Der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik vor der Ulmer Synagoge - einen Tag nach dem Brandanschlag. (Foto: SWR, Catharina Straß)

Jüdische Gemeinde fühlt sich weiterhin sicher

Ulmer Rabbiner: Dank für Solidarität nach Brandanschlag auf Synagoge

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Die jüdische Gemeinde fühlt sich nach wie vor sicher in Ulm. Das sagte der Rabbiner Shneur Trebnik am Sonntag dem SWR. Ein Ulmer Bürger mit Zivilcourage habe dafür gesorgt, dass nicht Schlimmeres passiert sei.

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Ein Zeuge hatte am Samstagmorgen beobachtet, wie ein Mann an der Synagoge eine brennbare Flüssigkeit entzündete. Der Zeuge alarmierte sofort Feuerwehr und Polizei. Dies und die Solidaritätsbekundungen zeigten laut Trebnik, dass die Mehrheit zusammen halte gegen eine gefährliche Minderheit. Anschläge auf jüdische Einrichtungen seien ein weltweites Problem und nicht "Ulm-oder Deutschland-spezifisch", so Trebnik im SWR.

Am Samstagabend versammelten sich mehr als 200 Menschen zu einer Mahnwache vor der Synagoge, unter ihnen war auch Oberbürgermeister Gunter Czisch.  (Foto: SWR, Maja Nötzel)
Am Samstagabend versammelten sich mehr als 200 Menschen zu einer Mahnwache vor der Synagoge, unter ihnen war auch Oberbürgermeister Gunter Czisch (links im Bild). Maja Nötzel

Jüdische Gemeinde erlebt viel Solidarität

Die jüdischen Bürger hätten nach dem Anschlag viel Solidarität erlebt, erklärte Trebnik. Hunderte Menschen hatten sich am Samstagabend zu einer Mahnwache vor der Synagoge versammelt. In allen Kirchen Ulms ist am Sonntagmorgen für die jüdische Gemeinde in Ulm gebetet worden, anschließend folgte eine Solidaritätsbekundung auf dem Münsterplatz. Sie wollten nach dem Brandanschlag ihre Unterstützung für die jüdische Gemeinde zeigen und ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen. Auch Vertreter der Kirchen, Gemeinderäte, Landtags- und Bundestagsabgeordnete folgten der Aufforderung des baden-württembergischen Antisemitismusbeauftragten, Michael Blume, zur Synagoge zu kommen.

Der Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU) sieht in den Solidaritätsbekundungen ein Zeichen der Geschlossenheit. "Wir sind froh, dass wir eine lebendige jüdische Gemeinde in der Stadt haben", sagte er dem SWR. Jeder Bürger sollte sich persönlich gegen Antisemitismus einsetzen und dieses Thema nicht verharmlosen. Der Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge sei an Dreistigkeit nicht zu überbieten.

Auschwitz-Komitee fordert besseren Schutz von jüdischem Leben

Der Brandanschlag auf die Synagoge in Ulm mache fassungslos, betonte der geschäftsführende Vizepräsident des Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner. "Die Frage, ob jüdische Einrichtungen nicht nur in Baden-Württemberg besser geschützt werden sollten, wirkt nach den Erfahrungen der letzten Monate und Jahre in Deutschland nur noch hilflos und ignorant." Mit jedem Anschlag auf jüdische Gebäude und jüdisches Leben wachse die Angst der Überlebenden des Holocaust, dass "die Schlacht gegen den aktuellen Antisemitismus in Wirklichkeit längst verloren ist und sie ihren Kindern und Enkelkindern eine Welt hinterlassen, in der auch ein neues Auschwitz möglich sein kann".

"Haben die Menschen verstanden, dass auch ihre Demokratie im Strudel dieses antisemitischen Hasses zerstört wird?"

Blumen vor der Synagoge in Ulm nach dem versuchten Brandanschlag am 4.6.2021. (Foto: SWR, Annette Schmidt)
Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge am 4. Juni 2021. Annette Schmidt

Landespolitik prüft besseren Schutz

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat den Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge verurteilt. Der "niederträchtige Anschlag" zeige "das heimtückische Gesicht des Antisemitismus, dem wir klar und deutlich entgegentreten", teilte er in einer Mitteilung des Staatsministeriums von Samstag mit.

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Innenminister Thomas Strobl (CDU) betonte am Samstag: "Brandsätze gegen Synagogen zu werfen ist widerwärtig." Wer versuche, eine Synagoge anzuzünden, den werde die volle Härte des Rechtsstaates treffen. "Wir sind dankbar und froh, dass jüdisches Leben bei uns stattfindet und wollen, dass dieses jüdische Leben bei uns möglichst sorgenfrei und unbeschwert sein kann." Deshalb schütze man jüdisches Leben und bekämpfe Antisemitismus entschieden, so der Innenminister. Wie das Staatsministerium mitteilte, wurden die Schutzmaßnahmen in Ulm hochgefahren. Außerdem werde geprüft, ob andere jüdische Einrichtungen im Land aufgrund der aktuellen Situation ebenfalls besser geschützt werden müssten.

Hagel: "Jüdisches Leben gehört zu uns, wie in Ulm die Donau"

Der CDU-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Manuel Hagel, teilte mit, der oder die Täter müssten mit der vollen Härte der Gesetze rechnen. Man stehe gemeinsam gegen Antisemitismus. "Jüdisches Leben gehört zu uns, wie in Ulm die Donau und das Münster", so Hagel. Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz und der grüne Ulmer Landtagsabgeordnete Michael Joukov-Schwelling verurteilten die Tat in einer gemeinsamen Mitteilung als "feige und verachtenswert". Jeder Angriff gegen Jüdinnen und Juden oder ihre Versammlungsorte sei ein Angriff gegen das Wertesystem und die Grundwerte der Demokratie.

Großfahndung nach Täter - Polizei wertet Überwachungsvideos aus

Die Polizei leitete am Samstag eine Großfahndung nach dem mutmaßlichen Einzeltäter ein. Nach Angaben des Staatsministeriums unterstützt der Staatsschutz die Ermittlungen. So werden unter anderem Bilder von Überwachungskameras ausgewertet. Nach Beschreibung des Zeugen ist der unbekannte Täter etwa 1,80 Meter groß, trug einen dunklen Kapuzenpullover und eine weiße Schutzmaske. Außerdem eine blaue Jeans und weiße Turnschuhe mit schwarzen Streifen. Die Polizei bittet um Hinweise auf den Unbekannten.

Das Video kursierte auch im Internet. Veröffentlicht wurde dieses von einem internationalen Menschenrechtsanwalt auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Das Video dürfte aus der Überwachungskamera der Synagoge stammen. Zu dem kursierenden Video im Netz wollte sich die Polizei allerdings nicht äußern und verwies auf die laufenden Ermittlungen.

Ein Mann in weißem Anzug - Spurenermittlung an der Ulmer Synagoge  (Foto: SWR, Isabella Hafner)
Ermittler sichern Spuren nach dem Brandanschlag auf die Ulmer Synagoge. Isabella Hafner

Protestplakate vor der Synagoge

Erst kürzlich waren in Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt Protestplakate vor der Ulmer Synagoge aufgestellt worden. Die Deutsch-Israelische Gemeinschaft Ulm/Neu-Ulm zeigt sich besorgt. Die englischen Worte auf einem Plakat an der Ulmer Synagoge hießen übersetzt: "Freies Palästina - Stoppt das Töten Unschuldiger." Ein anderes Plakat zeigte die israelischen Flagge, versehen mit den Worten "Vergesst Eure eigene Geschichte nicht" in englischer Sprache. Als mutmaßliche Verantwortliche für das Aufstellen der Plakate war eine 32-jährige Frau ermittelt worden.

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