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Jetzt im November gehen viele Menschen öfter auf den Friedhof. Die Gräber werden gerichtet und es wird der Verstorbenen gedacht. Wenn das Wetter mitmacht, lässt man sich vielleicht Zeit und kommt zur Ruhe. Dafür geeignet ist der Bergfriedhof in Tübingen, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wurde.

Gärtner arbeiten an Gräbern, Besucher gehen durch die Reihen, Eichhörnchen wuseln geschäftig und unerschrocken auf den Wegen. Auf dem Tübinger Bergfriedhof ist an einem sonnigen Novembertag einiges los. Er liegt außerhalb der Stadt und - wie der Name schon sagt - oben auf einem Berg. Der heißt "Galgenberg", denn hier stand jahrhundertelang der Galgen der Tübinger Gerichtsbarkeit.

Erste Gräber für Soldaten

Die ersten Gräber hat man in diesem Eichen- und Buchenwald schon 1944 für Soldaten und Luftkriegsopfer angelegt. Bernd Walter, Leiter des Tübinger Friedhofswesens, möchte dieses Feld auf jeden Fall erhalten. Er hat schon viele Führungen mit Schulklassen gemacht und dabei festgestellt, dass die Gräber die Schüler zum Nachdenken anregen.

"Das sieht man auch, wie die Schüler dann überlegen, wenn sie sehen, dass die Opfer oft 18 Jahre alt waren, als sie gestorben sind".

Bernd Walter, Friedhofswesen Tübingen

Der Bergfriedhof ist mittlerweile 15 Hektar groß und die Liegestätte von weit über 10.000 Toten. Im Sommer 1950 war die große Eröffnungsfeier. Damals wurde auch die Waldkapelle eingeweiht, die heute für kleine Beerdigungsfeiern genutzt wird. 20 Jahre später wurde eine neue, größere Trauerhalle fertig.

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Waldkapelle aus dem Jahr 1950. Schuster

Glocke ist ältestes Stück des Friedhofs

Die Glocke der Trauerhalle ist 400 Kilo schwer. Interessant ist, dass sie außen an der Wand hängt. Zuvor läutete sie in Dusslingen, wo man sie nicht mehr wollte und günstig nach Tübingen verkaufte. Für Bernd Walter hat sie eine ganz besondere Bedeutung, denn sie ist das älteste Stück auf dem Tübinger Bergfriedhof. Sie stammt aus dem Jahr 1763.

Beisetzung in Themengärten

Ein Stück weiter kommt ein Bachlauf. Eine kleine Brücke führt darüber und einige Trauerweiden stehen am Ufer. "Fluss der Zeit" heißt dieser Bereich. Es ist ein Themengarten, in dem man beigesetzt werden kann und wo es auch Sitzgelegenheiten gibt. Man kann sich auch im "Garten der Zeit" oder im "Buchengrund" beisetzen lassen und neuerdings auch – ähnlich wie in Friedwäldern – direkt an frisch gepflanzten Bäumen.

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Themengarten "Fluss der Zeit". Dort werden entlang eines trockenen Bachbetts Urnen vergraben und die Namen der Verstorbenen auf die Stelen geschrieben. Schuster, Andrea

Die Grabsteine auf dem Friedhof sind sehr unterschiedlich. Frieder Krauss ist Steinmetz und entstammt einer Familie, die seit 1879 am Bergfriedhof Grabmale verkauft. Sein Handwerk habe sich verändert. Auf dem alten Friedhof in der Stadt gibt es noch kunstvolle Grabmale, doch auf dem jüngeren Bergfriedhof sind es schon deutlich weniger.

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Älterer Teil des Bergfriedhofs mit Einzel- und Familiengräbern. Schuster, Andrea

"Heute ist man funktionaler und einfacher. Die aufwändigen Grabmale werden heute fast gar nicht mehr nachgefragt".

Frieder Krauss, Steinmetz

Krauss sorgt sich, denn die Zahl der Urnenbeisetzungen hat drastisch zugenommen. Die Gräber werden immer kleiner, sagt er. Krauss hofft, dass die Kultur der Grabmale noch lange leben wird.

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