Nach dem Unwetter könnten Pilze zuschlagen

Hagelschäden-Tipps vom Reutlinger Gartenspezialisten

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Liebevoll gepflegte Gurken, Zucchini, auch Blumen liegen nach dem Hagelunwetter teilweise zerschlagen am Boden. Was nun? Thilo Tschersich vom Landratsamt Reutlingen hat Tipps.

Im SWR-Interview mit Moderatorin Bärbel Schlegel warnt der Kreisfachberater beim Landratsamt Reutlingen, Thilo Tschersich, vor den Folgen des Hagels. Dieser habe nämlich einen mechanischen Schaden an den Pflanzen hinterlassen, der sie jetzt zu einem gefundenen Fressen für Pilzkulturen machen könne.

Hagelschaden im Garten nach Unwetter in Tübingen (Foto: SWR, Marcel Wagner)
In diesem Garten eines Hobbyzüchters in Tübingen hat auch der Hagel gewütet: Da wird wahrscheinlich nicht mehr viel weiterwachsen. Marcel Wagner

Tschersich: Wir haben jetzt eine feuchte Witterung. Es ist warm und die Pilze finden schwaches Pflanzengewebe. Da ist das abgeschlagene, tote Gewebe. Aber auch Pflanzengewebe, das noch an der Pflanze dran, aber geschwächt ist, durch Verletzungen geöffnet. Und das sind alles Eintrittspforten für Pilze, die einerseits Totes zersetzen, aber auch andererseits, so wie die uns bekannten geläufigen Schimmel-, Grauschimmelpilze, an noch Lebendes drangehen, was geschwächt ist.

Was mache ich mit den Zucchini- oder Gurkenpflanzen, die von den Hagelkörnern zerschlagen wurden?

Tschersich: Wichtig ist mir da immer, dass wir beachten: Die Sachen sind für die Küche, da gelten Regeln aus der Küche, nämlich Hygiene. Wichtig ist es jetzt, die betroffenen Pflanzenteile zu sichten, erstmals einen genauen Überblick zu machen über den Schaden. Und dann, im Idealfall findet sich doch noch eine Stelle, auf die ich zurückschneiden kann. Nehmen wir die Zucchini. Also sehr lange Triebe, die zwar auch total weich sind, und jedes Hagelkorn wird dann eine Verletzung gemacht haben. Aber solange wir noch 20 bis 30 Zentimeter haben, wo irgendein Laubblatt noch lebende Masse hat, lohnt es sich, darauf zurückzuschneiden.

Zerstörte Zuchini nach Hagel im Garten (Foto: dpa Bildfunk, Ursula Düren)
Bei Zucchini hat man eine Chance, etwas zu retten - sie müssen aber nach dem Hagel noch Blätter haben. Ursula Düren

Wie weit darf ich zurückschneiden?

Und zwar knapp über dem Abgang von diesem Laubblatt schneiden wir den Rest ab, also das Zerschossene, und schauen uns das Laubblatt an. Wenn da auch Ausfaserungen sind, schneiden wir die mit einem Messer sauber zurück. So haben wir die Angriffsfläche für Pilze arg verkleinert. Und wenn auf dem Rest vom Stil nur eine Delle dran ist, kann das die Pflanze wegstecken. Aber wenn wir jetzt aus Liebe und aus Fürsorge für die Pflanze ganz viel von dem verschossenen Material stehen lassen, dann tun wir der Pflanze keinen Gefallen, weil da dringen dann die Pilze überall ein und machen der Pflanze den Garaus.

Aber ich brauche ein Blatt. Das ist wichtig?

Tschersich: Genau. Bei diesen einjährigen Kulturen muss noch ein Blatt vorhanden sein. Anders bei der Paprika, die grundsätzlich eine mehrjährige Kultur ist, die wir aber bei uns schwer über den Winter bringen. Hier würde es sich ebenfalls lohnen, einen genauen Blick darauf zu werfen, wo die Hagelschläge Verletzungen verursacht haben. Hier ist es aber auch wieder so, dass die Pflanze austreiben kann: aus schlafenden Augen, wie bei unseren Gehölzen. Also, wenn noch etwas da ist, was nicht auf dem Boden liegt und Matsch ist: dann auch wieder knapp über einem Seitenblatt-Abgang zurückschneiden. Weil die Wurzel unverletzt ist, wird weiterhin Energie nach oben geschoben. Und dann treibt die Pflanze noch einmal aus.

Lohnt sich Schienen? Also mit kleinen Bambusstöckchen oder überhaupt Stöckchen?

Tschersich: Da sind wir bei dem Thema, dem Versuch, aus menschlichen Organ- Betrachtungen den Pflanzen was Gutes zu tun. Es bietet sich wirklich nicht an, arg verletztes Pflanzengewebe zu erhalten. Einen Wundverschluss können gerade die meisten Gemüsepflanzen nicht leisten. Und es wird relativ rasch ein matschiges Gewebe entstehen. Deshalb müssen wir also darauf achten, diese Eintrittspforten für die Pilze zu minimieren und solche Stellen nicht liebevoll zu behalten, sondern rigoros zurückzuschneiden auf Gesundes, was dann neu treiben kann.

Hagel Unwetter in Tübingen zerstört (Foto: SWR, Marcel Wagner)
Von Salat ist nach einem Hagelschaden selbst mit viel Liebe meist nicht mehr viel zu retten. Marcel Wagner

Kommen wir mal zu Salat-Schösslingen. Alle raus?

Tschersich: Ja, also da haben wir jetzt in aller Regel nur noch ein Matsch übrig, und aus diesem Match kann nur mit größter Anstrengung noch etwas Gutes werden. Wer es trotzdem probieren will, dem empfehle ich mit einem scharfen Messer einen scharfen Rückschnitt, um zu schauen, ob man am Salat noch auf unverletztes Pflanzengewebe trifft. Und wenn man noch was übrig hat, dann kann man die Hoffnung hegen, dass da noch etwas austreibt. Aber wir befinden uns mitten in einer feuchtwarmen Situation. Und diese Witterung wird auch jetzt noch gesundes Pflanzengewebe relativ rasch in braunen Match verwandeln. Leider.

Was mache ich mit den Kirschen?

Tschersich: Nun, was wir bei den Kirschen dieses Jahr schon gesehen haben, war in kleinem Ausmaß das, was der Hagel jetzt verstärkt hat, nämlich Schrotschuss und Sprühflecken-Krankheit. Die haben arg profitiert von dem feuchten Frühjahr. Das heißt, das Laub war sowieso schon durchlöchert, aber eher so in Stecknadelkopfgröße und ein bisschen größer. Jetzt sieht es so aus, dass da das Laub auch arg zerschossen ist. Die Früchte, die auf dem Baum sind, hatten zum Großteil durch Sprühflecken und Schrotschuss-Krankheit schon Deformierungen und schwarze Flecken. Da wird kaum was heil bleiben. Hier haben wir auch die Situation, dass jetzt relativ rasch Pilze eindringen werden. Da können wir eigentlich nur daneben stehen und dann sagen: "Liebe Vögel, guten Appetit!" Da bleibt für uns nichts mehr übrig.

Muss ich sonst noch was beachten?

Ja, die Düngung. Diese Bäume müssen jetzt ein zweites Laub austreiben. Das kostet immer sehr viel Energie. Behalten wir das bitte im Hinterkopf und düngen die Gehölze zum Austrieb nächsten Jahres zeitig im Februar oder März.

Ein Mann mit runder Brille steht nach dem Regen an einem Obstbäumchen und hält zwei Äpfel in der Hand. (Foto: Pressestelle, Grünflächenberatungsstelle, Thomas Niedermüller )
Thilo Tschersich ist Kreisfachberater für Obst- und Gartenbau im Reutlinger Landratsamt Pressestelle Grünflächenberatungsstelle, Thomas Niedermüller

Ihre Prognose für die Gartenernte 2021?

Es kommt, wie es kommt. Wir hatten mal Glück. Wir hatten mal Pech. Also, Gärtnern ist ein Leben mit Witterung und Naturgegebenheiten. Und wenn ich was machen will, dann heißt es bei Pilzbekämpfung immer: ganz rasch nach dem Ereignis handeln! Denn wenn ich an Gehölzen Wunden hab, die verursacht wurden durch den Hagelschlag, und ich möchte etwas tun, dann heißt es innerhalb von zwei Tagen tätig werden und die Wunden mit Pilzmitteln vor dem Befall schützen. Aber das muss jeder für sich selber abwägen, ob der Aufwand gerechtfertigt ist.

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