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Viele Bewerbungsgespräche finden aufgrund von Corona zurzeit online statt. Jetzt hat eine Ulmer Studie ergeben, dass diese Kandidaten in der Regel schlechter abschneiden als Bewerber, die sich vor Ort vorstellen.

Das haben Psychologen der Universität Ulm in einem Experiment herausgefunden. Wieso das so ist und wie trotzdem im Online-Interview überzeugt werden kann, haben wir Klaus Melchers, Leiter der Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Universität Ulm, gefragt.

Warum schneiden online Bewerber, die zuhause mit einer Kamera am Bildschirm sitzen, schlechter ab?

Klaus Melchers: Bei einem Gespräch sind zwei Personen beteiligt: Der Bewerber und der Interviewer. Auf beiden Seiten kommt es zu einer Beeinträchtigung. Die Bewerber fühlen sich so ein bisschen verunsichert durch das Medium und nutzen dann weniger das sogenannte Impression-Management. Das sind Techniken, die wir nutzen, um einen guten Eindruck zu machen - Lächeln, Komplimente machen, eigene Stärken betonen. Und das findet einfach weniger statt durch die Bewerber in solchen Interviews im Vergleich zu persönlichen Gesprächen. Das zweite ist, dass auf Seiten der Interviewer ein bisschen strenger bewertet wird. Anscheinend ist es so, dass durch die beeinträchtigte soziale Präsenz, die die Interviewer empfinden, es dazu kommt, dass gleiche Antworten kritischer bewertet werden als das normalerweise im persönlichen Gespräch wäre.

Aber ist es nicht so, dass die Firmen dann oft sowieso alle Bewerbungsgespräche online machen und dann doch wieder alle dieselben Chancen haben?

Wenn Firmen das machen, ist das auf jeden Fall sinnvoll. Aber es ist durchaus so eine Sache, dass man sagt manchmal, wenn der Bewerber in der Nähe wohnt, dann kann man sich mit dem auch treffen. Und selbst in Corona-Zeiten ist das mit Abstand möglich. Aber diejenigen, die von weiter weg kommen, denen möchte man vor allen Dingen jetzt die Reise nicht zumuten - vor allem im öffentlichen Verkehr. Und an der Stelle würde es unfair werden. Das zweite Problem ist, wenn Firmen einheitlichen Interview Leitfaden für alle Bewerber verwenden und das schon sehr lange. Dann kann es sein, dass die Beurteilungskriterien, die man in der Vergangenheit angewendet hat und mit denen man da sehr gut gefahren ist, plötzlich ein bisschen zu streng sind. Und man sich dann wundert, warum man im Durchschnitt jetzt schlechtere Bewerber hat. Und dabei sind sie gar nicht schlechter, sondern man beurteilt sie einfach jetzt ein bisschen strenger.

Welche Tipps haben Sie nach Ihrer Studie für die Bewerber, die sich trotzdem online bewerben müssen?

Das eine ist, dass sie genauso wie für ein persönliches Gespräch schauen, dass sie gut vorbereitet sind. Und diese Vorbereitung umfasst für so einen Videokonferenz-Interview noch einmal zusätzliche Schritte. Das heißt also, man muss sich nicht nur Gedanken machen, was bringe ich mit, was für die Firma interessant sein kann. Sondern man muss sich eben auch nochmal überlegen, wo kann ich das Gespräch führen, dass ich zum Beispiel nicht gestört werde? Wo ist mein Internetverbindung auf jeden Fall gut genug? Wie mache ich das mit der Beleuchtung? Was wähle ich für einen Hintergrund? Lauter Dinge, die sich Bewerber vorher gar nicht haben überlegen müssen. Solange war klar, sie fahren zum Unternehmen und müssen gucken, dass sie ordentlich angezogen sind.

Glauben Sie, die Video-Bewerbungsgespräche werden auch nach der Corona-Pandemie sehr häufig bleiben?

Ich glaube, dass sie deutlich üblicher werden, als das vor Corona war. Es ist zwar so, dass Bewerber eigentlich eine Präferenz haben für persönliche Gespräche, und auch die meisten Interviewer haben so eine Präferenz. Allerdings glaube ich, dass durchaus sowohl Bewerber als auch Unternehmen einen Haufen Vorteile während der Corona-Zeit entdeckt haben und vor allen Dingen die Vereinfachung, was Anreise und Terminabsprache betrifft. Da sind Videokonferenzen dann doch deutlich flexibler sind.

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