Der Tübinger Hirnforscher Niels Birbaumer sitzt nach einem Vortrag zum Thema Hirnforschung in einem Saal der Uiversität Tübingen und führt mit Pressevertretern ein Interview. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Christoph Schmidt)

Gefeiert und geächtet

Nervenkrankheit ALS: neuer Ansatz von Hirnforscher Birbaumer aus Tübingen

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Der umstrittene Tübinger Wissenschaftler Niels Birbaumer hat die Krankheit ALS erforscht. Sie schädigt die Muskeln bis zur Lähmung. Nun soll es einen neuen Ansatz geben.

Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine tückische Krankheit: Nach und nach verlieren die Patienten die Kontrolle über ihre Muskeln, bis sie komplett gelähmt sind. Am Ende müssen Betroffene künstlich beatmet und ernährt werden. In Deutschland leiden rund 8.000 Menschen an ALS. Mediziner sprechen in der Schlussphase der Krankheit auch vom "Locked-In-Syndrom", weil die Patienten im eigenen Körper eingeschlossen sind und nicht mehr mit ihrer Umgebung kommunizieren können.

Neuer, vielversprechender Ansatz?

Der Hirnforscher Niels Birbaumer, emeritierter Professor der Uni Tübingen, berichtet im Fachblatt "Nature Communications" von einem vielversprechenden neuen Ansatz. Manche Medien sprechen schon von einem "Meilenstein". Wir haben SWR Wissenschaftsredakteurin Ulrike Till gefragt, was an den neuen Erkenntnissen dran ist:

Haben Niels Birbaumer und sein Team tatsächlich einen Weg gefunden, mit einem komplett gelähmten ALS-Patienten zu kommunizieren?

Ulrike Till: Auf einem eher niedrigen Level scheint das tatsächlich geklappt zu haben. Allerdings, nur bei einem einzigen Patienten und mit erheblichen Einschränkungen. Die Forscher haben dem 36-jährigen Patienten zwei Implantate ins Gehirn gepflanzt und mit einer speziellen Software außerhalb des Körpers zusammengeschaltet. Über diese Hirn-Computer-Schnittstelle konnte der Patient nach mühsamem Training gezielt Buchstaben auswählen, die ihm gezeigt wurden - und das nur mit Hilfe von Gedankenkraft, denn selbst seine Augenmuskeln waren gelähmt. Er stellte sich bestimmte Augenbewegungen vor, das aktivierte bestimmte Hirnströme, und das konnte die Software dann als Ja und Nein interpretieren und einem Tonsignal zuordnen.

Konnten Forscher und Familie sich denn damit wieder richtig mit dem Patienten unterhalten?

Ulrike Till: Ein flüssiges Gespräch war nicht möglich. Der Patient schaffte einen Buchstaben pro Minute. Immerhin konnte er kurze Botschaften formulieren: zum Beispiel "Ich liebe meinen coolen Sohn" oder "Ich habe Lust auf Gulaschsuppe". Aber für den Suppenwunsch brauchte er fast eine halbe Stunde. Noch dazu hat es nicht immer geklappt. Weniger als die Hälfte der Versuchstage waren erfolgreich. An den anderen kam nur unverständliches Kauderwelsch raus. Inzwischen funktioniert das Implantat noch schlechter, möglicherweise weil sich drumherum Narbengewebe gebildet hat. Trotzdem sorgen die Ergebnisse in der Fachwelt für Aufsehen, weil sie eine Chance für ALS-Patienten bedeuten. Weitere Studien sind geplant. Allerdings sind die mit rund einer halben Million Euro pro Teilnehmer extrem teuer. Der Ansatz ist also noch meilenweit vom praktischen Einsatz entfernt.

Ist Professor Birbaumer mit der aktuellen Studie jetzt rehabilitiert?

Ulrike Till: Das lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Auch 2019 hat nie jemand gesagt, dass seine Ergebnisse falsch waren. Es ging immer nur darum, dass er sie nicht hieb- und stichfest belegen konnte. Datensätze waren unvollständig oder nicht korrekt ausgewertet worden. Auch die Uni Tübingen hat ihm wissenschaftliches Fehlverhalten vorgeworfen. Ein Disziplinarverfahren wurde aber eingestellt. Jetzt scheint die Datenlage der Studie eindeutig. Allerdings wird darin eine andere Methode verwendet.

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Hinweis (Juni 2019):
Inzwischen sind Zweifel an den Forschungsergebnissen des Hirnforschers Niels Birbaumer entstanden. Eine Untersuchungskommission der Universität Tübingen wirft ihm vor, wissenschaftlich nicht sauber gearbeitet zu haben.

Für einen Fachartikel von Birbaumer, der im Jahr 2017 veröffentlicht wurde, seien wichtige Untersuchungsdaten nicht berücksichtigt und andere geschönt worden, so dass es keinen gesicherten Beweis für die Kommunikation mit Patienten in einem sogenannten Locked-In-Zustand (CLIS) gäbe. Die Veröffentlichungen des emeritierten Neurowissenschaftlers werden weiterhin überprüft.  mehr...

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