Unbekanntes Datum und unbekannter Ort: Aschwak Hadschi Hamid Talo, eine junge Jesidin, die angibt, aus Schwäbisch Gmünd geflohen zu sein, spricht in einem YouTube-Video. Sie soll einem IS-Mitglied begegnet sein, der sie im Irak drei Monate lang gefangengehalten und mehrmals vergewaltigt hat. (Foto: picture-alliance / dpa)

Nach Flucht aus Schwäbisch Gmünd in den Irak Jesidin macht der Polizei erneut Vorwürfe

Die aus Schwäbisch Gmünd in den Irak geflohene Jesidin wirft der Polizei weiter Untätigkeit vor. Sie hatte offenbar in Gmünd einen früheren Peiniger des IS getroffen und Angst bekommen.

Die junge Frau hat in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass die den deutschen Ermittlern alle dokumentierten Informationen zu der Bedrohung gegeben habe. Die Polizei hätte ihr nur eine Telefonnummer gegeben, die sie anrufen solle, falls sie erneut bedroht werde, so die 19-Jährige. Sie hätte dann nach anderthalb Monaten Deutschland verlassen, weil sie überzeugt sei, dass die Polizei den Mann nicht festnehme.

Die Jesidin ist nach eigener Aussage jedoch weiter bereit, mit den deutschen Ermittlern zu kooperieren, wolle aber nicht nach Deutschland zurückkehren. Das Innenministerium in Stuttgart wies die Vorwürfe zurück. Man habe alle notwendigen Maßnahmen eingeleitet, um sie zu schützen. Laut Bundesanwaltschaft ist eine Zeugenbefragung im Ausland aber nicht möglich.

Gmünder OB wehrt sich

Der Schwäbisch Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) hatte sich ebenfalls gegen die Vorwürfe gewehrt. Man habe alles unternommen, um die junge Frau zu schützen, erklärte Arnold. Der Eindruck, die Behörden hätten nicht angemessen reagiert, sei falsch. Angesichts des schweren Schicksals der Frau, die von Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) monatelang versklavt worden war, habe man ihrer Betreuung von Anfang an größte Aufmerksamkeit geschenkt. Es sei versucht worden, ihr umfassend Sicherheit zu geben, betonte der Oberbürgermeister. Ihr sei auch ein Wohnungswechsel angeboten worden. Den Vorschlag habe die 19-jährige Frau aber abgelehnt.

Vor vier Jahren verschleppt

Die Jesidin Ashwaq T. soll vor vier Jahren von der Terrormiliz Islamischer Staat verschleppt und an ein IS-Mitglied verkauft worden sein. Nach drei Monaten sei ihr die Flucht vor ihrem Peiniger gelungen, zitierte am Freitag die Deutsche Presse-Agentur einen Bericht des kurdischen Nachrichtenportals "basnews". Sie sei nach Schwäbisch Gmünd im Ostalbkreis gekommen und habe dort in einem Flüchtlingsheim gelebt. Im Februar 2018 sei sie in der Stadt von einem Mann angesprochen und bedroht worden. Der Mann soll nach ihren Angaben ihr damaliger Peiniger gewesen sein.

Rückkehr in den Irak

Die Bundesanwaltschaft bestätigt die Ermittlungen in dem Fall, schildert aber eine andere Reaktion der Polizei vor Ort. Es sei ein Phantombild des Mannes erstellt worden. Der Name, den Ashwaq T. nannte, habe sich aber niemandem zuordnen lassen. Sie sei sich außerdem während der Befragung nicht sicher gewesen, ob es sich bei dem Mann tatsächlich um ihren früheren Peiniger gehandelt habe, so eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

"Warum rufen Sie mich nicht an?"

Inzwischen ist die 19-Jährige in den Irak zurückgekehrt. Sie beklagt eine mangelnde Zusammenarbeit mit den Ermittlern. Die deutschen Behörden hätten sie zuletzt nicht kontaktiert, obwohl sie im Nordirak erreichbar sei, zitiert die Deutsche Presse-Agentur sie am Samstag: "Warum rufen die mich nicht an?"

Das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg hatte am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter mitgeteilt, die Ermittlungen könnten im Moment nicht fortgeführt werden, "da die Zeugin für Rückfragen aktuell nicht erreichbar ist". Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe hatte gesagt, eine Befragung Anfang Juni sei daran gescheitert, dass die 19-Jährige zu dem Zeitpunkt schon außer Landes gewesen sei.

Blume ruft zu Besonnenheit auf

Der Religionswissenschaftler und Ministerialrat im Stuttgarter Staatsministerium, Michael Blume, hat in dem Fall zu Besonnenheit aufgerufen. Es werde jeder Spur nachgegangen, Täter würden identifiziert und Haftbefehle erlassen, schrieb Blume am Freitagabend auf seiner Facebook-Seite.

"Lasst uns also bitte aufhören, mit 'digitaler Panik' und Gerüchten Terroristen und Rechtspopulisten auch noch zu füttern!"

Michael Blume, Religionswissenschaftler und Ministerialrat

Blume hatte zur Hoch-Zeit des islamischen Staates 2015/16 ein Projekt geleitet, mit dem Frauen und Kinder aus dem Nordirak gerettet wurden. Er kennt die junge Jesidin persönlich. Seit März ist Michael Blume auch Antisemitismusbeauftragter der Landesregierung.

Den langen Zeitraum zwischen dem ersten Kontakt der jungen Frau mit der Polizei und den jetzigen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft erklärt sich Blume mit den umfangreichen Ermittlungen der Polizei. Nachdem die ihre Möglichkeiten bei den Ermittlungen ausgeschöpft habe, sei nun die Bundesanwaltschaft mit ihren Fähigkeiten gefragt, sagte er in einem SWR Interview.

Blume bedauerte, dass Ashwaq T. in den Irak ausgereist ist. In Deutschland hätte sie bei den Ermittlungen helfen können, dazu sei ihr ein erhöhter Schutz angeboten worden. Er fürchte, dass sie sich im Irak nun nicht mehr frei äußern könne. Blume hält die Aussage der jungen Jesidin, dass sie ihren IS-Peiniger in Deutschland wiedererkannt habe, für glaubwürdig.

Psychologe schätzt Verhalten der Frau ein

Der Diplom-Psychologe Prof. Jan Ilhan Kizilhan von der Dualen Hochschule in Villingen-Schwenningen, der in Baden-Württemberg jesidische Mädchen und Frauen betreut, die vor dem IS geflohen sind, sagte zu dem Fall gegenüber dem SWR: "Man muss jede einzelne Information ernst nehmen. Und das ist auch bisher mein Gefühl im Kontakt mit den Behörden gewesen, dass die relativ schnell reagiert haben."

Er schließe nicht aus, dass es in dem Fall auch zu einer Verwechslung gekommen sein könnte: "Wir wissen aus der Traumatologie, dass Menschen, die Traumata erlitten haben, unter Gedächtnisstörungen leiden. Das heißt, bärtige Männer - und meistens waren die IS-Kämpfer, die sie vergewaltigt haben, bärtige Männer – können wie ein Trigger im Gedächtnis wirken. Und dann sehen sie die Bilder ihrer Peiniger."

Haben weitere Frauen den Mann erkannt?

Parallel erklärte der Zentralrat der Jesiden, dass sich weitere junge Frauen gemeldet hätten, die ihren IS-Peiniger in Baden-Württemberg erkannt haben wollen. Zemfira Dlovani, stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats, sagte im SWR: "In der Tat kam jetzt raus, dass weitere Mädchen, die bei diesem Peiniger waren, ihn wohl auch erkannt haben (…)."

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