Am Mittwoch ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen (Symbolbild) (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Maurizio Gambarini/dpa)

Mehr sexuelle Übergriffe seit der Pandemie

Gewaltopferambulanz Ulm: Positive Bilanz, aber auch Verbesserungsbedarf

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Isabella Hafner
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Rainer Schlenz

In Ulm gibt es seit einem knappem halben Jahr die Gewaltopferambulanz. Hier können Opfer von sexualisierter Gewalt anonym Spuren sichern lassen. Die Einrichtung zieht eine erste Bilanz.

Die Gewaltopferambulanz, die zum Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Ulm gehört, wird genutzt. Es bedarf aber noch einiger Verbesserungen, sagen die Verantwortlichen. In der Ambulanz können sich Opfer melden und Spuren "gerichtsverwertbar" sichern lassen, die ansonsten bald verloren gehen würden. Sind die Spuren gesichert, haben Opfer die Möglichkeit, später die Tat anzuzeigen.

Männerhände, die Frauenhände festhalten (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Gewalt gegen Frauen hat während der Pandemie zugenommen, so die Erfahrung der Ulmer Gewaltopferambulanz Picture Alliance

Dr. Sabine Schütze, Oberärztin an der Ulmer Frauenklinik, hat in letzter Zeit besonders ein Fall sexualisierter Gewalt beschäftigt: Es ging um eine junge Frau, die zu einer anonymen Spurensicherung kam. Über die sozialen Netzwerke hatte sie einen Mann kennengelernt, mit dem sie sich in Coronazeiten direkt privat getroffen hat. Es kam zu einer Vergewaltigung. Aus religiösen Gründen, so die Ärztin, durfte die Frau die Tat nicht zur Anzeige bringen, weil ihr sonst eine familiäre Strafe gedroht hätte.

"Die Frauen müssen auf sich achten"

Doch auch dann, so die Oberärztin, sei es wichtig, die Spuren am eigenen Körper anonym an der Uniklinik zu sichern und seinen Körper untersuchen zu lassen. Denn es gehe nicht nur um die Sicherstellung der DNA des Täters, sondern auch um die Vorbeugung von Infektionen und Verhinderung einer Schwangerschaft.

"Unabhängig davon, ob das jemals zur Anzeige kommt, müssen die Frauen auf sich achten!"

Die ersten Erfahrungen sind gemacht. Nun hat man beschlossen, dass die Frauenklinik noch enger mit der Rechtsmedizin zusammenarbeitet. Im Fokus steht das Vorgehen bei der Beweissicherung. Schließlich müssen die Beweise auch vor Gericht Bestand haben.

"Ich schaue mir die Person von Kopf bis Fuß an", sagt Ines Ackermann, Rechtsmedizinerin an der Ulmer Uniklinik. Sind Verletzungen feststellbar, Hämatome oder Kratzer? All das wird dokumentiert. Spurensicherung umfasst aber natürlich auch die Sicherung von DNA: So wird nachgeschaut, ob Körperflüssigkeiten der Person, die vergewaltigt hat, vorhanden sind. Auch eine Blutentnahme und eine Urinprobe seien wichtig - vor allem wenn es um K.O.-Tropfen geht.

Manche Beweise sind nur wenige Stunden nachweisbar

Gerade dann sollte die Frau schnell die Frauenklinik aufsuchen. K.O-Tropfen könnten schon nach wenigen Stunden nicht mehr nachweisbar sein. Doch eben all diese frauenärztlich und rechtsmedizinisch dokumentierten Befunde sind ausschlaggebend, falls sich die Frau irgendwann entscheiden sollte, das Delikt anzuzeigen. Die ärztliche Spurensicherung an der Uniklinik ist kostenlos - absolute Anonymität wird garantiert. Die Daten würden nicht herausgegeben und mindestens ein Jahr gespeichert.

Immer mehr "Raum für sexuelle Gewalt"

Sabine Schütze hat gemerkt, dass es seit Corona mehr sexuelle Übergriffe gibt. Ein Grund dafür ist ihrer Meinung nach, dass über Datingportale die Treffen nicht mehr in Cafés stattfinden, sondern vor allem im Privaten. Dadurch entstand immer mehr Raum für sexuelle Gewalt, so die Ärztin.

"Das ist doch mein Freund eigentlich..."

Das Angebot der anonymen Spurensicherung an der Frauenklinik ist nach Auffassung der Rechtsmedizinerin Ines Ackermann sehr wichtig. Eine Vergewaltigung sei schließlich ein traumatisierendes Ereignis - und "ganz häufig bei den Frauen noch mit Scham behaftet". Es stünden Gedanken im Raum wie: 'War das jetzt meine Schuld, kann ich dafür, dass das jetzt passiert ist?' Hinzu komme, dass es Vergewaltigung auch in der eigenen Familie gebe, im Freundeskreis. Dies erschwere die Entscheidung über eine Anzeige. Oft, so Ackermann, denken die Frauen, 'das ist doch mein Freund eigentlich'.

Es sei ein Prozess, die Tat zu begreifen und zu entscheiden, wie es nun weitergehen soll, sagt Ines Ackermann. Dies ist der Grundgedanke der Gewaltopferambulanz: Den Opfern Zeit zu lassen, statt Entscheidungen in traumatisiertem Zustand treffen zu müssen.

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