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Eine Wohnung in Ulm und Umgebung zu finden, das ist für manche Menschen aus unterschiedlichsten Gründen schon fast unmöglich geworden. Die Caritas Ulm-Alb-Donau hat daher die Wohnrauminitiative "Türöffner" ins Leben gerufen. Koordinatorin Magdalena Tewes war im SWR Studio.

Immer mehr Menschen finden keinen Wohnraum, etwa, weil sie ein geringes Einkommen haben, alleinerziehend sind oder eine Behinderung haben. Und genau da will die Caritas helfen. Nämlich Wohnraum aufspüren, der im Moment noch gar nicht auf dem Markt ist, erklärt Magadalena Tewes im SWR- Interview.

SWR: Seit Mai gibt es die Wohnrauminitiative "Türöffner". Frau Tewes, Sie leiten und koordinieren das Projekt - was machen Sie denn da genau?

Magdalena Tewes: Wie der Name schon sagt - wir versuchen, für die Menschen Türen zu öffnen. Das heißt, auf der einen Seite stehen Mietsuchende - natürlich eine ganze Menge. Und auf der anderen Seite sind aber Menschen da, die große Häuser haben, große Wohnungen und gar nicht mehr den ganzen Platz nutzen. Die Erfahrung zeigt, vielleicht nutzen sie nur ein bis zwei Zimmer. Und genau da schalten wir uns ein. Wir sind beratend tätig. Das heißt, wir sind von Anfang an für die potenziellen Vermieter da, um deren Ängste zu nehmen, um alle Fragen der Vermietung zu klären und dann im nächsten Zug potenzielle Mieter auszusuchen, vorzustellen und zu gucken - passen die zusammen?

Das klang jetzt aber eben auch schon ein bisschen so, als würden Sie nicht einfach nur Wohnungen suchen, sondern als würden Sie auch tatsächlich so Wohngemeinschaften vermitteln. So eine große Villa ist nicht unbedingt unterteilt in fünf oder sechs verschiedene Wohnungen, sondern, die ist ja schon auf eine große Familie ausgelegt. Oder versuchen Sie doch, eher nur Wohnungen zu finden?

Das kommt ganz drauf an. Wir sind auf alles vorbereitet, oder wir können uns auf alles einstellen. Grundsätzlich soll jeder schon seinen privaten Wohnraum haben, den man auch zuschließen kann. Aber wenn sich eine wirkliche Beziehung, Freundschaft, Partnerschaft entwickelt durch unser Projekt, dann ist es eine absolute Win-Win-Situation. Denn es gibt sehr viele einsame Menschen, die sich Kontakt wünschen, die Notfall Kontakt auch im Haus haben wollen. Und auf der anderen Seite gibt es eben auch Menschen, die sehr wohl dazu bereit sind, vielleicht für ein paar weniger Euro Miete das zu leisten.

Wie finden Sie überhaupt die Wohnungen? Sie laufen ja jetzt wahrscheinlich nicht durch Ehingen und gucken, wo sind hier die Rollläden runtergelassen? Oder wo wohnt jetzt hier eine alte, alleinstehende Frau?

Nein, das ist korrekt. Wir sind schon darauf angewiesen, dass sich die potenziellen Vermieter bei uns melden, dass wir durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit uns vorstellen und sagen können: "Hier das leisten wir. Wir unterstützen. Bitte ruft uns an, wenn ihr erste Gedanken zur Vermietung habt."

Und wo kann man das dann tun?

Dann kann man mich anrufen. Man kann auf unsere Homepage gehen unter Caritas Ulm-Alb-Donau, Projekt "Türöffner" mir eine E-Mail schreiben mich anrufen. Wir können einen unverbindlichen, ersten Termin vereinbaren. Dann komme ich zu Ihnen ins Haus und kläre einfach, was sind die Bedürfnisse? Genau, was können wir zusammen machen?

Sie sind ja schon seit Mai als "Türöffnerin" in der Region unterwegs. Welche Erfahrungen haben Sie denn schon gemacht?

Von Vermietern haben wir die Erfahrung gemacht, dass wirklich sehr, sehr viel Ängste bestehen. Was kommen da für Leute rein? Sind das "normale" Menschen oder Problemfälle? Das werde ich ganz oft gefragt. Und natürlich auch, kommt die Miete sicher an. Das sind wirtschaftliche Aspekte, die die Leute auch bewegen. Und wie geht der Mieter mit meinem Eigentum um?

Was sagen Sie denn dann bei diesen Bedenken? Was halten Sie dagegen?

Wir geben Betreuungsleistungen für beide Seiten. Wir sind im ersten Jahr des Mietverhältnisses ganz nah dran, sowohl für den Vermieter als Ansprechpartner als auch für den Mieter. Wir gehen einmal im Monat mindestens in die Wohnung rein und gucken: ist alles in Ordnung? Geht es dem Eigentum des Vermieters gut? Geht es dem Mieter gut? Und auf der anderen Seite fragen wir natürlich auch beim Vermieter nach, kommt die Miete? Ist das Müll-Thema okay, gibt es einen guten Kontakt? Und dann können wir frühzeitig eingreifen, wenn es Probleme gibt, bevor es zur Eskalation kommt.

Wenn Sie jetzt zurückschauen: Wie viele Kontakte hatten Sie schon? Wie viele Wohnungen haben Sie schon vermitteln können? Und war es schwer, Vermieter davon zu überzeugen, auch tatsächlich Vermieter zu werden?

Die Menschen, die sich bei uns melden, die haben sich grundsätzlich schon damit beschäftigt. Wir haben ungefähr 15 bis 20 Angebote bekommen von Objekten. Und wirklich vermittelt - da sind wir jetzt bei der dritten Wohnung. Einige sind ausgeschieden, weil die Mietvorstellungen einfach zu hoch waren. Unsere potenziellen Mieter sind meistens Transferleistungsempfänger, das heißt, die Mietobergrenze wird bestimmt, von den Ämtern, und die muss einfach eingehalten werden. Da haben wir sehr, sehr wenig Verhandlungsspielraum. Und sonst kann ich Ängste und Sorgen einfach diesbezüglich nehmen, weil unsere Mieter gut bürgerlich sind.

Da frag ich mich dann, wieso kriegen die dann keine Wohnung auf dem klassischen Markt?

Das hat oft was mit der Aneinanderkettung misslicher Umstände zu tun. Wir haben zum Beispiel einen jungen Mann, der in seiner Jugend Schulden geerbt hat, ohne groß darüber nachzudenken. Der hat einen Schufa-Eintrag und jeder Vermieter will mittlerweile eine positive Schufa-Auskunft. Er ist auf dem freien Markt chancenlos.

Ich nehme mal an, dass die Corona-Krise jetzt eben an dieser Verschärfung, die sie gerade erwähnt haben, auch beteiligt ist. Sie haben ja mitten in der Corona-Krise angefangen mit der Arbeit. Trotzdem, hat sich da schon was verschoben?

Ich glaube, die Menschen sind verunsichert. Natürlich bin ich es auch. Und es geht eben noch mal mehr darum zu gucken, wen lässt man in sein Haus? Ich glaube aber auch, dass Corona eine Chance bedeuten kann. Denn manche Menschen haben sich mit Sicherheit einsam gefühlt. Und vielleicht ist da eine Offenheit spürbar oder aufgekommen. Man nimmt jemanden anderes ins Haus rein einfach, um im Zweifelsfall nicht alleine zu sein, wenn es noch einen zweiten Shutdown gibt, das weiß man ja nicht.

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