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Die Geschichtswerkstatt Tübingen und das Lern- und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus haben eine Online-Datenbank entwickelt. Sie stellt Akteure während der NS-Zeit vor. Sie ist bisher einzigartig im Land.

Rund 50 Personen sind auf der Webseite abgebildet. Sortiert nach Bereichen: Partei, Bildung und Forschung, sowie Polizei und Justiz. Zu finden sind beispielsweise die Namen der Tübinger NS-Kreisvorsitzenden Helmut Baumert und Hans Rauschnabel, die Leiterin der Reichsbräuteschule Grete Gerok ist vertreten, aber auch weniger bekannte und bisher unbekannte Personen. Den Machern war es wichtig, nicht nur Täter zu zeigen, sondern auch diverse Unterstützer, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter der Tübinger Geschichtswerkstatt e.V. Benedict von Bremen.:

"Wir haben uns entschieden über Akteure zu reden, also über Leute, bei denen nicht das sprichwörtliche Blut an den Händen kleben muss. Sondern beispielsweise auch Personen vorstellen wollen, die Propagandisten waren, also große Reden geschwungen haben im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie".

Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Benedict von Bremen
Porträt Hermann Hoffmann (Foto: SWR, Anette Hübsch)
Der Screenshot der Online-Datenbank der NS-Akteure in Tübingen zeigt das Beispiel von Hermann Hoffmann. Anette Hübsch

Mit Querverweisen und Links bekommt der Besucher der Datenbank einen Eindruck der vielfältigen braunen Verflechtungen in Tübingen. Rund 2.000 Parteimitglieder habe es damals gegeben, so von Bremen.

"Viele hochrangige Nationalsozialisten und auch Kriegsverbrecher hatten eben Verbindung zu Tübingen. Die haben hier studiert und ihre Netzwerke gebildet. Sie sind die Karriereleiter von hier aus weiter nach Stuttgart und Berlin gegangen."

Benedict von Bremen von der Geschichtswerkstatt Tübingen

Erinnerungsarbeit ist wichtig - auch in Coronazeiten

Die Artikel über die NS-Akteure haben Journalisten, Historiker und Kulturwissenschaftler geschrieben; die meisten als Vereinsmitglieder und damit ehrenamtlich. Wie Martin Ulmer, der die Geschichtswerkstatt 1986 gegründet und mit aufgebaut hat. Erinnerungsarbeit sei wichtig, auch in Coronazeiten, sagt er. Denn das Ermächtigungsgesetz der Nazis, sei mit dem jetzt verabschiedeten Infektionsschutzgesetz eben überhaupt nicht vergleichbar.

"Es ist ein Skandal, dass die sogenannte Querdenker-Bewegung den Nationalsozialismus in vielen Punkten so instrumentalisiert und sich zu Opfern stilisiert, in einer angeblichen Gesundheitsdiktatur, die es hier nicht gibt. Wer von Gesundheitsdiktatur redet, der weiß nicht, was eine Diktatur ist oder will es nicht wissen."

Martin Ulmer von der Geschichtswerkstatt Tübingen

Weltweites Publikum erreichen

Die Online-Datenbank der NS-Akteure in Tübingen richtet sich an Schüler, Studenten oder Lehrer, aber auch an ein Fachpublikum sagt Ulmer. Der Vorteil einer Webseite ist auch die ständige Überarbeitung, sagt von Bremen. Längerfristig ist auch eine englischsprachige Version geplant. Damit soll dann auch ein weltweites Publikum erreicht werden.

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