Urroggen wächst auf einem Feld auf dem Campus Galli bei Meßkirch (Foto: SWR)

Ausflug ins Mittelalter bei Meßkirch

Campus Galli: Der Ur-Roggen wird geerntet

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Hafer, Flachs, Roggen. Das alles wächst auf den Feldern beim Campus Galli bei Meßkirch (Kreis Sigmaringen). Jetzt wurde der Ur-Roggen geerntet. Wie im frühen Mittelalter von Hand.

Es ist heiß, über 35 Grad. Die Hitze flimmert über dem goldgelben Roggenfeld. Und mittendrin: Tierpfleger Lars. Langsam und vorsichtig bahnt er sich einen Weg durchs Feld. Gar nicht so einfach, bei den Temperaturen. "Wenn du mit dem Kopf da eintauchst, dann merkst du was für eine Hitze auch im Feld ist", meint Lars und wischt sich mit seinem Leinenhemd einen Schweißtropfen von der Stirn. Lars bückt sich und setzt die halbmondförmige Klinge der Sichel am unteren Ende des fast zwei Meter langen Halmes an. Gekonnt nimmt er ein paar der Halme in die Hand und schneidet sie kurz vor dem Ackerboden ab.

Die Sichel, mit der der Ur-Roggen geerntet wird, hat eine halbmondförmige Klinge (Foto: SWR)
Mit einer mittelalterlichen Sichel werden die Ur-Roggenhalme geerntet.

Ur-Roggen bietet als Stoppelfeld noch Nahrung für Ziegen

Stück für Stück arbeitet sich Lars durchs Feld. Der Haufen abgeschnittener Halme, die er neben das Feld legt, wird immer größer. 0,1 Hektar groß ist das Roggenfeld. 10 Helfer sind bei der Ernte dabei. Mindestens zwei Tage werden sie per Hand den Roggen ernten. Mit einem Mähdrescher ginge das natürlich schneller. Den gab es aber nicht im Mittelalter. Und den wünscht sich Lars auch nicht herbei. Denn er will später seine Tiere, die Schafe und Ziegen, noch übers abgeerntete Feld schicken. Die freuen sich, wenn sie noch etwas zum Knabbern finden.

Die Halme des Ur-Roggen werden auf dem Campus Galli mit einem Strohseil zusammengebunden (Foto: SWR)
Die Halme des Ur-Roggen werden auf dem Campus Galli in Meßkirch (Kreis Sigmaringen) mit einem Strohseil zusammengebunden.

Garben werden zu Hocken aufgestellt

Aber bevor die Schafe an den Stoppeln knabbern können, werden die abgeschnittenen Halme erst einmal mit einem Strohseil zu Garben zusammengebunden. Und anschließend zu sogenannten Hocken, aufgestellt. Sieht ein bisschen aus wie ein Zelt aus Getreide. Dank der Hocken trocknet das frisch geerntete Getreide auch wenn mal ein Regenguss kommt. Und die Wildkräuter, die sich zwischen den Halmen verstecken, treiben nicht mehr aus.

Nils ist auf dem Campus Galli für die Ernte des Ur-Roggens zuständig und stellt Hocken mit den Garben auf.  (Foto: SWR)
Nils ist auf dem Campus Galli für die Ernte des Ur-Roggens zuständig und stellt Hocken mit den Garben auf.

Viele Gebäude im Mittelalter hatten Strohdächer

Nils ist für die Ernte des Urroggens auf dem Campus zuständig. Zusammen mit Lars und acht Azubis der Zimmerer Berufsschule aus Reutlingen erntet er das Feld in den nächsten Tagen ab. Das Getreide wird zwar ausgedroschen, teils verarbeitet und teils an die Tiere verfüttert. Mit dem Stroh werden aber viele Gebäude auf der Klosterbaustelle gedeckt. Das war schon vor 1.200 Jahren so, damals wurden selbst Kirchendächer mit den festen Halmen abgedeckt. Kein Wunder: Roggen hat einen hohen Ligninanteil, ist also besonders holzig. Schon unsere Urahnen hielten ihre Hausdächer und damit auch die Häuser mit Reet oder Strohdächern dicht.

Wie zwei Strohhalme ineinandergesteckt

Auch die Halmstruktur des Roggens ist perfekt fürs Hausdach. Nils packt einen Roggenhalm und versucht ihn zu knicken. Geht nicht so einfach, meint er. Wie zwei Strohhalme, die man zusammensteckt ist auch der Roggenhalm nicht so leicht zu knicken. So hielten die Strohdächer nicht nur Regen sondern auch starken Winden stand. Bis ins ausgehende Mittelalter gab es fast nur Strohdächer. Dann jedoch wurden sie verboten: Wegen der vielen Brandkatastrophen wurde das feuerempfängliche Strohdach aus vielen Städten verbannt.

Das Ur-Roggenfeld auf dem Campus Galli kurz vor der Ernte (Foto: SWR)
Das Ur-Roggenfeld auf dem Campus Galli in Meßkirch (Kreis Sigmaringen) kurz vor der Ernte.

Ur-Roggen besonders widerstandsfähig

Auf dem Campus Galli wird Urroggen gepflanzt. Das ist eine 7.000 Jahre alte Getreidesorte, die ursprünglich aus dem Vorderen Orient stammt. Da das Urgetreide früher oft auf Rodungsflächen gesät wurde, ist der Urroggen heute auch unter dem Namen Waldstaudenroggen oder Waldstaudenkorn bekannt. Die Pflanzen werden bis zu zwei Meter hoch und sind deshalb besonders unempfindlich gegenüber Krankheiten: Die Ähren sind weit vom Erdboden entfernt, sodass bei Regen aufgewirbelte Pilzsporen nicht so leicht auf die Frucht übergehen können.

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