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Schlechte Radwege, gefährliche Kreuzungen, zu dicht am Autoverkehr - Radfahrende in der Region leben gefährlich. Die Zahl der Radunfälle steigt. Radler wünschen sich eines: mehr Sicherheit.

Die Liste der Gefahrenstellen, die bei der SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren für die Region von Ostwürttemberg bis Oberschwaben gemeldet wurden, ist lang. Bemängelt wird etwa eine schlechte Radwegeführung in Heubach (Ostalbkreis), eine gefährliche Unterführung in Schwäbisch Gmünd, eine unklare Vorfahrtsregelung an einem Zebrastreifen in Langenau (Alb-Donau-Kreis) oder ein zu schmaler Radweg in Heidenheim-Mergelstetten:

"Der Radweg ist beiderseits mit etwa 1,20 Meter Breite viel zu schmal für die viel befahrene Bundesstraße, obwohl die Straßenbreite mehr Platz gestatten würde."

SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren

Radfahrerinnen und Radfahrer fühlen sich gefährdet

Radfahrerinnen und Radfahrer, das wird aus den vielen Negativ-Meldungen der Aktion klar, fühlen sich oft gefährdet - durch gefährliche und unklare Verkehrsführungen, durch fehlende oder zu schmale Radwege und vor allem durch Autofahrerinnen und Autofahrer, die zu dicht überholen ohne den Mindestabstand von 1,50 Meter einzuhalten.

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Polizei: Anstieg der Fahrradunfälle im Ostalbkreis und im Raum Ulm

Dass die Gefährdung nicht nur ein Gefühl, sondern Realität ist, belegt der Anstieg der Fahrradunfälle in den aktuellen Verkehrsstatistiken der Polizei: Gut 14 Prozent mehr Fahrradunfälle gab es 2020 im Bereich des Polizeipräsidiums Aalen. Besonders auffällig dabei: ein Hochschnellen der Unfallzahlen mit Schwerverletzten bei den Pedelecs und E-Bikes (Ostalbkreis: 94 Unfälle mit 27 Schwer- und 62 Leichtverletzten). Ein Landestrend, der sich auch beim Polizeipräsidium Ulm zeigt: Die Pedelec- und E-Bike-Unfälle stiegen, im Vergleich zum Vorjahr, um das 1,5-Fache auf insgesamt 239.

Fahrradkurier in Gmünd: Kampf gegen "rücksichtslose Autofahrer"

Fahrradkuriere, die von Berufs wegen täglich auf den Straßen unterwegs sind, kennen die Situation von Radfahrenden besonders gut. Hakan Cicek liefert im Ulmer Stadtgebiet aus. Er kennt die Gefahrenstellen, sagt aber auch, dass in Ulm schon viel für Radler getan worden sei - Fahrradstraßen etwa, auf denen Radfahrer Vorrang vor dem Autoverkehr haben. Sein Kollege Volker Nick in Schwäbisch Gmünd dagegen kann, wie er sagt, nur einen "echten" Radweg im Stadtgebiet benutzen "und dieser ist genau acht Meter lang". Stattdessen müsse er Rücksicht auf "rücksichtslose Autofahrer" nehmen. Die tägliche Arbeit für sich und seine Angestellten beschreibt er so: "Wir kämpfen auf feindlichem Territorium."

Kurzer Radweg in Schwäbisch Gmünd mit weißer Farbe aufgezeichnet neben einer Straße (Foto: SWR, Uli Zwerenz)
Nur ein paar Meter, reserviert für Radfahrerinnen und Radfahrer - Fahrradkurier Volker Nick wünscht sich deutlich mehr Radwege in Schwäbisch Gmünd. Uli Zwerenz

Sorgen von Fahrradfahrern: Angst im Straßenverkehr, schlechte Radwege

Der Fahrradklima-Test 2020 des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) belegt, dass sich beim Sicherheitsgefühl der Radfahrenden in den vergangenen zwei Jahren wenig verändert hat. Bemängelt werden zudem zu schmale oder fehlende Radwege, die Führung von Radwegen an Baustellen oder die mangelnde Kontrolle von Falschparkern auf Radwegen. Die Städte Ulm und Aalen wurden mit der Gesamt-Schulnote 3,9 bewertet, wobei sich Aalen verbessert hat. Beim Sicherheitsgefühl gab es für beide Städte 4,1. Schwäbisch Gmünd erreicht insgesamt die Note 4,2, beim Sicherheitsgefühl 4,5.

Ulmer ADFC-Chefin: Verbesserungen für Radverkehr "müssen auch weh tun"

Die Vorsitzende des ADFC Ulm/Alb-Donau und Neu-Ulm, Katrin Voß-Lubert, kennt das Problem der "gefühlten Sicherheit" bei Radfahrenden. Sie sagt: Die Förderung des Radverkehrs und Verbesserungen für Radler sei manchmal nur durch Maßnahmen zu erreichen, "die auch weh tun". Beispiel Münchener Straße im Ulmer Osten: Dort soll je eine der drei Fahrspuren künftig dem Radverkehr gehören - das wäre der erste schwerwiegende Eingriff in den Autoverkehr in Ulm zugunsten des Radverkehrs. Für den Großraum Ulm gibt es bei der SWR-Mitmachaktion besonders viele Negativ-Meldungen. Oft genannt - Fahrrad-Schutzstreifen:

"Die "Schutz"streifen in der Frauenstraße markieren ziemlich genau den Bereich, in dem man NICHT fahren sollte, will man nicht gegen eine Autotür knallen."

SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren

Ein Problem, das die Ulmer ADFC-Chefin aus der Söflinger Straße im gleichnamigen Stadtteil kennt. Die Fahrbahn mit gestricheltem Fahrrad-Schutzstreifen zwischen Straßenbahnschienen und parkenden Autos ist so eng, dass es regelmäßig zu gefährlichen Situationen kommt. "Dort müsste man Parkplätze wegnehmen", sagt Katrin Voß-Lubert. Unpopuläre Maßnahmen, wie sie weiß, und deshalb mit sehr viel Überzeugungsarbeit verbunden. Aber, das ist wiederum ihre Überzeugung, mehr Radverkehr in der Stadt nützt allen etwas.

In der Söflinger Straße in Ulm-Söflingen führt der mit einer gestrichelten Linie gekennzeichnete Fahrrad-Schutzstreifen auf der schmalen Fahrbahn entlang. Autos müssen zum Überholen die Straßenbahnschienen benutzen.  (Foto: Pressestelle, ADFC Ulm)
Gefahrenstelle Söflinger Straße in Ulm-Söflingen: Der Fahrrad-Schutzstreifen hat wegen der engen Verkehrssituation nur die Mindestbreite, Autos müssen zum Überholen die Straßenbahnschienen benutzen. Pressestelle ADFC Ulm

Radbeauftragte der Stadt Ulm: "Mehr Raum für Radfahrer"  

Kommunen in der Region arbeiten an Konzepten, um die Rad-Infrastruktur zu verbessern und die Sicherheit für Radler zu erhöhen. Julia Kreh ist die Fahrradbeauftragte der Stadt Ulm. Mehr Raum für Radfahrer, etwa durch Umwidmung von Autospuren, Entschärfung von Gefahrenstellen, weitere Fahrradstraßen und sichere Radwege, das seien nur einige der wichtigsten Maßnahmen für den Ulmer Radverkehr. Ein Hauptproblem: stark von Autofahrern, Radfahrern und Parkenden genutzte Straßen mit hohem Konfliktpotential. "Dort braucht es auch mal Kampagnen für gegenseitige Rücksichtnahme.“ Das nächste Projekt ist die Überarbeitung des gesamten Wegweisesystems - "auch ein wichtiger Beitrag zur Verkehrssicherheit", sagt Julia Kreh. Wie auch diese Meldung bei der SWR-Mitmachaktion aus Neuler im Ostalbkreis zeigt:

"Kreisstraße zwischen Hauptort und Teilort Leinenfirst - hier wird der Fahrradweg über die stark befahrene Kreisstraße ausgeschildert, obwohl links und rechts davon Wege vorhanden sind, welche sicher von Radfahrern genutzt werden könnten."

SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren

Stadt Aalen: "Zweigleisig" beim Ausbau des Radwegenetzes

In Aalen im Ostalbkreis ist Umweltamtsleiterin Maya Kohte federführend bei der Umsetzung des 2020 beschlossenen Radverkehrskonzeptes. In der Stadt setzt man auf "Zweigleisigkeit" - schnelle Verbindungen etwa für Berufspendler und parallel dazu Radwege etwa für Familien mit Kindern. Dem Radverkehr mehr Raum geben und zugleich mehr Grün schaffen, das ist eines der planerischen Ziele. Auch neuralgische Punkte zu entschärfen, etwa an Kreisverkehren oder Kreuzungen, gehört dazu. Ein Projekt wurde bereits umgesetzt: ein neuer Geh- und Radweg am Kocher, "und damit ein Lückenschluss im Radwegenetz", sagt Maya Kohte. Und dieser erhielt eine der wenigen positiven Meldungen bei der SWR-Mitmachaktion:

"Sehr schön. Neuer Radwegabschnitt ab 2020 auf der Route von Aalen nach Süden...Gut, Danke."

SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren

Kritikpunkt im Ostalbkreis: "Radweg ins Nichts"

A propos Lückenschluss: Auch "Radwege ins Nichts" gehören zu den Negativ-Meldungen bei der SWR-Mitmachaktion - wie diese von Radlerinnen und Radler aus dem Ostalbkreis:

"Iggingen hat einen schönen Radweg an der L1075, bitte baut ihn auf der Gmünder Gemarkung bis Herlikofen genauso."

SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren

Der in der Region bekannteste Fall ist der in die Schlagzeilen geratene "Radweg ins Nichts" vom bayerischen Bachhagel ins württembergische Dischingen-Ballmertshofen im Kreis Heidenheim. Viele Jahre endete der Radweg an der Landesgrenze von Bayern und Baden-Württemberg auf freiem Feld an einer Absperrung, jetzt soll er vollendet werden.

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SWR-Mitmachaktion#besserRadfahren

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