STAND

Seit rund einer Woche ist Tübingen "Corona-Modellstadt". Das heißt: Wer negativ getestet ist, darf fast überall rein. Nun gibt es erste Zahlen zum Projekt.

"Öffnen mit Sicherheit" - das ist der Titel des Projektes. Das heißt in der Praxis: Wer an einer der Teststationen einen Schnelltest macht, darf in Geschäften shoppen und ins Kino oder Theater gehen. Auch die Außenbereiche von Restaurants und Bars dürfen öffnen.

Inzidenzen steigen- woher kommt's?

Die steigenden Inzidenzzahlen im Landkreis bezieht Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) auf die höheren Inzidenzen in Nachbarstädten. Das habe mit dem Öffnungsprojekt nichts zu tun, sagte Palmer am Montagabend im SWR. So lange man bezüglich der Infektionszahlen im Vergleich mit den Städten und Kreisen, die ihre Geschäfte schließen müssen, gut abschneide, gebe es keinen Grund das Projekt abzubrechen, so Palmer weiter.

Video herunterladen (7,4 MB | MP4)

Daten werden erst seit Kurzem erhoben

Wie gut das Projekt wirklich läuft, lässt sich aktuell allerdings noch nicht wirklich auf einer fundierten Datengrundlage bewerten. Denn erst jetzt - rund eine Woche nach Start des Projektes - bekommt die Uni Tübingen Daten zum Testlauf, die sie auswerten kann. Das hat der Tübinger Infektiologen Peter Kremsner im SWR gesagt. Er wertet die Daten mit seinem Forschungsteam aus.

Welche Daten sind aussagekräftig?

Dabei besonders wichtig sei vor allem eine Größe: die Positivrate der in Tübingen gemachten Schnelltests. Die zeigt an, wie groß der Anteil der positiven Tests im Vergleich zu der Menge aller Tests ist. Für Kremsner ist die Positivrate wichtiger als die Inzidenz, um zu bewerten, ob das Öffnungsprojekt gut läuft.

Der Grund dafür ist folgender: Die Inzidenz, von der immer die Rede ist, zeigt an, wie viele Menschen pro hunderttausend Einwohner infiziert sind. Wenn aber mehr getestet wird, werden auch mehr Infizierte gefunden - zum Beispiel nämlich auch die, die sonst vielleicht nie erfahren hätten, dass sie Corona-positiv sind. Dass die Inzidenz in der Modellstadt also ansteigt, war laut Kremsner erwartbar. Die Positivrate dagegen zeigt, wie weit verbreitet das Virus tatsächlich ist.

Tübingen

Kosten, Erfolge, Perspektiven FAQ: Modellstadt Tübingen - die wichtigsten Fragen beantwortet

Tübingen ist Corona-Modellstadt. In der Praxis heißt das: Es wird viel getestet, dafür ist aber auch vieles geöffnet. Aber was kostet so ein Projekt? Und: Wie geht es für die Modellstadt weiter?  mehr...

Was läuft weniger gut?

Es werden zwar Daten begleitend zum Projekt erhoben - einige Fragen müssen die Forscher allerdings ausklammern, weil sie zu wenig Kapazitäten haben, sagt Kremsner. Dazu gehört zum Beispiel, ob Menschen, die jetzt nach Tübingen zum Einkaufen, ins Theater und ins Freiluftcafé kommen, hinterher häufiger - oder seltener - mit Corona infiziert sind als anderswo. Das werde sich also nicht klären lassen.

Dazu müsste man Menschen, die in der Modellstadt unterwegs sind, später nochmal testen - und zwar systematisch. Dafür fehlen die Kapazitäten, sagt Kremsner. Sein Institut managed gerade die noch laufende Studie für den Corona-Impfstoff von Curevac mit Tausenden Testimpfungen. Da sei man ausgelastet, sagt Kremsner.

Palmer sieht kein Problem bei Fehlerquote der Tests

Keine Probleme sieht Tübinges Oberbürgermeister Palmer dagegen bei der Fehlerquote der Tests. Und das, obwohl es zuletzt mehrere falsch-positive Schnelltestergebnisse im Rahmen des Projekts gab.

Falsch-positive Tests sind nur ein Grund für eine Entschuldigung, bei Menschen, denen wir unnötigen Schreck eingejagt haben. Das ist ja mehr Vorsicht, nicht zu wenig.

Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen

Hintergrund ist, dass es bei der Durchführung der Corona-Schnelltests in Tübingen zu Problemen gekommen war. Wie der Betreiber von zwei Schnelltest-Ständen mitteilte, seien von 2.000 getesteten Menschen 25 in die Isolation geschickt worden, obwohl sie möglicherweise gar nicht Corona-positiv waren. Grund sind laut der Kern Medical GmbH zu niedrigen Temperaturen - sowohl beim eigentlichen Test als auch bei dessen Auswertung. Das hat auch die Tübinger Pandemiebeauftragte Lisa Federle bestätigt.

Testmöglichkeiten nur noch für Menschen aus dem Landkreis?

Palmer könnte sich außerdem vorstellen, die Testmöglichkeiten der Stadt auf Menschen aus dem Landkreis Tübingen zu beschränken. Im Deutschlandfunk betonte Palmer am Montag, man werde reagieren, wenn es nötig werde.

Konkret hieße das für Gäste dann, dass sie auch nicht mehr in Tübingen shoppen oder zu Kulturveranstaltungen gehen könnten. Denn rein kommt nur, wer ein negatives Testergebnis auf einem Testzertifikat der Stadt Tübingen vorweisen kann.

Wie viele Auswärtige lassen sich in Tübingen testen?

Konkrete Zahlen dazu, wie viele Menschen von außerhalb nach Tübingen kommen und sich testen lassen, gibt es nicht. Die Herkunft der Schnellgetesteten wird nämlich nicht gespeichert. Sie wird nur für den Moment an der Teststation abgefragt.

Einige Helfer berichten davon, dass vergangene Woche rund ein Drittel der Getesteten nicht aus Tübingen kam. Am Samstag sei es sogar die überwiegende Mehrheit gewesen, 80 Prozent war eine Schätzung.

Tübingen

"Testen und Öffnen" als neues Konzept Land hat zugestimmt: Tübingen wird "Corona-Modellstadt"

Tübingen wird "Corona-Modellstadt". Das hat das Land Baden-Württemberg bestätigt. Mit einem Modellprojekt sollen so neue Wege im Umgang mit der Corona-Pandemie erprobt werden.  mehr...

Deutschlandweit einzigartiges Projekt gestartet Weitere Öffnungen in "Corona-Modellstadt" Tübingen

Tübingen ist als Corona-Modellstadt am Dienstag gestartet. Das heißt: Theater, Museen, Kinos und Außengastronomie haben wieder offen. Wer rein möchte, muss sich vorher testen lassen.  mehr...

Tübingen

Kosten, Erfolge, Perspektiven FAQ: Modellstadt Tübingen - die wichtigsten Fragen beantwortet

Tübingen ist Corona-Modellstadt. In der Praxis heißt das: Es wird viel getestet, dafür ist aber auch vieles geöffnet. Aber was kostet so ein Projekt? Und: Wie geht es für die Modellstadt weiter?  mehr...

STAND
AUTOR/IN