Die Situation im Libanon ein Jahr danach

Explosion in Beirut: Ein Student aus Ulm erinnert sich

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Ein Jahr später erinnert sich Sarkis Donabedian ganz genau daran, wie er von der Explosion in Beirut erfahren hat. Es waren "Stunden des Schreckens", schildert der Ulmer Student.

Sarkis Donabedian kommt gebürtig aus Syrien. Seine zwei Schwestern mit ihren Familien und viele Freunde wohnen jedoch seit einigen Jahren in Beirut im Libanon. Auch er selbst hat zehn Jahre dort studiert und gearbeitet. An den 4. August kann sich der 27-Jährige, der seit etwa einem Jahr in Ulm studiert, ganz genau erinnern.

Nach einem stressigen Unitag habe er am Nachmittag auf seinem Bett gelegen. Plötzlich sei die Eilmeldung zur Explosion im Libanon auf seinem Handy aufgeploppt. Am Anfang habe er die Katastrophe gar nicht fassen können. "In Beirut passiert jeden Tag etwas: sei es ein großer Protest oder eine abgebrannte Fabrik", sagt der 27-Jährige. Der Libanon sei einfach ein Land der Aktionen, aber im negativen Sinn.

Schwager arbeitet am Hafen in Beirut

Als er die Ausmaße der Explosion begriffen habe, habe er direkt seine Familie angerufen, zuerst seinen Schwager. Er hat sein Büro ganz in der Nähe des Hafens von Beirut. Ihm ist bei der Explosion nichts passiert, er war schon im Feierabend. Sein Büro jedoch wurde zerstört, erzählt Donabedian.

Zerstörung in Beirut nach Explosion (Foto: Sarkis Donabedian)
Ein Bild, das Sarkis Donabedians Schwager nach der Explosion machte - vieles wurde zerstört. Sarkis Donabedian

Selbst Monate nach der Explosion ist die Situation vor Ort immer noch schwierig. Der 27-Jährige war selbst im Dezember an Weihnachten in Beirut. Der Distrikt sei immer noch zerstört. Er habe aus Respekt der Verstorbenen keine Fotos von der Katastrophe machen wollen. "Aber es war richtig traurig", sagt der Ulmer Student. Straßen seien immer noch komplett zerstört. Wo früher Häuser standen, sei heute nur Schutt zu sehen. Viele Gebäude, die noch stehen, haben laut Donabedian keine Fenster mehr.

Beirut heute - wie die Situation nach einem Jahr ist

Dass immer noch die Trümmer der Katastrophe zu sehen sind, sei Schuld der Korruption, aber auch die der Gesellschaft vor Ort, die dieses System unterstützt, sagt Donabedian: "Es ist das korrupteste politische System, was ich je gesehen habe. Politiker leben in ihrer virtuellen Realität, die sie sich in ihrem Kopf geschaffen haben."

Sarkis Donabedian (Foto: Sarkis Donabedian)
Sarkis Donabedian (links hinten) mit seiner Familie, bei seinem Besuch im Dezember 2020. Sarkis Donabedian

Der 27-Jährige und seine Familie haben auf eine Veränderung nach der Explosion gehofft. "Wenn die schlimmste Situation eintritt und du denkst, es kann nicht noch schlimmer werden, da sollte ein Weg sein, Dinge zu ändern", sagt der Ulmer Masterstudent. Doch der politische Wechsel sei nie eingetreten. Seine Familie habe daher resigniert. Einer seiner Schwager sei nach Dubai gezogen, eine Schwester will mit ihrer Familie in die USA.

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