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Der Reutlinger Arzt Martin Binder ist besorgt über die Corona-Lage auf Lesbos. Er arbeitet ehrenamtlich seit Mitte Februar in einem Flüchtlingslager mit 20.000 Menschen auf der griechischen Insel.

In dem Lager gelten wegen des Coronavirus strenge Bewegungseinschränkungen. Deswegen hätten die Flüchtlinge oft nur die Chance auf ärztliche Hilfe, wenn die griechische Polizei es für notwendig halte, berichtete Binder im SWR.

Eine Wasserstelle für 1.300 Flüchtlinge

Die empfohlenen Corona-Regeln einzuhalten sei in dem Lager unmöglich. Die Flüchtlinge leben zu sechst in einem Zelt. Es gebe nur eine Wasserstelle für jeweils 1.300 Menschen. Die Flüchtlinge müssten zur Lebensmittelversorgung stundenlang anstehen.

Helfer wegen Corona abgereist

Weil wegen der Corona-Pandemie viele Helfer abgereist sind, und die medizinische Versorgung ohnehin schlecht ist, hat er beschlossen erst einmal zu bleiben. Außerdem arbeite er in einem tollen Team, begründete Binder sein Verhalten. Um die schlimmen Zustände zu ertragen, müsse man vieles auch einfach verdrängen, so der Arzt.

Wut auf EU

Er habe eine unbeschreibliche Wut auf die EU. Sie benutze die Zustände in dem Lager, um die Grenzen dicht zu halten, ärgerte sich der Arzt. Die Menschen würden wie Tiere gehalten und ihnen würden die elementarsten Werte vorenthalten, die die EU immer so hoch halte.

Gerald Knaus | Soziologe und Migrationsforscher Warnt vor einer humanitären Katastrophe in den griechischen Flüchtlingslagern

Der Migrationsforscher Gerald Knaus gilt als Kopf hinter dem EU-Abkommen mit der Türkei. Er forderte immer wieder eine Erneuerung des Abkommens, um die unzumutbaren Zustände auf den griechischen Inseln zu beenden. Jetzt warnt Gerald Knaus vor einer verheerenden humanitären Krise auf den Inseln. Eine massive Infektionswelle in den überfüllten Lagern wäre kaum zu bremsen. "Wenn jetzt noch eine Infektion mit dem Coronavirus dazu kommt, mitten unter 20.000 Menschen, die im Lager auf Lesbos eng zusammenleben, sich nicht die Hände waschen können, mit nur sechs Intensivbetten auf der Insel - da ist offensichtlich, warum wir handeln müssen." Der Österreicher Gerald Knaus studierte in Rom, Bologna und Oxford. Der Soziologe arbeitete viele Jahre für NGO's, die UN und an Universitäten, darunter Harvard. Er ist Mitgründer und Vorsitzender der ESI (European Stability Initiative), einer Denkfabrik, die für Migrationskonzepte bekannt ist.  mehr...

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