Mit Diabetes aus Kriegsgebiet gekommen

Gerettet: Schwerkrankes Mädchen aus der Ukraine in Sulz

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Anne Schmidt

Gerade mal 24 Kilo wog die Ukrainerin Dominika Bordak, als sie mit Mutter und Schwester nach Sulz-Hopfau (Kreis Rottweil) kam. Inzwischen ist die Zwölfjährige über den Berg.

Als wären die furchtbaren Erlebnisse auf der Flucht aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine nicht schon schlimm genug. Bei der zwölfjährigen Dominika Bordak kam auch noch eine schwere Krankheit dazu. Sie floh Anfang März mit ihrer Schwester Milena und ihrer Mutter aus der Ukraine, aus einer Stadt in der Region Charkiw. Der Vater wollte, dass seine Familie in Sicherheit lebt und drängte Frau und Kinder, eine Woche nach Ausbruch des Krieges zu fliehen. Per Bus und Bahn gelangten sie über Warschau nach Berlin und schließlich nach Freiburg. Von dort wurden die Bordaks in eine Flüchtlingsunterkunft in Sulz-Hopfau (Kreis Rottweil) gebracht. Kurz nach ihrer Ankunft konnte das entkräftete Mädchen eines Morgens plötzlich nicht mehr aufstehen.

Foto: Anne Schmidt (Foto: SWR)
Ehrenamtliche Helferin Marina Thiessen kümmert sich um Yuliia Bordak und ihre Tochter Dominika

Schnelles Handeln rettete Dominika das Leben

Mutter Yuliia griff zum Telefonhörer und rief die ehrenamtliche Helferin Marina Thiessen an. Die 41-jährige Russin kümmert sich als Dolmetscherin und ehrenamtliche Helferin um ukrainische Flüchtlinge rund um Sulz. Sie sorgte dafür, dass das todkranke Mädchen zu einem Arzt in Freudenstadt gefahren wurde, der es umgehend ins Krankenhaus schickte. Dort erhielten sie von den Ärzten die Diagnose Diabetes Typ 1. Dominika wog damals bei einer Größe von knapp 1,60 m gerade mal 24 Kilo.

Im Krankenhaus Freudenstadt wieder aufgepäppelt

In der ärztlichen Bescheinigung, die Dominikas Mutter ausgehändigt wurde, steht wortwörtlich: "Aufgrund ihres extremen Untergewichts ist Dominikas Körper am Rande der Lebensfähigkeit". Hätte man noch zwei weitere Tage gezögert, hätte man das Mädchen nicht mehr retten können, erfuhr Mutter Yuliia von der Ärztin. Zwei Wochen lang musste Dominika in der Freudenstädter Klinik bleiben. Ihre Mutter wich ihr nicht von der Seite. Die kleine Schwester Milena blieb in der Unterkunft in Hopfau und wurde dort von einer ukrainischen Mutter versorgt. Auch wenn sie noch blass ist und wackelig auf den Beinen kann Dominika wieder Lächeln. Ganze zehn Kilo hat sie in den letzten Wochen wieder zugelegt.

Foto: Anne Schmidt (Foto: SWR)
In diesem ehemaligen Hotel in Sulz-Hopfau lebt Yuliia Bordak mit ihren Töchtern und weiteren 50 geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern

Diagnose stellt Leben erneut auf Kopf

Auch für die 36-jährige Mutter war die Diagnose ein Schock. Sie habe ihr ganzes Leben nochmal komplett umgekrempelt. Bereits vor ihrer Flucht habe sie bemerkt, dass mit Dominika etwas nicht stimme. Schon Monate vorher sei Dominika immer müde und schwach gewesen, habe Durst gehabt. Dass ihre Tochter ständig schlapp war, schob die Mutter auf den Tod des kürzlich verstorbenen Großvaters und zuletzt auf die belastenden Umständen der Flucht.

Foto: Anne Schmidt (Foto: SWR)
Überlebenswichtig: Mehrmals täglich muss die Zwölfjährige mit diesem Messgerät ihren Blutzucker kontrollieren

Mit Diabetes leben lernen

Dominika braucht nun lebenslang eine Insulintherapie. Über eine Woche lang wurde sie jeden Tag dazu geschult. Eine Krankenschwester half ihr beim Spritzen und Blutzuckermessen. Damit der Blutzuckerspiegel kontinuierlich überwacht werden kann, muss Dominika am Oberarm ständig einen Sensor tragen. Bevor sie etwas isst, spritzt sie sich Insulin. Mit dem Procedere kommt die Zwölfjährige nun zurecht. Pfleger und Ärzte hätten das Mädchen gelobt. Sie könne die Blutwerte schnell umrechnen und habe tapfer ihre Angst vor dem Spritzen bekämpft, so Betreuerin Marina Thiessen.

Hoffen auf Familienzusammenführung

Jeden Tag telefonieren die Bordaks mit Ehemann und Vater Yevgeniy, der zurückbleiben musste. Dessen Unterstützung könnte Yuliia Bordak mehr denn je gebrauchen. Aber ukrainische Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen nur in Ausnahmefällen das Land verlassen. Deshalb haben sie nun die ukrainische Botschaft angeschrieben und hoffen auf eine Ausnahmegenehmigung, die dem Vater erlaubt, auszureisen. Der Bürgermeister der Stadt Sulz am Neckar, Gerd Hieber, hat sich zuletzt bei der Ukrainischen Botschaft für die Ausreise von Dominikas Vater stark gemacht. Auf Anfrage des SWR hieß es, dass die Bitte vom Generalkonsul der Ukraine in München abgelehnt wurde.

Foto: Anne Schmidt (Foto: SWR)
Neuer Glückbringer: Diesen Teddybär bekam Dominika von der Ärztin der Freudenstädter Klinik geschenkt

Deutsch lernen und die Schule besuchen

Yuliia Bordak ist erleichtert, dass es ihrer Tochter wieder besser geht und sehr dankbar, dass sich so viele Ehrenamtliche um sie und die anderen Geflüchteten kümmern. Sie haben bereits Kleiderbasare und Bastelaktionen für die Kinder organisiert. In der Unterkunft in Hopfau werden sogar regelmäßig Deutschkurse angeboten. Und da hat die zwölfjährige Dominika ihrer Mutter was voraus: In der Ukraine hatte sie bereits Deutsch als zweite Fremdsprache. Wenn alles klappt, kann Dominika bald zur Schule gehen. Die ehrenamtliche Helferin Marina Thiessen hat schon versucht, etwas über eine befreundete Gymnasiallehrerin einzufädeln.

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