Einsatzkräfte der Polizei und der Feuerwehr stehen in einem Industriegebiet vor einem Verwaltungsgebäude in dem durch eine Explosion drei Personen verletzt wurden (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa Bildfunk, Simon Adomat)

SWR2 Podcast - "Sprechen wir über Mord!?"

Prozess um Paketbomben: Der Fall von Klaus S. aus Ulm

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Holger Schmidt

Monatelang galt Klaus S. aus Ulm als hochgefährlicher Paketbomber. Im November 2021 sprach ihn das Landgericht Heidelberg frei. Im SWR erzählt er erstmals seine Geschichte.

Im Schlafanzug saßen der pensionierte Elektriker Klaus S. und seine Frau im März vergangenen Jahres auf der Couch vor dem Fernseher. Eine Sekunde später war in ihrem Leben nichts mehr wie zuvor. 

"Ich dachte, es gibt ein Erdbeben. So hat das Haus sicher gezittert, weil die Herrschaften vom SEK mit der Ramme die Tür aufgerammt haben."

Laute Schreie "Polizei, Polizei!" habe er gehört, sei aus dem Wohnzimmer geschleppt und vor seinem Haus auf den Boden geworfen worden. Im Gegensatz zu seiner Frau habe er gleich verstanden, dass es die Polizei sei - nur was sie wollte, konnte sich Klaus S. nicht erklären.  

Einen Vorgeschmack auf die neue Folge "Der Paketbomber - Unschuldig vor Gericht" des SWR2 Podcasts "Sprechen wir über Mord!?" gibt es hier zum anhören:

Für das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und die Staatsanwaltschaft Heidelberg galt Klaus S. damals als verdächtig, hinter zwei Paketbombenanschlägen auf die Lidl Konzernzentrale in Neckarsulm und die Firma ADM Wild bei Heidelberg zu stehen. Eine dritte Paketbombe an den Nahrungsmittelhersteller Hipp konnten die Ermittler abfangen. Alle Pakete waren in Ulm zur Post gebracht worden.  

Klaus S. muss in Untersuchungshaft

Die Verpackung der Bombe führte zu einem Hersteller, bei dem auch Klaus S. Kartons gekauft hatte. So kam er ins Visier der Fahnder. Als dann in seiner Wohnung eine Großpackung Streichhölzer gefunden wurden und von den ehemals zehn Kartons ausgerechnet drei fehlten, kam er in Untersuchungshaft.  

Wie im Krimi sei es gewesen, sagt Klaus S.. Polizeigewahrsam, am nächsten Tag dann die Vorführung beim Ermittlungsrichter, dann tatsächlich Untersuchungshaft. "Ich habe nur an das Wort mit 'S' gedacht, Scheiße!", sagt er. Stets beteuert er seine Unschuld, doch die Ermittler lassen nicht locker. 

Kartons und Streichhölzer als Indizien für Paketbombenanschläge

Sie suchen immer neuen Indizien, doch später vor Gericht fällt alles wie ein Kartenhaus zusammen. Die fehlenden Pakete sind aus einer anderen Charge als die Bomben. Die Streichhölzer haben die falsche chemische Zusammensetzung, an den Werkzeugen von Klaus S. werden keine Übereinstimmungen mit Bomben gefunden. Eine DNA-Spur in den Paketen ist nicht von ihm, auch hat er keine Katze, obwohl Katzenhaare in den Bomben sind. Als ein Gutachter es für eindeutig hält, dass nicht Klaus S. auf Überwachungsvideos der Post zu sehen ist, wird der Haftbefehl aufgehoben. Später kommt dann der Freispruch. 

Fair habe er sich vom Landgericht Heidelberg behandelt gefühlt, sagt Klaus S. Kein Verständnis hat er dagegen für Polizei und Staatsanwaltschaft. Der wahre Täter ist bis heute unbekannt. Klaus S. vermutet, dass er nie gefunden wird: "Er hatte ja alle Zeit der Welt, die Beweise zu vernichten!" 

Strafrechtsexperte Fischer hat Fall analysiert und wundert sich 

Für den SWR2 Podcast "Sprechen wir über Mord?!" hat der frühere Vorsitzende Bundesrichter und Strafrechtsexperte Thomas Fischer den Fall analysiert. Auch er kann über den Gang der Ermittlungen nur den Kopf schütteln. "Es ist wirklich erstaunlich, wie viel da nicht nur weggedrängt wurde, sondern im Gegenteil herbeigezogen", so Thomas Fischer. Selbst einige Indizien, die gegen Klaus S. gesprochen hätten, seien "dann doch irgendwie so hingedreht" worden, dass sie gegen ihn sprachen.  

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Thomas Fischer sieht eines der Probleme des Falles darin, dass die juristische Ausbildung späterer Richter und Staatsanwälte nicht darauf vorbereite, wie sie Beweise und Indizien richtig würdigen. "Das kommt im Studium gar nicht vor, man kann es allenfalls aus dem Lesen von BGH-Entscheidungen ableiten, aber selbst BGH-Richter haben es ja nicht wirklich gelernt", so Fischer.

Paketbombenanschläge: Täter bis heute unbekannt  

Auch die Staatsanwaltschaft Heidelberg kommt im SWR2 Podcast zu Wort. Doch der zuständige Oberstaatsanwalt Dr. Lars-Jörgen Geburtig sieht keine eigenen Fehler und deshalb auch keinen Grund für eine Entschuldigung. Eine Entschädigung für die Untersuchungshaft soll es aber für Klaus S. geben. Die Suche nach dem wahren Täter dauert bis heute an, sagt die Staatsanwaltschaft Heidelberg.  

Klaus S. wartet bis heute auf seine Entschädigung für die Haft und die Kosten der Reparatur seiner Wohnungstür.

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Holger Schmidt