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Die "Bundes-Notbremse" hat auch das "Tübinger Modell" ausgebremst. Dieses ließ laut einer Studie nur vorübergehend die Zahlen ansteigen. OB Palmer will möglichst bald weitermachen.

In Tübingen waren Läden geöffnet und zugänglich für jene, die sich testen ließen und einen negativen Corona-Test vorweisen konnten. Das aktuelle Infektionsschutzgesetz hat das Modellprojekt gestoppt. Denn das Gesetz sieht vor, dass Läden schließen müssen, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz in einem Landkreis drei Tage hintereinander über 100 liegt. Zuvor war der Inzidenzwert der Stadt ausschlaggebend. Die Diskussion über die Schließung der Läden hält auch in Expertenkreisen an. So zitiert die "Bild" zum Beispiel den Chef des Tropeninstituts der Tübinger Uniklinik, Peter Kremser: "Die Inzidenz in der Stadt blieb immer unter dem Niveau von Landkreis und Land. Daher hätten wir nicht schließen müssen."

Zahlen nur vorübergehend angestiegen

Eine Studie von Mainzer Wissenschaftlern zeigt darüber hinaus, dass das "Tübinger Modell" mit geöffneten Läden für Corona-Getestete nur zu einem vorübergehenden Anstieg der Fallzahlen im Landkreis geführt hat. Um die Entwicklung der Tübinger Corona-Fälle zu beurteilen, haben die Mainzer Forscher zu einem statistischen Trick gegriffen: Sie zogen zum Vergleich einen möglichst ähnlichen künstlichen Landkreis ohne Lockerungen heran.

In diesen simulierten Landkreis sind echte Zahlen aus Heidelberg, Freiburg, dem Enzkreis und dem Kreis Heilbronn eingeflossen. Als Tübingen Läden und Außenbereiche der Gastronomie für Getestete geöffnet hatte, stiegen die Zahlen zunächst stärker als im simulierten Landkreis. Gegen Ende des Modellprojekts gab es jedoch keinen Unterschied mehr. Anders als vermutet liegt das aber wohl nicht daran, dass nach Ostern die Außengastronomie dichtmachen musste und keine Auswärtigen mehr in die Läden durften.

Wenn die Forscher statt dem Landkreis nur die Zahlen der Stadt Tübingen zugrundelegten, gab es gar keinen auffälligen Anstieg der Coronafälle.  

So berichtete der SWR am 24.4. über das vorläufige Ende des Modellversuchs in Tübingen:

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OB Palmer: wissenschaftliche Erkenntnisse verfälscht

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) kritisierte auf seiner Facebook-Seite, dass das "Tübinger Modell" "vorschnell für gescheitert" erklärt worden sei. Auch seien in diesem Zusammenhang wissenschaftliche Erkenntnisse verfälscht worden. Ein erfolgreiches Modellprojekt, das "nur in der Anfangsphase vorübergehend zu höheren Ansteckungszahlen geführt haben könnte und über viele Wochen im stabilen Zustand gezeigt hat, dass man Handel und Kultur öffnen kann, ohne die Infektionszahlen zu erhöhen, wenn man genug testet, wird durch eine Überschrift zu einem Infektionstreiber stilisiert und damit erledigt", so Palmer weiter.

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Palmer will bei niedrigerer Inzidenz Öffnungs-Versuch fortsetzen

Er betont in einem weiteren Post, dass er nicht an der Entscheidung des Bundes rütteln wolle. "Aber ich denke, wir sollten möglichst schnell unter 100 kommen und dann genau da weiter machen, wo wir aufgehört haben. Kultur, Gastro, Einzelhandel, alles auf, aber mit Testpflicht."

@follow the science

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