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Tausende Deutsche beginnen jedes Jahr ein neues Leben im Ausland. Doch wie ist der Alltag eigentlich mitten in einer Pandemie? Fünf Auswanderer aus Ulm Biberach und Heidenheim erzählen ihre Geschichte.

Gabriele Lenerz lebt seit einem Jahr in einem kleinen Dorf in Portugal. (Foto: Privat)
Gabriele Lenerz lebt seit einem Jahr in einem kleinen Dorf in Portugal. Privat

Die Ulmerin Gabriele Lenerz lebt zurzeit in einem Land, das mit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen ist. Vor einem Jahr wanderte die Heilpraktikerin und Osteopathin an die portugiesische Atlantikküste aus. Im Februar wurde in Portugal die höchste Infektionsrate weltweit verzeichnet.

"Sehr dramatische" Situation in Portugal

Die Situation habe sich schon "sehr dramatisch zugespitzt", erzählt Lenerz. Seit Mitte Januar gilt daher auch ein verschärfter Lockdown in Portugal. Eigentlich hätte die Ulmerin zwei Mal pro Woche Portugiesisch-Unterricht, doch dieser falle mindestens bis zum 16. März aus.

"In dem Dorf, in dem ich wohne, merkt man überhaupt nichts. Wir sind alle auf der Straße und unterhalten uns."

Gabriele Lenerz

Lenerz lebt in einem kleinen Dorf an der Atlantikküste, etwa 75 Kilometer nordwestlich von Lissabon. Hier scheint das Leben fast normal zu laufen, erzählt sie. "In dem Dorf, in dem ich wohne, merkt man überhaupt nichts. Wir sind alle auf der Straße und unterhalten uns." Natürlich werde der Abstand eingehalten. In den größeren Städten sei das anders. Diese seien fast wie ausgestorben. "Die Leute bleiben wirklich zuhause", sagt die Ulmerin.

So erlebt ein Professor in Kalifornien die Coronakrise

Auch die USA ist von der Coronakrise gebeutelt. Erst kürzlich wurde die traurige Schwelle von einer halben Million Corona-Todesfälle überschritten. Seit Ende letzten Jahres wird in den USA fleißig geimpft. Auch der Geschichtsprofessor Frank Biess, der gebürtig aus Gerstetten (Kreis Heidenheim) stammt, hat bereits die erste Impfung bekommen. "Die zweite Impfung steht noch aus, die kriege ich dann in gut zwei Wochen", erzählt Biess, der in San Diego in Kalifornien lebt.

Er gehöre zur Kategorie der Lehrenden und habe daher schon die Impfung erhalten. Dabei sei eine Rückkehr zum Präsenzunterricht in diesem akademischen Jahr noch gar nicht geplant. "Ich glaube, die Impfung zielt darauf ab, dass das dann ab Herbst wieder anders funktioniert", erzählt er. An den Online-Unterricht habe Biess sich erstmal gewöhnen müssen, aber dieser biete auch Vorteile.

"Das ist für einen Teenager nicht schön, wenn er überhaupt keine Möglichkeit hat, mit seinen Freunden zusammen sein zu können."

Professor Frank Biess

Am meisten betroffen von der Krise sei sein Sohn. Der 15-Jährige sei seit März vergangenen Jahres nicht mehr in der Schule gewesen. "Das ist für einen Teenager nicht schön, wenn er überhaupt keine Möglichkeit hat, mit seinen Freunden und Gleichaltrigen zusammen sein zu können."

Corona-Alltag in England

Eine junge Frau mit ihren Kindern schießt ein Selfie und lächelt in die Kamera (Foto: Privat)
Pascale Dilger lebt mit ihren Kindern in Bath in Südengland. Privat

Neben Portugal und der USA ist auch Großbritannien stark von der Pandemie betroffen. Vor allem die Mutationen machen der Insel zu schaffen. Seit 14 Jahren lebt die gebürtige Ulmerin Pascale Dilger im südenglischen Bath. Sie ist selbstständige Textildesignerin und hat zwei Kinder.

"Es war sehr anstrengend, aber nicht so schlimm wie ich dachte."

Pascale Dilger über das Home-Schooling

Die Schulen in England waren lange Zeit geschlossen. Ab Montag sollen sie wieder öffnen. Ein Lichtblick für Dilger. "Es war sehr anstrengend, aber nicht so schlimm wie ich dachte, dass es sein könnte", erzählt sie. Ihr zwölfjähriger Sohn und ihre sechsjährige Tochter seien gut mit dem Lernen von zu Hause aus klar gekommen.

Dilger verfolge auch die Situation in Deutschland, denn ihre Mutter und ihre Schwester leben weiterhin in Ulm. Das Kontakthalten sei im vergangenen Jahr während der Coronakrise schwierig gewesen, erzählt sie. "Wir hoffen, dass es sich wieder normalisiert, dass wir alle zusammen in den Urlaub gehen können."

Lockerungen in der Schweiz

Sigrid Ostermeyer (Foto: Privat)
Sigrid Ostermeyer lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Privat

In der Schweiz normalisiert sich zurzeit bereits das Leben. Alle Geschäfte öffnen wieder und auch Sport darf mit 15 Menschen im Freien getrieben werden. Sigrid Ostermeyer aus Biberach lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Noch hat sie von den Lockerungen nicht viel mitbekommen. Denn sie sitze nach wie vor im Homeoffice. "Ich war noch gar nicht richtig draußen", sagt die Internetverantwortliche für die Berner Hochschule. Es gebe zwar Lockerungen, aber nach wie vor gelten strenge Hygienemaßnahmen.

"Ich will im Moment nicht nach Deutschland, vor allem nicht wegen meiner Mutter, weil ich sie nicht anstecken will."

Sigrid Ostermeyer

Im November sei sie das letzte Mal in der Heimat gewesen. Seitdem habe sie auch ihre 92-jährige Mutter nicht mehr gesehen. Mit Freunden verabrede sie sich digital, sagt Ostermeyer. Wann es das nächste Mal nach Deutschland geht, wisse sie noch nicht. "Ich will im Moment nicht nach Deutschland, vor allem nicht wegen meiner Mutter, weil ich sie nicht anstecken will", sagt sie. Zurzeit warte ihre Mutter auf die zweite Impfung, danach hoffe sie auf ein baldiges Wiedersehen.

Dominic Dorfner steht salopp an einem Fenster und lächelt in die Kamera (Foto: Privat)
Dominic Dorfner kehrt im Sommer nach Heidenheim zurück Privat

Während viele Länder also eher vorsichtige Lockerungen planen, ist in Shanghai fast schon der normale Alltag eingekehrt. Dominik Dorfner aus Heidenheim lebt und arbeitet seit gut dreieinhalb Jahren bei Voith Turbo in der chinesischen Metropole. Mitten in der Corona-Pandemie ist er also in dem Land, in dem das Virus seinen Ursprung fand. Lockdowns, Maskenpflicht und Co. - all das beeinflusste das Leben in Shanghai wesentlich früher als in Deutschland.

Masketragen und Fiebermessen gehören in Shanghai zum Alltag

"Natürlich hat sich das ein oder andere verändert im Vergleich zu vor zwei, drei Jahren, aber sonst ist das Leben wieder normal", sagt Dorfner. In U-Bahnen und Flugzeugen tragen die Menschen Masken. Es gebe Gebäude, bei denen die Körpertemperatur gemessen werde. Seine Kinder zum Beispiel müssten jeden Morgen vor der Schule Fieber messen.

Doch Masketragen sei in asiatischen Ländern ohnehin schon Usus. Daher habe das im Gegensatz zu Deutschland nicht zu einem Aufruhr geführt. Dorfner plant im Sommer seine Rückkehr nach Heidenheim. "Nach vier Jahren mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir hatten hier eine extrem gute Zeit", sagt er.

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