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Schwerverletzte Säuglinge, panische Anrufe aus dem Kinderzimmer: In Ulm berichten Ärztinnen und Psychologinnen von Gewalt gegen Kinder während der Corona-Ausgangsbeschränkungen.

Ein wenige Wochen alter Säugling wird in der Zeit der Corona-Ausgangsbeschränkungen in die Universitätskinderklinik in Ulm gebracht. Eine seiner Handinnenflächen ist verbrannt. Es ist eine Verletzung, bei der Ärzte und Pfleger aufmerksam werden. Ein Säugling in diesem Alter kann nicht selbständig zu einer Herdplatte oder einem Bügeleisen laufen. Die Hand streckt ein so kleines Baby nicht flach aus, sondern ballt sie zur Faust.

Der Eingang der Kinderklinik der Uniklinik Ulm. Hierher wurden in der Corona-Zeit schwerverletzte Säuglinge gebracht, die vermutlich misshandelt wurden  (Foto: z-media, Ralf Zwiebler)
Während der Corona-Pandemie kamen schwerverletzte Säuglinge in die Universitätskinderklinik. Die Ärzte dort vermuten Gewalt als Ursache für die Verletzungen z-media, Ralf Zwiebler

Deshalb untersuchen Kinderchirurgin Melanie Kapapa und ihre KollegInnen das Baby weiter: "Dieses Kind hatte einen Bruch des Oberarms, mehrere Rippenbrüche und multiple blaue Flecken im Gesicht, im Halsbereich und hinter den Ohren. So etwas ist für uns immer hochgradig auffällig."

Verletzungen durch Gewalteinwirkung

Es sind Verletzungen, die durch Gewalt entstanden sein könnten, so vermuten die Ärztinnen, Kinderkrankenschwestern und Psychologen der Kinderschutzgruppe. Diese interdisziplinäre Gruppe in der Klinik berät sich bei verdächtigen Fällen. Das tat sie auch bei weiteren Kleinkindern mit Brüchen der Rippen oder Oberarme, die während der Zeit der Ausgangsbeschränkungen in die Kinderklinik gebracht wurde. Das sind typische Verletzungen nach Gewalteinwirkung.

Ungewöhnlich viele schwerverletzte Kinder

Eine derartige Häufung von Fällen solch kleiner und schwerverletzter Kinder innerhalb weniger Wochen sei ungewöhnlich, meint Kinderchirurgin Melanie Kapapa, die seit 14 Jahren im Kinderschutz tätig ist. "Zusätzlich kamen viele Anfragen von kleineren Krankenhäusern, die ähnliche Beobachtungen gemacht haben."

Ein Jugendlicher mit einem Smartphone (Foto: SWR)
Beim Kinderschutzbund in Ulm riefen viele Kinder an, die in der Coronazeit Gewalt erfahren haben (Symbolbild).

"Wir hatten das Gefühl, die Kinder hatten richtig Panik, dass Mama oder Papa etwas passiert."

Bettina Müller, Leiterin des Kinderschutzbundes Ulm

Beim Kinderschutzbund in Ulm klingelte während der Ausgangsbeschränkungen oft das eigens eingerichtete Hilfstelefon. Überforderte Eltern, Nachbarn, die Gewalt gegen Kinder beobachtet hatten oder Kinder selbst meldeten sich, so Leiterin Bettina Müller: "Kinder haben uns angerufen, wenn sich die Eltern massiv gestritten haben. Da hatten wir das Gefühl, die Kinder hatten richtig Panik, dass Mama oder Papa etwas passiert."

Pädagogen nehmen erst jetzt wieder mögliche Gewalt wahr

Einschätzungen zur Kindeswohlgefährdung fanden in den letzten Wochen kaum statt. Doch nun nach der Öffnung der Schulen und Kindergärten wenden sich wieder mehr Lehrer und Erzieherinnen an den Kinderschutzbund. Bettina Müller zählte sechs Anrufe in der vergangenen Woche. Das sei viel für ihre Einrichtung. Pädagogen haben nun wieder Kontakt zu den Kindern, nehmen Spuren möglicher Gewalt wahr.

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Vorsicht Verbrechen SWR Fernsehen

Kinder gingen während der Schul- und Kitaschließungen seltener zu Kinderärzten, Logopädinnen oder Psychotherapeuten. Das sei wohl auch der Grund, warum die Zahl der Anrufe bei der Kinderschutzhotline zurückgegangen ist, vermutet Professorin Vera Clemens von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Ulm. Sie und ihre Kolleginnen beraten bundesweit an einer Hotline Fachkräfte in Gesundheitsberufen. 90 Anrufe im Schnitt seien normal. Im April gab es nur 59, so Vera Clemens. "Wir wussten ja, dass die Risikofaktoren da sind. Schule, Psychotherapie oder auch die Unterstützung vom Jugendamt fielen weg. Dazu kam ein ökonomischer Druck, der zu mehr Konflikten innerhalb der Familien führt. Deshalb war es gespenstisch, zu merken, die Zahl der Anrufe geht zurück."

Kindesmissbrauch: Ein Mädchen hält sich die Hände vors Gesicht (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)
Ist die Gewalt gegen Kinder in Coronazeiten gestiegen? Noch gibt es keine endgültigen Zahlen, aber erste Erfahrungsberichte von Ulmer Ärztinnen und Psychologinnen (Symbolbild) Picture Alliance

Schwerverletzter Säugling inzwischen in Pflegefamilie

Im Fall des schwerverletzten Säuglings ermittelt nun die Polizei. Das Baby lebt in einer Pflegefamilie.

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