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Trotz steigender Inzidenz-Werte in Tübingen sieht Oberbürgermeister Palmer keinen Grund, das Modellstadt-Projekt zu beenden. Kritik daran kommt erneut von Karl Lauterbach.

In Tübingen bekommt derzeit, wer negativ auf das Coronavirus getestet wurde, ein Tagesticket, mit dem er Gastronomie und Läden besuchen kann. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner in der Stadt ist mittlerweile auf 78,7 gestiegen (Stand: Dienstag). Am 18. März lag sie noch bei 19,7. Demnach hat sich die Sieben-Tage-Inzidenz seit Mitte März fast vervierfacht. Diese Entwicklung sei kritisch zu sehen, so das Sozialministerium gegenüber dem ARD-Magazin Report Mainz.

Modellprojekt Tübingen: Palmer will Versuch nicht abbrechen

Für den Oberbürgermeister Boris Palmer seien die gestiegenen Zahlen kein Grund zur Besorgnis: Im Bundesvergleich sei das "immer noch günstig", sagte Boris Palmer (Grüne) gegenüber dem SWR. Der Anstieg hätte zwei Gründe, zum einen einen Ausbruch in einer Landeserstaufnahmestelle. Zum anderen finde man durch die vermehrten Tests natürlich mehr Infizierte. 50.000 Tests wurden laut Palmer in einer Woche während des Versuchs durchgeführt - in einer Stadt mit 90.000 Einwohnern. Knapp 30 davon seien positiv gewesen - dadurch sei auch die Inzidenz gestiegen. "Mittelfristig können wir durch die entdeckten Fälle aber die Inzidenz senken, weil wir Infektionsketten abbrechen konnten", so Palmer.

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Den Versuch der Modellstadt will der Oberbürgermeister nicht abbrechen. Wenn das Projekt jetzt beendet werden würde, könne man keine wissenschaftlichen Informationen aus dem Verhalten der Infektionszahlen mit Tests und Öffnungen im Vergleich zu anderen Städten ziehen.

"Wir wussten, dass die Inzidenz am Anfang steigen wird - bis jetzt ist aber alles im erwartbaren Bereich", sagte Palmer. Momentan würden die Zahlen aber im Verhältnis zum Landesdurchschnitt steigen, deshalb sehe er noch keinen Grund, das Projekt vorzeitig zu beenden.

Modellstadt Tübingen voller Menschen (Foto: Imago, IMAGO / Eibner)
Lange Schlangen bilden sich täglich vor den Teststationen in der Tübinger Innenstadt. Imago IMAGO / Eibner

Mehrere Hundert gefälschte Tagestickets im Umlauf

Laut Palmer hätte ein Betrieb in Tübingen mehrere hundert Tagestickets illegal an Bekannte weitergegeben und ihnen so das Einkaufen und Nutzen der Gastronomie ermöglicht, obwohl sie nicht getestet wurden. Kritik an den einfachen Zetteln, die als Tagesticket und damit als Nachweis auf das negative Testergebnis dienen, kommt auch von Besuchern der Stadt. So kritisierte beispielsweise der Twitter-Nutzer Martin Konold, dass die Tagestickets einfach weitergegeben werden könnten und andere sich so das Anstehen für den Test sparen könnten. Auf den Tweet wurde tausendfach reagiert, meist mit Kopfschütteln und Kritik an der Strategie in Tübingen.

Twitter-Nutzer konold kritisiert die Möglichkeit, dass die Tagestickets unbemerkt weitergegeben werden können.

Laut Palmer soll es ab jetzt eine sichere Alternative zum Zettel geben: Einer Art Festival-Armbändchen mit QR-Code, dass sich nicht ohne kaputt zu gehen entfernen lässt und so nicht weitergegeben werden könne.

Karl Lauterbach fordert Abbruch der Modellöffnung

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisierte unterdessen erneut den Öffnungsvorstoß von Tübingen. Die Inzidenz sei stark angestiegen und das Projekt trage nicht dazu bei, sie zu senken, schrieb Lauterbach bei Twitter.

"Testen statt Lockdown ist wie Abnehmen durch Essen"

Mit unsystematischen Öffnungsstrategien könne man die schwere, dritte Welle nicht aufhalten. "Testen statt Lockdown" sei Wunschdenken - genau wie "Abnehmen durch Essen".

Bevor man über Öffnungen nachdenken könne, müsse man durch Ausgangsbeschränkungen und der Notbremse das Wachstum der Infektionen stoppen. Außerdem müsse es möglich werden, Cluster über die Pflicht zur Testung in Betrieben und Schulen schnell zu erkennen. "So schafft man die Voraussetzung für Lockerungen."

Twitter-Beitrag von Karl_Lauterbach: "Modellprojekt muss gestoppt werden"

Nicht erste Kritik von Lauterbach an Tübinger Modell

Lauterbach ist bekannt für seine Kritik am Tübinger Sonderweg. Palmer und die Pandemiebeauftragte der Neckarstadt, Lisa Federle, hatten diese zunächst zurückgewiesen und ihm vorgeworfen, die Zahlen von Stadt und Kreis zu verwechseln. Der SPD-Gesundheitsexperten nannte das Argument auf Twitter allerdings "epidemiologisch Unsinn". Menschen aus dem ganzen Landkreis würden in der Stadt shoppen, auch das Gastro- und Verkaufspersonal lebe dort.

Forscherin: Einzelne Öffnungen nicht Aussagekräftig für Analyse

Einzelne Modellregionen für Öffnungen in Corona-Zeiten taugen aus Sicht der Göttinger Forscherin Viola Priesemann nicht für aussagekräftige Analysen. "Aus einer einzigen Modellregion lässt sich keine wissenschaftliche Erkenntnis ziehen", sagte die Pandemie-Modelliererin vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation am Dienstag. Die Gebiete seien zu klein. Lernen könne man nur aus dem Vergleich mehrerer Modellregionen. Daher strebe sie mit Kollegen und Kolleginnen an, Daten aus mehreren Modellregionen gemeinsam auswerten zu können.

Zuletzt hatten zahlreiche Kommunen und Regionen in Baden-Württemberg angekündigt, ebenfalls Modellregion nach dem Vorbild Tübingens werden zu wollen - zuletzt der Bodenseekreis. Ihr Ziel ist es, möglichst bald Perspektiven zu haben - nicht nur für die Lockdown-müden Menschen, sondern auch für Hotels, Restaurant, Museen und die Kultur. Allerdings gibt es auch bereits erste Absagen des Landes.

Kritik an wissenschaftlicher Begleitung

Für Kritik hatte zuletzt ebenfalls die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Tübinger Modellprojekt gesorgt, welches die Landesregierung jüngst bis Mitte April verlängerte. Palmer räumte dies im SWR-Interview am Montag ein. "Wir mussten ja sehr schnell sein", so Palmer. Man habe gewusst, dass am Anfang noch nicht alles perfekt sei. "Wissenschaft braucht mehr Vorbereitung" - das werde jetzt nachgeholt, so der Grünen-Politiker weiter. Durch die Verlängerung des Testzeitraums werde man verlässliche Daten bekommen.

So äußerte sich Palmer am Montagabend bei SWR Aktuell:

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