Windräder (Symbolbild 1) (Foto: SWR, Anno Palumbo)

Windräder als wichtiger Bestandteil der Klimawende?

Geplanter Windpark in Rottenburg bekommt Rücken- und Gegenwind von Bürgern

STAND
AUTOR/IN

Acht der höchsten Windräder Deutschlands könnten bald in Rottenburg stehen. Die Meinungen dazu reichen von "Verschandelung der Landschaft" bis "wichtig für den Klimaschutz".

Die mögliche Errichtung von Windrädern mit einer Höhe von jeweils rund 246 Metern zwischen den Rottenburger Stadtteilen Hailfingen, Oberndorf, Seebronn und Wendelsheim (Kreis Tübingen) sorgt für ordentlich Gesprächsstoff und hitzige Gemüter. Allein bei einer Infoveranstaltung in der Rottenburger Festhalle am Mittwochabend war die Halle voll. Die Stadt schätzt knapp 400 Anwesende vor Ort und 250 Livestream-Zuschauer auf dem Rottenburger Youtubekanal.

Sorge bereitet den Kritiker insbesondere der ausgewählte Standort und sie haben Bedenken, dass in Rottenburg, und auch generell in ganz Baden-Württemberg, zu wenig Wind wehe. Zumal der ausgewählte Abschnitt im Stadtwald nicht der höchste Punkt in der Gegend sei.

Rottenburg will klimaneutral werden

Die Stadt hat sich jedoch das Ziel gesetzt, im besten Fall völlig autark von Fremdenergie zu werden und ihren gesamten Strom selbst zu erzeugen. Durch die Windräder können laut Stadt um die 25.000 Haushalte mit Strom versorgt werden.

Doch bis dahin sei es noch ein langer Weg, denn entschieden sei noch nichts, so der Rottenburger Finanzbürgermeister, Hendrik Bendarz (SPD). Es sei alles noch im Fluss, auch der mögliche Standort stehe noch nicht fest.

Bürgerinitiativen "Rückenwind" und "Gegenwind"

Unter den Einwohnern der Gemeinde haben sich mittlerweile zwei Bürgerinitiativen gebildet: eine dafür und eine dagegen. Die Initiative "Rückenwind" sieht den Ausbau der Windkraft - auch angesichts der aktuellen politischen Situation - immer noch als richtigen und wichtigen Schritt im Hinblick auf die Klimawende. Selbstverständlich sei auch der Artenschutz und die Gesundheit der Menschen bei der Planung zu berücksichtigen, jedoch könne Klimaschutz und Naturschutz gut in Einklang gebracht werden, so Morgane Casagrande von "Rückenwind".

Die Kritiker des geplanten Windparks, darunter auch die Bürgerinitiative "Gegenwind", befürchten hingegen unter anderem den Tod zahlreicher Vögel, Lärmbelästigungen, negative gesundheitliche Auswirkungen durch Infraschall sowie eine großflächige Verschattung. Bei der Energiedebatte zwischen Bürgern und verschiedenen Experten wird auch eine mögliche chinesische Studie ins Spiel gebracht. Bei einem Windpark mit rund 1.000 Windrädern hätten Forscher herausgefunden, dass sich das Klima durch den Windpark erwärme. Wie sich das bei einer geringeren Anzahl von Windrädern verhalte, wisse man nicht, hieß es seitens eines Physikers der Landesanstalt für Umwelt in Baden-Württemberg (LUBW).

Wer profitiert vom Windpark?

Brennend beschäftigt die Bürger vor allem auch die Frage der Wirtschaftlichkeit des Projekts. Zwar gibt es bereits einen von der Altus AG entwickelten Windpark in Baden-Württemberg, nämlich in Straubenhardt (Enzkreis), der sich ebenfalls im Wald befindet, jedoch höher liegt und kleinere Windräder hat. In Rottenburg habe die Firma für erneuerbare Energien den Standort als gut befunden und sei von sich aus auf die Stadt zugegangen, da die Flächen größtenteils der Stadt selbst gehören. Zwei der Windräder sollen allerdings auf privater landwirtschaftlicher Fläche errichtet werden. Hierbei habe Rottenburg selbst kein Mitspracherecht, nur das Tübinger Landratsamt im immisionschutzrechtlichen Genehmigungsverfahren, heißt es seitens der Stadt.

Zu bedenken ist allerdings, dass der Staat grundsätzlich auch die Möglichkeit einer Enteignung hat, auch wenn dies nur zum Wohle der Allgemeinheit und unter erheblichen Einschränkungen möglich ist.

Einnahmen gehen an die Stadt

Laut des Rottenburger Finanzbürgermeisters profitieren die Stadt durch die Pachteinnahmen und die Gewerbesteuer sowie die Stadtwerke durch die Erträge. "Das ist ein großer Vorteil, denn das Geld bleibt in der Stadt, in der Region, und könnte beispielsweise in die örtliche Infrastruktur fließen". Zudem seien finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger geplant.

Die Bürger befürchten jedoch, selbst nicht ausreichend von der Windenergie zu profitieren. Um wirtschaftliche Bedenken auszuräumen, richtete Windexperte Ralf Pfeifer einen Vorschlag an die Stadt sowie an die Stadtwerke: Im Falle eines genehmigten Windparks solle doch ein günstiger Ökostromtarif für betroffene Bürger eingerichtet werden. Ralf Pfeifer war auf der Infoveranstaltung der Stadt als Experte geladen, ist allerdings bislang nicht als Berater tätig. Seine Expertise nimmt er aus seiner langjährigen Beratung von Kommunen, auch als sogenannter Windkümmerer für die bayerische Staatsregierung.

Solarenergie sinnvoller in Baden-Württemberg?

Viele Rottenburger wünschen sich zunächst eher einen verstärkten Ausbau der Solarenergie. Photovoltaikanlagen könnten auf Dächern installiert werden, ohne dass Wald gerodet werden müsste oder das Landschaftsbild verschandelt würde. Solarenergie sei allerdings nicht ausreichend, denn im Winter scheine die Sonne weniger, es werde aber mehr Strom benötigt, weil das Licht früher eingeschaltet werden müsse, so Ulrich Bittner, Maschinenbauingenieur und Mitglied der Initiative "Rückenwind". Außerdem wehe der Wind im Winter kräftiger und die Sonnenenergie könne nicht ein halbes Jahr über den Sommer hinaus bis zum Winter gespeichert werden.

"Mittlerweile ist es sinnvoll, Windräder auch in windärmeren Regionen einzusetzen, weil die Herstellung von Windrädern günstiger geworden ist."

Findet eine ernsthafte Umweltprüfung statt?

Merklich beunruhigt hat viele betroffene Bürger, dass eine eingehende Umweltprüfung mit einer umfassenden Öffentlichkeitsbeteiligung grundsätzlich erst ab 20 Windrädern vorgesehen ist und sich dies auch aufgrund der extremen Höhe der Räder nicht ändert. Und auch, dass laut Tübinger Landratsamt für die Berechnung der zulässigen Lärmgrenze für Windräder, zusätzlicher Autobahnlärm unberücksichtigt bleibt. Dies war für viele angrenzende Bürger ein Schock, da sich in der Nähe des geplanten Standorts auch eine Autobahn, nämlich die A81 befindet.

Windräder könnten in drei Jahren gebaut werden

Im Herbst dieses Jahres will die Stadt Rottenburg darüber entscheiden, ob sie ihre Flächen an die Firma Altus AG verpachtet. Doch auch dann ist noch nichts entschieden, denn ausschlaggebend für die Errichtung des Windparks ist allein die Genehmigung des Tübinger Landratsamts.

Sollte eine Genehmigung erteilt werden, könnte der Bau des Windparks laut Altus AG 2025 beginnen und die Windräder im Laufe des Jahres 2026 in Betrieb genommen werden.

Mehr zum Thema

Baden-Württemberg

Ministerpräsident sieht Bürokratie im Bund als Problem 1.000 neue Windräder in BW bis zur nächsten Landtagswahl: Kretschmann winkt ab

Im Koaliationsvertrag wurde festgelegt, dass die Voraussetzungen für 1.000 neue Windräder geschaffen werden sollen. In den ersten drei Monaten 2022 waren es gerade einmal drei.  mehr...

Main-Tauber-Kreis

Bundesregierung macht Druck Erneuerbare Energien: Flächen für Windkraft- und Solarstromanlagen in BW gesucht

Landwirtschaft, Solaranlagen oder Windräder? Zwei Prozent der Flächen sollen allein für Windkraft ausgewiesen werden, doch auch Solarstrom braucht Platz - und der ist bekanntlich endlich.  mehr...

Windkraft-Ausbau soll beschleunigt werden Was die neuen Windkraft-Pläne der Bundesregierung für BW und RLP bedeuten

Die Bundesregierung will den Windkraft-Turbo zünden. Dafür sollen teilweise auch Abstandsregeln der Länder wegfallen. Was bedeutet das für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz?  mehr...

STAND
AUTOR/IN