Schatten von Händen und einem Kinderkopf (Foto: dpa Bildfunk, picture alliancePatrick Pleuldpa-Zentralbilddpa)

Neue Zahlen der Universität Ulm Ulmer Studie: Missbrauch im Sport weit verbreitet

Sexueller Missbrauch ist keineswegs ein Problem, das auf die Kirchen beschränkt ist. Im Sport gibt es sogar höhere Fallzahlen als in den Kirchen, besagt eine noch unveröffentlichte Studie der Universität Ulm.

200.000 Betroffene im Breitensport und 114.000 jeweils in der katholischen und in der evangelischen Kirche. Das sind hochgerechnete Zahlen der Uniklinik Ulm. Jörg Fegert, Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat erstmals die Angaben der Betroffenen in unterschiedlichen Institutionen verglichen.

Jörg Fegert Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychatrie Ulm (Foto: SWR, Soeren Stache)
Jörg Fegert ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Ulm Soeren Stache

"Wir haben in Deutschland ungefähr doppelt so viele Fälle im Sport wie in der katholischen Kirche."

Prof. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm

Vor zweieinhalb Jahren gab es erstmals Zahlen zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Leistungssport. Da hatte das Team um Jörg Fegert 1.800 Leistungssportlerinnen und -sportler befragt. Die Wissenschaftler waren entsetzt darüber, dass mehr als ein Drittel der Befragten bereits sexuelle Übergriffe erlebt hatten.

"Und wenn man es sehr eng nimmt, haben drei Prozent tatsächliche Übergriffe mit Penetration - schwerste Taten - erlebt. Aber es kommt natürlich ein großes Feld dazu von ungewollten Berührungen."

Jörg Fegert
Frauenfüße auf einem Schwebebalken (Foto: dpa Bildfunk, Hannibal)
Sexueller Missbrauch - ein Problem, das auch den Sport in starkem Maße betrifft, sagt eine Studie der Universitätsklinik Ulm Hannibal

Auf diese Daten hat die Politik reagiert und Kinderschutzmaßnahmen angemahnt. Das fand zunächst wenig Gehör. Jetzt folgt der nächste Schritt: Es geht ans Geld. Das für den Leistungssport zuständige Bundesinnenministerium hat die finanzielle Förderung des Leistungssports an die Vorlage von Präventionskonzepten geknüpft. Laut Staatssekretär Markus Kerber heißt das für den Sport: Ansprechpartner für das Thema benennen, erweiterte Führungszeugnisse ihrer Mitarbeiter einholen und diese zum Thema schulen.

"Das heißt, keiner kann nachher dann sagen: 'Wir haben uns mit dem Thema nie befassen können.' Das muss auf allen Ebenen im organisierten deutschen Sport stattfinden. Ansonsten können wir eine Förderung hier nicht aufrecht erhalten."

Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium

Ob und wie das Bundesinnenministerium (BMI) die Umsetzung der Konzepte überprüfen will, konnte Kerber nicht sagen. Sportsoziologin Bettina Rulofs forscht seit Jahren zum Thema sexueller Missbrauch. Sie empfiehlt dem Bundesinnenministerium, nicht nur auf Vertrauen zu setzen.

"Ich denke, man muss nun abwarten, ob das sozusagen eine Frage der Ehre und des Glaubens bleibt. Oder ob das BMI vielleicht stichprobenartig Kontrollen durchführt, um zu testen, ob die Standards, die vom BMI gesetzt werden, auch tatsächlich von den Verbänden eingehalten werden."

Dr. Bettina Ruloffs, Sportsoziologin

Die Schwachstellen im Sportsystem, die sexuellen Missbrauch begünstigen, sind noch gar nicht aufgearbeitet. Da setzt die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung an.

Seit Anfang Mai wendet sie sich gezielt an Betroffene aus dem Sport, bittet sie, anonym ihre Geschichte zu erzählen. Laut Kommission haben sich bereits Betroffene aus unterschiedlichen Sportarten gemeldet.

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