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Angesichts des Missbrauchsfalls in Münster dürfe man den alltäglichen Missbrauch nicht aus dem Blick verlieren. Das sagt der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert. Im SWR-Interview fordert er mehr Aufmerksamkeit.

SWR: Professor Fegert, der Missbrauchsfall von Münster ist in dieser Monstrosität und Masse wohl überall möglich. Sehen Sie das auch so?

Jörg Fegert Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie Ulm (Foto: SWR, Soeren Stache)
Jörg Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie Ulm Soeren Stache

Professor Jörg Fegert: Ja, es ist auf jeden Fall so, dass man meistens stutzt über diese großen Skandalfälle und die Häufigkeit von sexuellem Missbrauch im Alltag nicht wahrnimmt. Sexueller Missbrauch geschieht überall. Insofern ist es ganz wichtig, das Allgemeine im Blick zu halten. Dennoch muss man sagen, ist es natürlich ein Unterschied, ob es sich um organisierte Kriminalität mit einer gezielt brutalsten Ausbeutung von Kindern mit Verbreitung im Internet handelt, oder ob es Übergriffe innerhalb einer Familie sind. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Umgang damit, auch auf die Prävention. Gegen so etwas können sich Kinder nicht wehren. Und da hilft auch der Ansatz "Kinder stark machen" nicht, sondern da geht's ganz stark darum, dass wir als Gesellschaft aufmerksam sind, dass Lehrer, Eltern anderer Kinder, dass Kindergärtner aufmerksam sind.

Und wir müssen, glaube ich, auch der Polizei andere Ermittlungsmöglichkeiten geben. Ich war immer gegen die Vorratsdatenspeicherung. Aber wenn ich sehe, dass wir Hinweise nur aus den USA, aus Kanada und Australien bekommen, auf die IP-Adressen solcher Täter, dann ist es angesichts solcher Taten völlig unverhältnismäßig. Und wir hatten in Baden Württemberg den Fall mit Staufen. Wir hatten den Fall Lügde. Und selbst in den, ich sag es mal so, versifften Wohnwagen hatten die das technische Equipment, um ihre brutalen Taten zu verkaufen. Das ist eine organisierte Kriminalität. Und ich denke, da muss man sich auch weiterentwickeln

Können denn Kinder besser geschützt werden?

Kinder können auf jeden Fall besser geschützt werden. Und das fängt im Alltag an, dass wir da sensibler sind. Wir haben in der Kommission, in Baden-Württemberg gab ja eine Kommission zum Kinderschutz, zum Beispiel hervorgehoben, dass wir die Rolle der Mütter auch stärker in den Blick nehmen müssen. Natürlich sind das sehr viele männliche Täter, ungefähr 90 Prozent. Aber es gibt weibliche Mittäter. Mütter, die ihre Kinder nicht schützen oder teilweise, wie im Staufener Fall, auch aktiv am Missbrauch mitwirken. Und das ist etwas, was wir auch von professioneller Seite aus zu wenig im Blick hatten. Wir müssen mehr Fortbildungen machen. Und wir müssen vor allem akzeptieren, wie häufig das ist. Die Bundesrepublik hat sich verpflichtet, gewaltfreies Aufwachsen von Kindern als Nachhaltigkeitsziel zu akzeptieren. Dazu gehört auch, dass wir regelmäßig Dunkelfeldbefragungen machen, um zu wissen, ob die Prävention überhaupt funktioniert und um herauszubekommen, wo wir da noch besser werden können.

Gibt es denn eine Vermutung, wie häufig sexuelle Gewalt an Kindern aktuell der Fall ist?

Ja. Wir haben wiederholt Repräsentativumfragen gemacht, mit ungefähr 2.500 Jugendlichen und Erwachsenen. Und da kommt man, je nachdem, wie breit man die sexuellen Übergriffe definiert, auf Zahlen um zehn Prozent bis 13, 14 Prozent der Gesamtbevölkerung, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Wenn man sehr weit definiert. Wenn man brutale Übergriffe mit Penetration und so weiter nimmt, dann sind es zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Das sind riesige Zahlen. Wenn ich das als Prozentzahlen ausspreche, dann klingt das klein. Aber das ist eine riesige Dimension. Und das muss man mit im Blick behalten.

Es heißt, es gibt Wissensdefizite beim Thema sexuelle Gewalt. Als Durchschnittsbürger, was muss ich denn wissen?

Dass es wirklich sehr, sehr häufig ist und dass das jedem passieren kann. Dass ich das ernst nehmen muss, wenn ein Kind mich anspricht, dass ich dann auch zum Beispiel Kontakt zum Jugendamt suchen muss. Dass Kinder sich in solchen Situationen nicht selber schützen können. Wenn Kinder, wie in dem jetzigen Fall, offenbar noch mit Medikamenten betäubt wurden, dann geht es wirklich um die Aufmerksamkeit der Personen, die drumherum stehen. Und dann geht es um die technischen Möglichkeiten. Ich glaube, viele Erwachsene können es sich überhaupt nicht vorstellen. Es gibt ja auch sehr viele deutsche Männer, die Kinder weltweit missbrauchen, auf den Philippinen zum Beispiel, indem sie Aufträge zu Vergewaltigungen geben, die dann gefilmt werden. Die Dimension dieser kommerziellen Ausbeutung von Kindern und welches Leid da gerichtet wird - das denke ich müssen wir stärker ins Bewusstsein bringen.

Und wir müssen auch wissen, dass wir diesen Kindern recht gut helfen können, weil wir sehr effektive Traumatherapien haben. Ich höre häufig, betroffene Kinder sind für das Leben geschädigt und dass das Leben dieses Kindes vernichtet worden ist. Das ist nicht so. Wir können auch schwer betroffenen Kindern helfen. Das heißt, man darf auch nie die Flinte ins Korn werfen und sagen, dass es jetzt vorbei ist bei so einem Leben, sondern wir sind aufgerufen, diesen Kindern zu helfen.

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