein kleines Kind auf Weihnachten? 

Ivo Gönner: So ungefähr. Es war eine lange Hängepartie, es ging rauf und runter, es ging vorwärts und zurück. Und ich habe dann irgendwann auch öffentlich gesagt: 'Jetzt wird nicht mehr geschwätzt, jetzt sollen die Bagger auffahren'. Dann sind sie aufgefahren und haben eine hoch effiziente und großartige Ingenieursleistung hingekriegt. Und wenn jetzt die ersten Züge fahren, dann ist das sehr erfreulich. 

SWR Aktuell: Es waren turbulente Zeiten damals: Schlichtung, es gab Gerichtsurteile, es gab die Volksabstimmung. Wie haben Sie diese Zeit in Erinnerung? 

Gönner: Auch als eine sehr bewegte Zeit - wobei man sagen muss: In Ulm und in unserer Region wurde das gesamte Projekt, nicht nur die Neubaustrecke, sondern das ganze Projekt Stuttgart 21, immer mehr befürwortet, als dass Bedenken geäußert wurden. Aber ich habe immer wieder versucht, klarzumachen, dass frühere Generationen mit der Eisenbahnverbindung von Stuttgart durch das Filstal nach Ulm ein Jahrhundertwerk geschaffen haben. Nicht nur aus Ingenieurssicht, sondern für die Entwicklung der ganzen Region. Und deswegen habe ich mich in die Auseinandersetzung gestürzt und immer wieder versucht, deutlich zu machen, dass das eine Riesenauswirkung auf unseren regionalen Verkehr hier in Ulm und in der Region hat. 

SWR Aktuell: Sie haben damals auch gesagt, dass Sie Entwicklungschancen für die nächsten 100 Jahre für den Raum Ulm sehen. Sehen Sie das zehn Jahre später immer noch so?

Ulm

Dossier zur neuen Zugverbindung Alle Informationen zur Neubaustrecke Wendlingen - Ulm

Am 11. Dezember geht nach zehn Jahren Bauzeit die Neubaustrecke Wendlingen - Ulm in Betrieb. Hier finden Sie Informationen zur Eröffnung, was sich für Reisende ändert und vieles mehr.

Gönner: Ja, und zwar fast noch deutlicher als damals. Denn es kam ein wahnsinniger Druck und eine Bewegung auf die Elektrifizierung der Südbahn Ulm - Friedrichshafen. Das Projekt Regio-S-Bahn ist damals geboren worden. Es hat die Diskussion erweitert auf den Bahnhalt in Merklingen, der damals nicht vorgesehen war. Und es wird weitere Entwicklungen geben, wenn man an die Fortsetzung dieser schnellen Zugverbindung von Ulm über Neu-Ulm nach Augsburg denkt. 

SWR Aktuell: Nochmal Stichwort 'turbulente Zeiten': Wo haben die Kritiker recht behalten? 

Gönner: Sie haben sicherlich recht behalten in der Kompliziertheit und Komplexheit des Projektes. Dann im Hinblick auf die Kosten natürlich, weil immer wieder gesagt wurde, dass es teurer wird. Aber jede D-Mark oder jeder Euro, der in Baden Württemberg oder in unserer Region investiert wird, ist besser angelegt, wie wenn er irgendwo im restlichen Bundesgebiet investiert worden wäre. Denn dann wäre irgendeinen Schnellbahnprojekt in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder in den neuen Bundesländern gemacht worden. 

SWR Aktuell: Und trotzdem: Was den Tiefbahnhof angeht, der sollte damals 4,5 Milliarden Euro kosten. Mittlerweile sind wir bei über 9 Milliarden.

Gönner: Und wenn abgerechnet wird, wird er noch teurer. 

SWR Aktuell: Vermutlich sogar zweistellig.

Gönner: Aber das ist bei so einem Projekt immer drin, das hat mich nie erschüttert. Denn man kann da nicht kleinkrämerisch sein und Pfennige zählen.

SWR Aktuell: Wobei: Bei diesen Summen kann man nicht mehr von kleinkrämerisch sprechen. Aber können Sie die Kritiker verstehen, die heute sagen: 'Wir haben es gleich gesagt'? 

Gönner: Freilich, aber das nutzt nix, wenn auf dem Grabstein steht: 'Er hatte immer Recht'.

"Diese Strecke ist auch teurer geworden. Das hat mir nie schlaflose Nächte gebracht." 

SWR Aktuell: Und Sie würden sich auch heute so für das Projekt einsetzen, wenn Sie gewusst hätten, dass es so teuer wird? 

Gönner: Ich hätte das auch gemacht. Denn ich hatte immer die schnelle Zugverbindung zwischen Stuttgart und Mannheim im Hinterkopf. Auch dagegen gab es Demonstrationen und Bedenken - und ich kann mich noch an Plakate erinnern, auf denen stand: 'Wir brauchen keine Bonzenschleuder von Stuttgart nach Mannheim'. Heute ist es für Arbeitnehmer zwischen diesen beiden großen Wirtschaftszentren wie im Nahverkehr, ob in den Führungsetagen, den Fabriken oder Verwaltungen. Diese Strecke ist, glaube ich, auch drei oder vier Mal teurer geworden. Das hat mir nie schlaflose Nächte gebracht. 

SWR Aktuell: Es gab glühende Befürworter wie Sie. Es gab aber auch vehemente Gegner, wie zum Beispiel Boris Palmer, Winfried Hermann oder Winfried Kretschmann. Haben Sie mit denen eigentlich Frieden in dieser Sache geschlossen und auch über diese aufgeheizte Stimmung damals gesprochen? 

Gönner: Frieden haben wir deswegen nicht machen müssen, weil wir keinen Krieg hatten, sondern wir hatten unterschiedliche Auffassungen. Ich habe auch immer gesagt, die Schnellbahnstrecke zwischen Wendlingen und Ulm alleine bringt gar nichts. Denn die Europäische Union hat gesagt, sie fördert europäische Verbindungsachsen. Und deswegen war für mich auch immer klar, dass der Flughafen in Stuttgart angebunden werden muss. Denn bis Wendlingen zu fahren, dann nach Stuttgart rein und wieder raus zum Flughafen - das wäre mehr als fünf Mal mit der Kirche ums Dorf.

"Dann setze ich mich in den Speisewagen, trinke ein Viertele - und wenn ich ausgetrunken habe, bin ich in Stuttgart."

SWR Aktuell: Was machen Sie eigentlich am Wochenende 10./11. Dezember? 

Gönner: Vielleicht ergibt sich die Gelegenheit einer Fahrt. Wenn nicht, dann fahre ich eben, wenn der erste Hype vorbei ist. Dann setze ich mich in den Speisewagen, trinke ein Viertele - und wenn ich ausgetrunken habe, bin ich in Stuttgart.

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