Rund 350 Zuschauerinnen und Zuschauer sind am Dienstagabend ins "Kino Museum" gekommen, um dort die neue SWR-Doku "Der Palmer Komplex" zu sehen. Mit im Kinosaal natürlich der Mann, der im Fokus der 90-minütigen Doku steht: Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos). Er kam auf den letzten Drücker. Mit dabei: seine Mutter Erika. Auch Ehefrau Magdalena Ruoffner und deren gemeinsamer Sohn waren an dem besonderen Abend dabei. Palmer hat den Film vorab nicht gesehen, sagte er.
Das ist wie beim zweiten Kind, da wollte ich auch nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädele wird.
Er freue sich, dass über einen Lokalpolitiker und dessen Arbeit eine Doku gemacht wurde, sagte Palmer noch bevor er den Film gesehen hatte. Direkt nach der Preview zeigte er sich berührt und beeindruckt von der Doku und der hörbaren Reaktion darauf im Publikum: "Eine Doku zu produzieren, bei der viel gelacht wird, das muss man erst einmal hinbekommen."
Neben Tübinger Bürgerinnen und Bürger waren auch bekannte Persönlichkeiten wie der Kabarettist Christoph Sonntag, Schlager-Sänger Dieter Thomas Kuhn und die Tübinger Notärztin Lisa Federle im Kinosaal. Schon gleich in den ersten Film-Minuten gab es viel zu lachen und auch immer wieder Applaus.

Drei Jahre Drehzeit für die Doku über Boris Palmer
Filmautor Frank Marten Pfeiffer hat den Tübinger Oberbürgermeister drei Jahre lang für den Dokufilm begleitet. In entscheidenden Momenten war er mit der Kamera dabei - unter anderem, als Palmer in Frankfurt Rassismus-Vorwürfe gegen ihn mit der Stigmatisierung durch den Judenstern vergleicht und damit einen Eklat auslöst.
SWR-Programmdirektor Bratzler: "Geht nicht nur um Palmer als Person"
Der Film porträtiert den Ex-Grünen-Politiker Palmer als eine Person, in der sich wichtige gesellschaftliche Konflikte wie Ökonomie versus Ökologie, Rassismus, Wokeness und die Grenzen der Meinungsfreiheit widerspiegeln. Am Beispiel des wohl bekanntesten Kommunalpolitikers Deutschlands würden die gesamtgesellschaftlichen Grenzen des politischen Diskurses sichtbar, sagte Clemens Bratzler, SWR-Programmdirektor Information. Da sei eine Langzeitbeobachtung, die ein Dokumentarfilm leisten kann, spannend. Sie könne Zuschauerinnen und Zuschauer neue Erkenntnisse bringen, so Bratzler.
Es gibt ja fast niemanden, der keine Meinung zu Boris Palmer hat.
Für die einen sei er ein Held, weil er Dinge ausspreche, die andere nicht auszusprechen wagten. Für die anderen sei er einer, der das gesellschaftliche Klima vergifte und Grenzen überschreite, so Bratzler weiter.
Podiumsdiskussion nach Filmaufführung: Palmer seinem Vater ähnlich?
Nach der Filmaufführung diskutierte Palmer mit Filmautor Frank Marten Pfeiffer, dem Rhetorik- und Wissenskommunikationsprofessor der Universität Tübingen, Olaf Kramer, und der Leiterin der Multimedia-Redaktion des SWR Studio Tübingen, Sandra Müller, über den Film und Momente in seiner Laufbahn. Etwa, ob der Film Parallelen zwischen Boris Palmer und seinem Vater aufzeigt?
Darauf antwortete Palmer: "Ja, fast zu viel, oder?" Er habe erst in seinen 40ern verstärkt darüber nachgedacht, wie stark sein Vater, der Bürgerrechtler Helmut Palmer, ihn geprägt habe. Palmer glaube, dass es doch Unterschiede zwischen ihm und seinem Vater gebe, aber: "Man ist vielleicht doch viel stärker 'Kind der eigenen Eltern', wie man sich das selbst so eingestehen möchte", sagte er.

Sandra Müller attestierte Palmer nach seiner Auszeit aber einen veränderten Umgang mit den Medien. Er habe danach weniger Diskussionen über seinen Facebook-Kanal angestoßen und häufiger den Weg über den Journalismus gewählt. "Indem er Gastartikel schreibt, bei renommierten Blättern", sagte Müller. Oder indem er zu Talkshows gehe. Bei den Gastartikeln komme ihm aber zu Gute, "da sitzen Profis dazwischen, die diese Texte auch nochmal mitanschauen". Dies führe zu einer ruhigeren und sachlicheren Diskussion, so Müller weiter.
Berührende Momente für Palmer
Ein ganzer Film über sich selbst: Trotzdem oder gerade deshalb schien die Premiere der SWR-Doku für Boris Palmer ein emotionaler Moment zu sein. "Ich fand den Film berührend", so der Protagonist direkt nach der Aufführung. "Ich bin erstaunt wie viel ich schon vergessen habe. Manches war für mich ganz neu", fügte der Tübinger OB dann jedoch lachend hinzu.

Und auch Mutter Erika Palmer habe der Film gefallen. "Natürlich, sie war ja persönlich betroffen und es war ja auch viel aus ihrem Leben zu sehen." Mutter und Sohn saßen im Kino nebeneinander, während sie sich die Doku anschauten.
"Der Palmer Komplex" in der Mediathek
Die Dokumentation "Der Palmer Komplex" ist seit dem Abend in der ARD Mediathek verfügbar und läuft am 17. April 2025 um 20:15 Uhr im SWR Fernsehen. Vor wenigen Wochen erschien ein Podcast des SWR über Boris Palmer: "Stunk. Palmer bringt die Welt in Ordnung" - zu hören in der ARD Audiothek.