Professor Hermann Bausinger in seinem Wohnzimmer vor Wänden voller Bücher  (Foto: SWR, Peter Binder)

Vater der Empirischen Kulturwissenschaft

Tübinger Kulturforscher Hermann Bausinger gestorben

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Er hat die Erforschung der Alltagskultur zu einer vielbeachteten modernen Wissenschaft gemacht. Nun ist Hermann Bausinger im Alter von 95 Jahren in Reutlingen gestorben.

Erst vor wenigen Wochen hat Bausinger eine Hörbuchaufnahme im SWR Studio Tübingen begleitet. Der Schauspieler Ulrich Tukur las ein bislang unveröffentlichtes Buch Bausingers vor. Es ist ein Sachtext über das Erzählen, angereichert mit Anekdoten. Erscheinen soll es im kommenden Frühjahr.

"Empirische Kulturwissenschaft" statt "Volkskunde"

Bausinger war über 30 Jahre lang Direktor des Tübinger Ludwig-Uhland-Instituts für Empirische Kulturwissenschaft. Von Anfang an hatte er entscheidende Impulse für eine Neuausrichtung des Lehrstuhls Volkskunde an der Universität Tübingen gegeben. Das Fach war durch die nationalsozialistische Vergangenheit belastet. Bausinger hat es in eine zeitgemäße Wissenschaft überführt.

Themen des Alltags wissenschaftlich untersucht

Empirisch geforscht wurde über Themen wie Einwanderung am Beispiel der Gastarbeiter, das Leben auf dem Dorf, über kulturelle Identität, den Heimatbegriff, Sozialgeschichte, Dialekte, über Imbisskultur oder Comics: Feldforschung über alle möglichen Phänomene der Alltagskultur.

Wissenschaft unterhaltsam präsentiert

Bausinger dozierte dabei nie von der Kanzel herab. Obwohl er bis zu seinem Tod fließend druckreif formulierte, ging es ihm nie um professorale Selbstdarstellung. Für seine Studendierenden hatte er immer ein offenes Ohr, und als brillanter Redner immer eine Anekdote parat.

Hermann Bausinger, em. Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen 1966 am Schreibtisch.  (Foto: SDR, 1966)
Hermann Bausinger, em. Professor für Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen 1966 am Schreibtisch. SDR, 1966

Nach seiner Emeritierung 1992 - und bis zuletzt - war der hochangesehene, vielfach ausgezeichnete Nestor der Kulturwissenschaft als Redner und kenntnisreicher Interviewpartner auch in den Medien gefragt.

Hermann Bausinger (Foto: SWR, SWR)
Hermann Bausinger bei einem Interview im SWR Studio Tübingen SWR

Er veröffentlichte unzählige Aufsätze zur Landeskunde, Kulturgeschichte, Sprache und Facetten der Alltagskultur. Unter anderem schrieb er über den herben Charme des Landes Baden-Württemberg, eine "Schwäbische Literaturgeschichte" und eine Betrachtung über die Universität Tübingen in der Nachkriegszeit.

Hermann Bausinger liest aus seinen Erinnerungen "Nachkriegsuni" (Foto: SWR, Petra Geiling)
Beim Tübinger Bücherfest 2019 hat Hermann Bausinger hat aus seinen Erinnerungen "Nachkriegsuni" gelesen. Petra Geiling

Archiv 2017 abgebrannt

Als Hermann Bausingers Büro und Archiv in einer Außenstelle des Ludwig-Uhland-Institutes 2017 bei einem Brand zerstört wurde, nahm es der damals 90-Jährige einigermaßen gelassen. Sein Mitgefühl galt dem Brandstifter, der in dem Feuer umgekommen war. Um all die Dokumente trauerte er weniger. Sein Lebenswerk sei damit nicht vernichtet, betonte er.

Bausinger vor Pflanzen auf dem Balkon, weise lächend.  (Foto: SWR, Peter Binder)
Hermann Bausinger im April dieses Jahres auf dem Balkon seiner Reutlinger Wohnung Peter Binder

Willensstark, klar und zielbewusst bis zuletzt

Am Mittwochabend ist Hermann Bausinger 95-jährig in einer Reutlinger Klinik gestorben. Ein Freund schildert ihn als willensstark bis zum Schluss, trotz zunehmender gesundheitlicher Probleme. Bei Gesprächen über letzte Korrekturen an seinem im Februar erscheinenden Erzählbuch habe Bausinger noch klar und zielbewusst geklungen.

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