Eingang der BG-Unfallklinik in Tübingen (Foto: SWR, Bernhard Kirschner)

Erfolgreich gegen Langzeitfolgen

Post-Covid-Programm an Tübinger Unfallklinik stark nachgefragt

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Anna Priese

Tausende Menschen kämpfen aktuell mit den Spätfolgen einer Corona-Infektion, der Bedarf nach Reha-Angeboten ist groß. Das Programm einer Tübinger Unfallklinik verspricht Erfolge.

Nach einer Covid-19-Erkrankung klagen einige Erkrankte über Langzeitfolgen des Virus. Sie fühlen sich oft schwach, haben Gliederschmerzen oder können nur schwer atmen. Eine Klinik in Tübingen verspricht Abhilfe: Sie hat ein Therapie- und Rehakonzept entwickelt, das anhaltende Covid-19-Symptome behandelt.

Long Covid macht müde

Es sei wie ein Akku, der sich bei jeder Tätigkeit entladen würde, berichtet eine Patientin der BG Klinik Tübingen. Die 34-jährige Zahnärztin hatte sich bei der Arbeit mit Corona infiziert und litt 15 Monate lang an den unterschiedlichsten Symptomen. Darunter Konzentrationsschwierigkeiten, eine extrem verminderte Belastbarkeit, innere Schmerzen im Bereich der Nieren und des Magens, Kopfschmerzen und durchgehende Übelkeit. Ist der Akku einmal leer, gehe für einen Tag bis zu zwei Wochen nichts mehr, berichtet die Frau. Unabhängig davon, ob die Tätigkeit geistig oder körperlich anstrengend sei.

Viele Erkrankte entwickeln Post- oder Long-Covid

An der Klinik in Tübingen sei sie einen großen Schritt vorangekommen, erzählt sie. Die Schmerzen hätten sich massiv reduziert und es habe ganze Tage ohne Übelkeit und Kopfschmerzen gegeben. Beim Post-Covid-Programm an der BG Unfallklinik in Tübingen werden ausschließlich Menschen behandelt, die sich bei der Arbeit mit Corona infiziert haben, erklärt Tobias Hoheisel, der Leiter des Programms. Das seien insbesondere Menschen, die sich in der ersten und zweiten Welle angesteckt haben, da es damals noch keine Impfungen gab. Den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen seien über 200.000 solcher Verdachtsanzeigen gemeldet worden. Zehn Prozent der Erkrankten würden das Post- oder Long-Covid-Syndrom entwickeln, so der Mediziner.

Der Leiter des Post-Covid-Programms, Tobias Hoheisel, im Gespräch mit einer Patientin. (Foto: SWR)
Der Leiter des Post-Covid-Programms, Tobias Hoheisel, im Gespräch mit einer Patientin.

Lange Wartezeiten für die Corona-Sprechstunde

Mit dem Ziel, dass die Erkrankten wieder arbeiten können, haben die Unfallkassen und Berufsgenossenschaften ein Stufenkonzept entwickelt, sagt Hoheisel. Zuerst beraten Versicherungen, Ärzte und Psychologen über den Erkrankten. Dann folgt mit ihm eine Post-Covid-Beratung. Viele von den Betroffenen säßen bereits seit einem Jahr oder länger zu Hause, ohne einen Zugang zu Therapien oder Diagnostik.

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Eine ausführliche Diagnostik bekommen die Patienten und Patientinnen beim Post-Covid-Check. Dafür kommen sie sieben bis zehn Tage in die Klinik nach Tübingen. Die BG kooperiert dabei mit dem Tübinger Universitätsklinikum. Eine anschließende Reha dauert etwa vier bis sechs Wochen. Sie ist individuell auf die Patienten zugeschnitten und beinhaltet zum Beispiel Physio- und Ergotherapie, kognitives Training sowie psychologische Unterstützung.

Anfangs standen für die Reha fünf Betten zur Verfügung. Zum Jahreswechsel wurde auf elf Betten aufgestockt. Das Post-Covid-Programm ist sehr nachgefragt: Die Wartezeit für die Sprechstunde beträgt etwa drei bis vier Monate.

"Das Umfeld ist die größte Hürde"

Laut Hoheisel sind die körperlichen Beschwerden von Post-Covid-Patientinnen und -Patienten in der Regel gut therapierbar, insbesondere dann, wenn die Corona-Infektion mild verlaufen ist. Schließlich kenne man viele der Symptome auch von anderen Erkrankungen. Das Fatigue-Syndrom und Konzentrationsschwierigkeiten bräuchten hingegen häufig länger Zeit. Besonders schwierig sei es für Patientinnen und Patienten mit solchen Symptomen zudem oft, dass sie nicht ernst genommen würden. So geht es auch der 34-jährigen Zahnärztin: "Das Umfeld ist die größte Hürde. Den Leuten fällt es schwer, weil sie es zum einen nicht sehen und es zum anderen noch nicht präsent genug ist. Die Ärztin sei auf sehr viel Unverständnis gestoßen, im privaten, aber auch im beruflichen Umfeld.

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