Erinnerung an den 9. November 1989 Ulmer Familie: Ausreise wenige Stunden vor dem Mauerfall

Es ist eine besondere Ironie der Geschichte: Eine Familie stellt 1987 in der DDR einen Ausreiseantrag. Am 9. November 1989 können sie ausreisen. Kurz darauf fällt die Mauer.

Rainer Ranft ist immer noch erstaunt über das, was er vor 30 Jahren erlebt hat. "40 Jahre existiert die DDR und an dem Tag, an dem wir ausreisen, fällt die Mauer. Das ist schon verrückt."

Ausreise am Tag des Mauerfalls (Foto: SWR, Verena Hussong)
In ihrem Kalender hat Ingrid Ranft mit Rot das Ende ihres bisherigen Lebens notiert Verena Hussong

"Ende DDR" schrieb Ingrid Ranft vor 30 Jahren am Morgen ihrer Ausreise, am 9. November 1989, mit einem roten Stift in ihren Kalender. Ein Tag, der in die Geschichte eingehen wird. "Ende DDR" - wie prophetisch diese Worte waren, ahnte sie damals nicht. Am Vormittag, als die Mauer noch ein unüberwindbarer Grenzwall war, stieg die Krankengymnastin mit ihrem Mann Rainer, ihrer Mutter, zwei erwachsenen Söhnen, einer Schwiegertochter und ein paar Koffern in Leipzig in den Zug. Am Grenzbahnhof, in Bebra, kaufte sie mit ihrem letzten Ostgeld einen Sekt.

"Dann haben wir auf die Freiheit angestoßen, dass wir raus sind."

Ingrid Ranft, ehemalige DDR-Bürgerin

Am späten Abend erreichte Familie Ranft schließlich das Aufnahmelager in Hessen. Rainer Ranft war fassungslos, als er von der Maueröffnung hörte.

"Ich habe gedacht, die Leute erzählen Unfug, es war unglaublich."

Rainer Ranft, ehemaliger DDR-Bürger
Ausreise am Tag des Mauerfalls (Foto: SWR, Verena Hussong)
Das Ehepaar Ranft mit den Dokumenten, die damals ihre Ausreise erlaubten Verena Hussong

Im Juni 1987 stellten die Krankengymnastin und der Ingenieur in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, ihren Ausreiseantrag. Nach Besuchen bei Verwandten im Westen stand ihr Entschluss fest, dass sie die DDR verlassen wollen. Die Ranfts wollten frei sein, reisen. Immer wieder schikanierten Behörden das Ehepaar. Kollegen fertigten Berichte über sie an. Am 8. November 1989 wurden ihnen schließlich die ersehnten Ausbürgerungsurkunden ausgehändigt.

" Man wartet so lange und dann wäre das alles gar nicht nötig gewesen."

Ingrid Ranft
Ausreise am Tag des Mauerfalls (Foto: SWR, Verena Hussong)
Einen Tag vor dem Mauerfall sind die Ausbürgerungsurkunden da Verena Hussong

Über das Aufnahmelager kam die Familie Ranft nach Ulm. Hier fasste sie schnell Fuß. Alle fanden Arbeit und Wohnungen. Der Traum vom Reisen hat sich für das Ehepaar erfüllt. Sie waren inzwischen in China, in Indonesien, in Südamerika und auch in Afrika. Für den Ingenieur, seine Frau, die Söhne und nun die Enkelinnen ist Ulm zur Heimat geworden.

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