Windräder (Symbolbild) (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/Oliver Berg)

Staatsforst stellt Flächen für Windpark zur Verfügung

Bald Windräder im Wald bei Lichtenstein auf der Schwäbischen Alb?

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Bernhard Kirschner
Kirschner (Foto: SWR, SWR - Foto: Peschel)

Der Projektentwickler BayWa r.e. aus München will einen Windpark bei Lichtenstein (Kreis Reutlingen) errichten. Die Waldfläche gehört dem Land Baden-Württemberg.

Die baden-württembergische Landesregierung will mehr Tempo beim Ausbau der Windenergie und hat im vergangenen Jahr Flächen im Staatsforst untersuchen lassen. Auf die in Frage kommenden Gebiete konnten sich dann Windparkbetreiber bewerben. Darunter ist auch eine 120 Hektar große Fläche auf der Alb zwischen den Lichtensteiner Ortsteilen Holzelfingen und Kohlstetten. Den Zuschlag dafür hat der Münchner Spezialist für regenerative Energien, BayWa r.e., bekommen.

Viel Wind - attraktiver Standort

Für das Unternehmen sei das Gebiet bei Lichtenstein ein attraktiver Standort, da dort gute Windverhältnisse herrschen, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme auf Anfrage des SWR. Mit einer Geländehöhe von mehr als 700 Metern wehe dort ausreichend Wind, sodass man dort mit guten Stromerträgen rechnet.

Platz für sechs Windräder?

Nach einer ersten Prüfung könnten dort sechs Windräder gebaut werden. Die Höhe gibt Baywa r.e. mit insgesamt etwa 250 Metern (inklusive Rotoren) an. Es gebe keine Naturschutzgebiete. Auch könnten die Abstände zu umliegenden Ortschaften mit mindestens ca. 1.250 Meter eingehalten werden. Die Empfehlung in Baden-Württemberg liegt aktuell bei 700 Metern. Genauere Erkenntnisse sollen Gutachten und das Genehmigungsverfahren bringen.

Windkraftanlage nahe einem Ort (Foto: dpa Bildfunk, picture-alliance/Patrick Seeger/dpa)
Mehr Abstand für Windräder picture-alliance/Patrick Seeger/dpa

Gutachten zum Vogel - und Fledermausschutz

Wesentlich sind dabei laut BayWa r.e die Vogelschutz- und Fledermausgutachten, die demnächst in Auftrag gegeben werden und mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen. Außerdem sollen die Zufahrtsmöglichkeiten geklärt werden. Eine einjährige Windmessung am Standort werde voraussichtlich in diesem Jahr beginnen, hieß es.

Windpark soll 2027 in Betrieb gehen

Danach würden alle weiteren Unterlagen zusammengestellt, um eine Genehmigung beim Landratsamt in Reutlingen zu beantragen. Diese dürfte voraussichtlich nach eineinhalb Jahren vorliegen, so BayWa r.e. weiter. Mit der Inbetriebnahme des Windparks rechnet man im Jahr 2027. Er könnte dann 25.000 Zwei-Personen-Haushalte mit Strom versorgen.

Gespräch mit betroffenen Gemeinden

Derzeit verhandelt das Unternehmen mit ForstBW wegen eines Pachtvertrags für die Flächen. Ein erstes persönliches Gespräch mit Gemeindevertretern der Standortgemeinde Lichtenstein sowie der benachbarten Gemeinden St. Johann und Engstingen habe Anfang Juni stattgefunden. Frühzeitige Kommunikation der Pläne und Transparenz ist BayWa r.e. nach eigenen Angaben sehr wichtig. Deswegen sei ein wesentliches Thema der Gespräche die Möglichkeit von Bürgerbeteiligungen gewesen.

Umfassende Information zugesagt

Dies bestätigte Lichtensteins Bürgermeister Peter Nußbaum dem SWR auf Anfrage. So soll die Öffentlichkeit umfassend informiert werden, sobald die formalen Voraussetzungen geklärt sind und BayW.r.e richtig durchstartet. Der Bürgermeister will auf der Homepage der Gemeinde die Windparkprojektseite verlinken, wenn diese online geht. Er habe ein Partizipationsmodell gefordert, sodass sich Bürgerinnen und Bürger auch finanziell beteiligen können und vom Ertrag profitieren.

Bisher Skepsis in Lichtenstein zu Windenergie

Als vor einem halben Jahr bekannt wurde, dass die Waldfläche auf der Gemarkung von Lichtenstein für einen Windpark in Frage kommt, hatte sich Nußbaum noch skeptisch gegenüber dem SWR geäußert. Die Gemeinde hatte eine Fläche auf der Alb vor Jahren untersuchen lassen und nur Platz für ein Windrad ermittelt. Zu wenig und deshalb uninteressant für Betreiber, sagte Nußbaum.

Schloss Lichtenstein (Foto: SWR, Bernhard Kirschner)
Blick vom Traifelberg auf Schloss Lichtenstein Bernhard Kirschner

Ärger um Windpark "Hohfleck"

Außerdem gebe es in der Gegend sehr viele kritische Stimmen zur Windenergie. Grund ist der geplante Windpark "Hohfleck" auf der Gemarkung der Nachbargemeinde Sonnenbühl. Das Landratsamt Reutlingen hatte die Genehmigung aus Denkmalschutzgründen verweigert, weil die Sichtachse zum berühmten Schloss Lichtenstein beeinträchtigt sei. Zwar hat der Verwaltungsgerichtshof Mannheim die Entscheidung kassiert. Aber auch nach sieben Jahren Verfahrensdauer wurde bisher nichts gebaut.

Höhere Akzeptanz in der Bevölkerung vermutet

Nußbaum hat seine Meinung inzwischen geändert. Er geht davon aus, dass es für das Projekt von BayWa r.e. eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung gibt. Sicherlich habe der Ukraine-Krieg und der Stopp der Gaslieferungen aus Russland eine große Rolle gespielt. Die Kulturlandschaft werde sich durch die Windräder verändern. Man müsse die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen, so Nußbaum weiter. Aber die Versorgungssicherheit sei wichtiger denn je und eine autarke Energiegewinnung inzwischen ein Standortfaktor für eine Gemeinde.

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BW korrigiert Pläne für Windenergie nach unten

Der Bürgermeister hofft, dass sich das Genehmigungsverfahren nicht ewig hinzieht und unklar bleibt, ob der Windpark gebaut wird oder nicht. Nußbaum sieht da den Gesetzgeber in der Pflicht. Die baden-württembergische Landesregierung tut sich noch schwer, die hochgesteckten Ziele für mehr Windräder zu erreichen. In den vergangenen Jahren wurden nur wenige gebaut. Aber vielleicht kommt der nötige Schub jetzt vom Bund.

Naturschutz muss sich Energiewende unterordnen

Wirtschaftsminister Habeck (Grüne) hatte Mitte Juni eine Reihe von Gesetzen auf den Weg gebracht, um die Verfahren zu beschleunigen. So sollen die Länder gezwungen werden, zwei Prozent ihrer Flächen für Windkraft zur Verfügung zu stellen. Wenn dies nicht erreicht wird, sollen Mindestabstände zur Wohnbebauung gekippt werden. Auch der Naturschutz muss Federn lassen. Das Bundesnaturschutzgesetz wird entsprechend geändert: Erstmals gelten nicht mehr regionale, sondern bundeseinheitliche Standards für die Prüfung und Bewertung, inwieweit Windräder ein Risiko für gefährdete Vogelarten sind.

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