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Während der Corona-Pandemie ist Integration schwierig geworden. Vieles läuft nur noch über das Telefon, es gibt selten direkte Treffen. Drei Geflüchtete erzählen ihre Geschichten.

Die 39-jährige Frau mit den blonden Locken möchte nur ihren Vornamen verraten: Veronika. Sie hat vor zwei Jahren Belarus verlassen und ist ihrem lettischen Ehemann nach Ulm gefolgt. Er hat hier Arbeit als Lkw-Fahrer bei einer Spedition gefunden. Veronika ist Ärztin und möchte ihren Beruf auch in Deutschland ausüben, erzählt sie. "Es ist nicht einfach in einem neuen Land Menschen, Sprache und Gesetze kennenzulernen."

Der Weg ist also lang: Deutsch lernen, Anerkennung der Diplome als Allgemeinärztin, medizinische  Fachsprachprüfung in Stuttgart. Vor allem aber schmerzt die Weißrussin die Trennung von ihrem elf Jahre alten Sohn. Er wohnt immer noch in Weißrussland, bei ihrer Mutter.

Kindernachzug während Corona schwierig

Wegen der Pandemie und der politischen Situation unter Diktator Lukaschenko kann sie ihren Sohn nicht besuchen. Veronika will ihn gerne zu sich nach Ulm holen. "Kindernachzug ist kompliziert. Das funktioniert hier leider nicht so einfach", sagt Eugen Bogdashkin von der Ulmer Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Der Migrationsberater, der auch russisch spricht, tut was er kann, aber Corona erschwert auch seine tägliche Arbeit. Vieles laufe während der Pandemie über das Telefon. Das funktioniere oft nicht gut. Bei persönlichen Treffen spielen nämlich vor allem Gesten und Körpersprache eine große Rolle. Während der Pandemie seien diese aber oft gar nicht möglich gewesen. Sozialpädagoge Michael Wichert von der Caritas in Ehingen hat keinen Tag Home Office gemacht. "Ich war immer da. Der Briefkasten war immer geöffnet. Es war ganz wichtig, auch ein Türgespräch zu führen oder einen Walk und Talk mit den Menschen zu machen", erzählt er.

Bis 2020 hat er intensiv Sarkowt Abdulameer begleiten können. Der Bauingenieur war 2015 mit Frau und drei Kindern wegen des Kriegs aus dem Nordirak geflohen. Für ihn war Migrationsberater Wichert sozusagen ein Glücksbringer. Er konnte der irakischen Familie aus dem Neu-Ulmer Flüchtlingsheim eine Wohnung der Kirchengemeinde Ulm-Jungingen vermitteln.

Sozialpädagoge Michael Wichert von der Migrationsberatung der Caritas Ehingen mit seinem Schützling Sarkowt Abdulameer, Bauingenieur aus dem Nordirak. (Foto: SWR, Anita Schlesak)
Sozialpädagoge Michael Wichert von der Migrationsberatung der Caritas Ehingen mit seinem Schützling Sarkowt Abdulameer, Bauingenieur aus dem Nordirak. Anita Schlesak

"Die ersten Schritte waren schwierig - mit der Sprache, mit der Integration", erzählt der heute 42-jährige Familienvater. Bei den Anfangshürden etwa der Bürokratie habe Wichert die Familie stets unterstützt. Abdulameer ist mittlerweile Bauingenieur bei der Stadt Ulm. Seine Frau arbeitet bei einer Baufirma und die Kinder gehen aufs Gymnasium. Jetzt steht sogar der Umzug ins eigene Haus an. "Es war richtig anstrengend, aber Gott sei Dank hat es geklappt", sagt der Bauingenieur.

Jugendmigration während der Corona-Pandemie

Auch viele junge Menschen kommen nach Deutschland, um einen Neuanfang zu wagen. Etwa die junge Muslima Noura Hasan. Die 17-jährige Schülerin stammt aus Syrien. Innerhalb der vergangen zweieinhalb Jahren sei sie durch den Verband IN VIA, der Mädchen und Frauen im Fokus hat, in Ulm heimisch geworden.

Ende 2018 floh Noura Hasan mit ihrer Mutter und den vier Geschwistern aus Damaskus und folgte dem zuvor nach Ulm geflohenen Vater. Durch die intensive Betreuung habe sie Deutsch schneller gelernt. "Ich habe mit anderen viel Kontakt gehabt. Es hat nicht immer mit Lernen zu tun, sondern mit vielen Aktivitäten wie zum Beispiel ins Kino gehen, Klettern und vieles mehr", erzählt die 17-Jährige.

Mit der Zeit hat sich ein besonders enges Verhältnis zu ihrer Betreuerin Hanna Bareiß von der Jugendmigrationsberatung IN VIA entwickelt. "Ich habe einen kleinen Stamm an jungen Mädchen, mit denen ich eine gute Beziehung aufbauen konnte", erzählt Bareiß.

Noura schätzt die Gespräche mit ihrer Beraterin, die sie liebevoll Frau Hanna nennt. Mit ihr habe sie eine "flüssigere Beziehung" als mit ihrer Mutter. Das liege wahrscheinlich am Alter: "Mit Frau Hanna ist es viel, viel leichter", erzählt Noura. Die 17-Jährige macht zurzeit ihren Schulabschluss. Ab August beginnt sie ein Freiwilliges Soziales Jahr am Bundeswehrkrankenhaus. Auch bei der Bewerbung habe Bareiß hier geholfen. Danach möchte Noura Chemielaborantin oder Krankenschwester werden.

Kontakthalten während Corona schwierig

Die Pandemie war für viele junge Geflüchtete nicht leicht. "Was man durch Corona schon feststellen muss, ist, dass man zu Vielen den Kontakt verliert oder sie nicht den Kontakt zu uns finden", schildert Hanna Bareiß. Und auch Gewalt in den Familien bekomme man als Betreuerin nicht mehr mit.

Beratungen per Telefon und Lernen online macht es für junge Migrantinnen und Migranten erst recht kompliziert. Der Kontakt via Zoom und Whatsapp ist zwar möglich, aber mühsamer und spärlicher. "Für mich war es hart. Da habe ich ein bisschen was verloren. Wenn man jemanden sieht, ist es anders mit der deutschen Sprache", bedauert auch Noura  Hasan.

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