Stadtansicht vom Ulmer Münster in Ulm (Foto: IMAGO, Jürgen Ritter)

Abschiedsgottesdienst im Ulmer Münster

Designierter Bischof Ernst-Wilhelm Gohl wird als Ulmer Dekan verabschiedet

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Rainer Schlenz
Rainer Schlenz (Foto: Spiesz-Design/Sabine Weinert-Spieß)

Nur noch wenige Tage, dann ist Ernst-Wilhelm Gohl evangelischer Landesbischof in Württemberg. An diesem Wochenende nimmt er Abschied als Dekan in Ulm - mit einem großen Gottesdienst im Ulmer Münster.

Das Ulmer Münster ist ein Ort voller Erinnerungen für Ernst-Wilhelm Gohl. Etwa der große, halbrunde Kerzentisch im Nordschiff: Ganz oft sieht man Menschen dort, die fast versunken ins Kerzenlicht schauen, nachdenken, beten. Eigentlich, so lächelt Ernst-Wilhelm Gohl, ist so ein Kerzentisch eine katholische Angelegenheit - und steht dennoch im protestantischen Münster.

Kerzentisch im Ulmer Münster (Foto: SWR, Rainer Schlenz)
Eine katholische "Erfindung" im protestantischen Ulmer Münster: Der Kerzentisch zieht jeden Tag viele Menschen an. Rainer Schlenz

Als Ernst-Wilhelm Gohl nach Ulm kam, war der Kerzentisch noch umstritten. Die Frage war: Passt das in eine evangelische Kirche hinein? Diese Zeiten seien vorbei, so Gohl. Es bestehe ein große Nähe zur katholischen Gemeinde. Ein Gegeneinander der Konfessionen würde auch niemanden nützen: "Jetzt, da die Christen weniger werden, macht man sicher keine gute Werbung für die Kirche, wenn sich die Konfessionen auch noch das Leben schwer machen".

"Sobald es darum geht, Menschen auszugrenzen, entspricht das nicht meinem Verständnis der Heiligen Schrift."

Ernst-Wilhelm Gohl erläutert bei der Pressekonferenz, was er als neuer Landesbischof Württemberg vorhat.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod)
Ernst-Wilhelm Gohl erläutert, was er als neuer Landesbischof Württemberg geplant hat. picture alliance/dpa | Bernd Weißbrod

Warum sich Ernst-Wilhelm Gohl für Segnung gleichgeschlechtlicher Paare einsetzt

Gohl ist ein Mann der Ökumene. Von der katholischen Kirche könne die evangelische zum Beispiel die Sinnlichkeit lernen, sagt er. Seine Offenheit zeigt sich deutlich auch in einem ganz anderen Thema: im Umgang mit homosexuellen Menschen. Gohl hat sich entschieden für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in der evangelischen Kirche eingesetzt. Jeder Mensch hat eine unendliche Würde, so Gohl. "Und so bald es darum geht, Menschen auszugrenzen, entspricht das nicht meinem Verständnis der Heiligen Schrift."

Melchior-Figur der Weihnachtskrippe im Ulmer Münster (Foto: SWR, Volker Wüst)
Eine problematische Darstellung, die Figur unterstreiche Stereotype, die man heute als rassistisch bezeichnen muss, sagt Dekan Ernst-Wilhelm Gohl. Volker Wüst

Mit seiner Haltung hat Gohl auch Widerstand provoziert: Nach der Entscheidung etwa, den schwarzen König Melchior wegen seiner rassistischen Stereotype aus der Weihnachtskrippe zu entfernen, erhielt er wütende Mails. Während einer Impfaktion im Münster bekam er Drohbriefe. Es gehe nicht darum, Diskussionen zu verschärfen, aber darum, Haltung zu zeigen - und dennoch Brücken zu bauen. Das Bild sei ihm an der Ulmer Herdbrücke gekommen, wo er wohnt, erzählt Gohl: "Du brauchst einen stabilen Pfeiler, einen Standpunkt. Und wenn du diesen hast, dann kannst du auch einen Bogen schlagen".

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Liberale Familientradition: Auch der Großvater und der Vater waren Pfarrer

Position zu beziehen, hat eine Familientradition: Gohls Großvater, ebenfalls Pfarrer, hat für seine Überzeugung gegen die Nationalsozialisten sogar mit dem Leben bezahlt. Auch der Vater war Pfarrer, erzählt Gohl, ein freidenkender Mensch. Denkverbote gab es da keine. Wird diese familiäre Linie nun mit dem Bischofsamt gekrönt? Gohl winkt ab: Status habe in der Familie keine Rolle gespielt. Es ging nie darum, Karriereziele abzustecken, sondern um die Frage: Was liegt mir an der Kirche? An welchem Ort kann ich mich bestmöglich dafür einbringen?

"Wenn wir aus lauter Angst, Fehler zu machen, nichts machen, dann ist das der größte Fehler."

Dieser Ort wird nun Stuttgart sein. Die Vorfreude ist Ernst-Wilhelm Gohl anzumerken. Aber ebenso blickt er, wie er es nennt, mit einer "evangelischen Nüchternheit" auf das Bischofsamt: Eines will Gohl auf jeden Fall: den Kirchengemeinden Entscheidungsspielraum lassen - und auf allen Ebenen Mut machen. Kirche müsse Dinge ausprobieren und eine Fehlerkultur zulassen. "Wenn wir aus lauter Angst, Fehler zu machen, nichts machen, dann ist das größte Fehler. Und dazu zu ermutigen, kann ein Bischof an zentraler Stelle Einiges tun."

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