Wurde in Aalen geboren und hat in Tübingen studiert - jetzt will Sofie Geisel Oberbürgermeisterin in Tübingen werden (Foto: Sofie Geisel)

Oberbürgermeisterwahl: SPD präsentiert Konkurrenz

Sofie Geisel will in Tübingen Boris Palmer herausfordern

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Der Wahlkampf läuft: Der Tübinger SPD-Vorstand will Sofie Geisel als Kandidatin bei der OB-Wahl unterstützen. Sie entstammt einer Politikerfamilie. Ein echter Coup? Palmer ist überrascht.

Sie wurde in Aalen geboren und hat in Tübingen unter anderem Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert: Sofie Geisel, die inzwischen seit vielen Jahren in Berlin für den Deutschen Industrie- und Handelskammertag arbeitet. Dort ist die 50-Jährige Mitglied der Hauptgeschäftsführung.

Kann sie Boris Palmer gefährlich werden?

Geisel soll im Herbst für die Abwahl des amtierenden Tübinger Oberbürgermeisters Palmer (Grüne) sorgen, hofft der Tübinger SPD-Vorstand. Das Gremium wünscht sie sich als SPD-Kandidatin. Vorgesehen ist, dass sie sich am Samstag den SPD-Mitgliedern in einer Präsenzveranstaltung vorstellen und dann von den Mitgliedern offiziell nominiert wird.

Möglicherweise wird sie sich aber auch um die Unterstützung weiterer Parteien bemühen, um mit einem möglichst breiten Rückhalt in den Wahlkampf zu gehen. Im SPD-Ortsvorstand ist Nervosität zu spüren. Nach einem Gespräch mit dem SWR scheint klar, dass man sich dort mit Sofie Geisel echte Chancen auf einen Wahlsieg ausrechnet.

Sofie Geisel - eine Frau mit Führungsqualitäten und politischer Erfahrung

Geisel ist verheiratet und hat drei Kinder. Sie hat sich im Laufe ihrer Karriere viel mit den Themen Familie, Teilzeit und Kinderbetreuung befasst. Sie war 2013 unter anderem beim Familiengipfel des Familienministeriums in Berlin dabei. Außerdem hat sie zum Beispiel Unternehmen dabei beraten, wie sie im Betrieb Klimaschutz umsetzen oder wie sie Fachkräfte gewinnen und halten können. Geisel versteht sich nach eigenen Angaben als Expertin für Kooperationsprojekte zwischen Politik und Wirtschaft.

"Mein Anliegen ist, Interessen zusammenzubringen und Zukunftsthemen in konkrete Projektvorhaben zu übersetzen."

Sofie Geisel hatte von Kindheit an viel mit Politik zu tun: Ihr Vater Alfred Geisel war 24 Jahre lang Landtagsabgeordneter für die SPD und auch Landtagsvizepräsident. Ihr Bruder war bis vor zwei Jahren Oberbürgermeister in Düsseldorf.

Tübinger Oberbürgermeisterwahl wird ungewöhnlich

Sofie Geisel will bereits nächste Woche in den Wahlkampf starten - mit einer Zuhör-Tour. Dabei wolle sie von den Tübingern erfahren, wie sie sich die Zukunft ihrer Stadt vorstellen, was sie bedrückt und worauf sie stolz sind. Ähnlich wie Ulrike Baumgärtner, die sich für die Tübinger Oberbürgermeisterwahl demnächst um die Unterstützung der Grünen bewerben will, setzt auch Geisel auf Dialog in der Stadt. Eine klare Abgrenzung zu Amtsinhaber Palmer, dem oft ein zu eigenmächtiges Handeln vorgeworfen wird. Ihr Angebot sei ein neuer Politikstil für Tübingen, erklärte Geisel in einer Mitteilung. Thematisch setzt sie auf die Themen Wohnen, Klimaschutz, Arbeitsplätze und Teilhabe. Ähnliche Themen also, wie sie auch Ulrike Baumgärtner und Boris Palmer haben, der als parteiloser Kandidat antreten wird.

Enge Freundin: Boris Palmer überrascht

Der amtierende Tübinger OB Palmer reagierte auf die Ankündigung Geisels mit Verwunderung. Auf Facebook schrieb er, sie sei eine "kluge, gewinnende und erfahrene Persönlichkeit, die wie ich in einer politischen Familie aufgewachsen ist." Dass sie kandidieren will, habe er nicht gewusst und das über die Homepage des SWR erfahren.

"Sofie gehört zu dem Dutzend Freunden, die mich am besten kennen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich in diesem Wahlkampf ausgerechnet auf sie treffen würde."

Palmer schreibt über gemeinsam verbrachte Kneipen-Abende und Freizeiten. Er sei auch Gast bei ihrer Hochzeit gewesen und habe Sofie Geisel natürlich auch zu seinem 50. Geburtstag in diesem Jahr eingeladen. Ihr habe er in Krisen immer vertraut. Als Politiker und Oberbürgermeister sieht er ihre Kandidatur sehr positiv, schreibt Palmer. Für die Stadt sei ein Wahlkampf zwischen qualifizierten Persönlichkeiten ein großer Gewinn.

Wackelt eine weitere grüne Hochburg?

Ob noch weitere Parteien Kandidatinnen oder Kandidaten ins Rennen schicken werden, ist derzeit noch offen. Trotzdem ist klar: Die Tübinger Oberbürgermeisterwahl 2022 wird hoch spannend. Weil gegen den Amtsinhaber Palmer ein Parteiausschlussverfahren der Grünen läuft, tritt er auf eigene Rechnung an. Das spaltet die Tübinger Grünen. Die Mitglieder werden sich entscheiden müssen zwischen Palmer und der noch zu nominierenden Baumgärtner. Das schwächt die Position der Grünen, die im Gemeinderat stärkste Fraktion sind und in Tübingen eine Hochburg haben.

Nachdem die Grünen bereits die Chefsessel in den Rathäusern von Stuttgart und Freiburg verloren haben, gibt es derzeit noch in Tübingen, Göppingen und Böblingen grüne Oberbürgermeister. Wie sich Sofie Geisel und mögliche weitere Kandidatinnen und Kandidaten in diesem Spannungsfeld behaupten können, dürfte interessant werden.

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