Die ukrainische Ärztin Olga in ihrer Klinik in Österreich (Foto: SWR, Foto: privat / Olga Soloviova)

Nach Putzjob in BW

Ärztin aus der Ukraine darf in Tirol wieder als Neurologin arbeiten

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Bettina Gall

Die Neurologin wäre hier dringend gebraucht worden. Aber weil sie in NRW die Anforderungen nicht erfüllt hatte, arbeitete sie in BW als Putzfrau. Nun ist sie wieder Ärztin - in Tirol.

Vorläufiges Happy End für die ukrainische Ärztin Olga Soloviova: Eine Klinik im österreichischen Tirol hat sie eingestellt - als Neurologin. Zuletzt hatte sie in Baden-Württemberg als Putzfrau gearbeitet, weil sie trotz dreijähriger Tätigkeit als Ärztin in Nordrhein-Westfalen keine Approbation in Deutschland erhielt. Sie hatte in NRW eine befristete Berufserlaubnis, war aber dreimal durch die sogenannte Kenntnisprüfung gefallen. Da das Zulassungsverfahren bundesweit geregelt ist, konnte sie eine bereits zugesagte Stelle als Neurologin in der Medius-Klinik in Kirchheim unter Teck (Kreis Esslingen) nicht antreten.

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Trotz Ärztemangel Warum eine ukrainische Ärztin in BW als Putzfrau arbeitet

Olga Soloviova spricht gut deutsch, hat viel Berufserfahrung und möchte hier als Ärztin arbeiten. Offene Stellen gibt es genug. Aber die BW-Behörden dürfen sie nicht zulassen.

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Viel Unterstützung bei Bewerbungsprozess in Österreich

Nachdem auch eine Pflegetätigkeit in Baden-Württemberg mangels Diplom nicht möglich war, wandte sich Soloviova nach Österreich. Auch dort gibt es Zulassungshürden für den Medizinberuf. Dennoch warben gleich drei Kliniken um die Neurologin, die zuvor Tests und Praktika in Wien absolvieren musste. Um ihre Einstellung zu beschleunigen, setzte sich ihr zukünftiger Chef in einer Klinik in Osttirol persönlich dafür ein, dass ihr eine vorläufige Zulassung erteilt wurde - zunächst für ein Jahr. Dort arbeitet Soloviova nun zunächst in einer Position, die mit einer Ärztin im praktischen Jahr (PJ) in Deutschland vergleichbar ist.

Schriftliche Kenntnisprüfung im Februar

Um ihr ukrainisches Diplom in Österreich bestätigt zu bekommen, muss Soloviova im Februar 2023 eine Kenntnisprüfung ablegen. Dieser blickt sie zuversichtlich entgegen, denn im Unterschied zur Prüfung in Nordrhein-Westfalen bestehe "keine Abhängigkeit von einer persönlichen Beziehung", wie sie sagt. In Österreich ist der Test nur schriftlich: Sie müsse Fragen aus fünf klar definierten Bereichen beantworten, per Multiple Choice oder ausformuliert, wie Soloviova erzählt. Die Fragebögen würden anonymisiert ausgewertet. Wie in Deutschland hat sie drei Anläufe.

Ärztekammer Westfalen-Lippe: Verfahren ähnlich wie staatliche Prüfung

Die Ärztekammer Westfalen-Lippe, die für die Kenntnisprüfungen in Nordrhein-Westfalen verantwortlich ist, verweist darauf, dass sich das von ihr entwickelte "praxisorientierte Verfahren" am Inhalt der staatlichen Abschlussprüfung orientiere. "Das Prüfungsgespräch wird zudem durch fallbezogene Bildgebung, Befunde und darüberhinausgehende Materialien ergänzt, die an einem Prüfungstag bei allen Kandidatinnen und Kandidaten in gleicher Form zur Verfügung stehen. Damit ist es möglich, die Prüfungsabläufe und -inhalte in stärkerem Maße zu vereinheitlichen, womit auch eine zusätzliche qualitätssichernde Komponente einhergeht", so die Ärztekammer.

Die Durchfallquote bei der ersten Kenntnisprüfung habe seit 2021 bei 47 Prozent gelegen. Von insgesamt 609 Prüfungen bis Februar 2022 hätten nur 12 Kandidaten und Kandidatinnen die dritte Prüfung nicht bestanden. "Dass ein Kandidat die Prüfung im dritten Versuch nicht erfolgreich absolviert, ist also auch in Nordrhein-Westfalen selten", so die Ärztekammer Westfalen-Lippe. Soloviova absolvierte ihre dritte Prüfung dort im Sommer 2022. Da sie nicht bestand, konnte ihr keine Approbation in Deutschland erteilt werden.

Kollegen in Österreich "nett und hilfsbereit"

Nun hofft Soloviova, die Kenntnisprüfung in Österreich auf Anhieb zu bestehen. Unterstützung erfährt sie von den neuen Kolleginnen und Kollegen. Überaus offen sei sie in Tirol aufgenommen worden, berichtet Soloviova. Die Klinik habe sie bei der Wohnungssuche unterstützt und ihr sogar einen Zuschuss zum Umzug bezahlt. Die Kolleginnen und Kollegen seien freundlich und hilfsbereit. "Es gefällt mir sehr", so die 55-Jährige. Auch den österreichischen Dialekt verstehe sie schon besser. Sie arbeite sich in das digitale Informationssystem der Klinik ein und lerne viel Neues.

"Ich fühle mich wohl."

Nun müsse sie nur noch die Kenntnisprüfung bestehen, damit sie in die österreichische Ärzteliste aufgenommen werden könne. Außerdem müsse sie einen Antrag stellen, dass ihre in Deutschland bestandene Fachsprachenprüfung Medizin und ihr Sprachniveau C1 in Österreich anerkannt würden. "Reine Formsache", sagt Soloviova.

Mögliche Rückkehr nach Baden-Württemberg?

Das Regierungspräsidium Stuttgart hatte im vergangenen Sommer angesichts des großen Fachkräftemangels bedauert, Soloviova nicht einstellen zu können. Eine österreichische Approbation würde das allerdings ermöglichen. Soloviova müsste dafür in Baden-Württemberg nur noch eine Eignungsprüfung ablegen, die sich - anders als die Kenntnisprüfung - nur auf Fächer bezieht, in denen Unterschiede in der ärztlichen Ausbildung bestehen. Ob sie allerdings wieder zurückkommen will nach Baden-Württemberg, lässt sie offen.

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