Leibnizpreisträger 2022: Der Tübinger Geschichtsprofessor Mischa Meier (Foto: SWR, SWR / Ulrike Mix)

Spätantiken-Kenner, Fußball-Experte, Scherzkeks

Leibnizpreis für Tübinger Geschichtsprofessor Mischa Meier

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Geschichte sind Geschichten, sagt der Tübinger Historiker Mischa Meier. Er hat die Spätantike erforscht und neue Einblicke eröffnet. Und er hat sich einen Scherz erlaubt.

Es war nach einer durchgemachten Nacht. Nein, da war kein Alkohol im Spiel. Gelesen hatte Mischa Meier. Gelesen und gelesen. Was? Lexikoneinträge für das bekannte Geschichtslexikon "Neuer Pauly". Der sollte neu herausgegeben werden. Dafür wurden alle Einträge von Wissenschaftlern überarbeitet und dann korrekturgelesen.

Mischa Meiers Scherz mit "Apopudobalia"

Mischa Meier, damals studentische Hilfskraft am Lehrstuhl für Alte Geschichte in Bochum, las also. Er korrigierte Rechtschreib- und Zitierfehler - und tat noch ein bisschen mehr: Aus einer Laune heraus schrieb er einen erfundenen Eintrag für das Lexikon. Ein fiktives Stichwort, das da lautet "Apopudobalia". Und er erklärte samt Quellenbelegen, was das sein sollte.

Ein Scherz-Artikel: Mischa Meier erfand als Student einen Eintrag im Geschichtslexikon "Neuer Pauly" (Foto: SWR, SWR / Ulrike Mix)
Ein Scherz-Artikel: Mischa Meier erfand als Student einen Eintrag im Geschichtslexikon "Neuer Pauly". SWR / Ulrike Mix

Darum geht es in Meiers Scherz-Artikel

In dem Lexikon-Artikel schrieb der junge Meier, dass die Griechen schon Fußball gespielt hätten, dann die Römer - und die hätten es nach Britannien gebracht, das ja heute als Wiege des Fußballs gilt. Alles Unsinn (bis darauf, dass England als Wiege des Fußballs gilt), erzählt Meier: ein studentischer Scherz.

"Mein damaliger Chef hat das zwar gemerkt, aber der fand das lustig und hat das kommentarlos so belassen und an die Zentralredaktion geschickt. Und so ist das in das Lexikon hineingeraten."

Mischa Meiers Eintrag zum Fußballspiel "Apopudobalia" gilt heute als eines der bekanntesten sogenannte "U-Boote" der modernen Lexikografie.

Leibnizpreisträger Meier: ein international beachteter Wissenschaftler

Auf den Scherz folgte die Karriere. In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Mischa Meier mit Sparta, der griechischen Stadt auf der Halbinsel Peleponnes. Mit seiner Habilitation wechselte er später in sein heutiges Spezialgebiet: die Spätantike und die römische Kaiserzeit. Die habe ihn schon immer interessiert, sagt er. Laut Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) hat Mischa Meier in der Forschung neue Maßstäbe für diese Zeit gesetzt.

"Der Leibniz-Preis für Mischa Meier würdigt dessen bahnbrechende Arbeiten zur Geschichte der Spätantike (...). Meiers Studien haben wesentlich zu einem neuen, differenzierteren Verständnis der sogenannten 'langen' Spätantike beigetragen."

Sein Forschungsschwerpunkt: eine Zeit der Katastrophen

In seiner Habilitation schaute sich Mischa Meier vor allem das sechste Jahrhundert nach Christus an. Damals bestand das Römische Reich aus zwei Teilen und wurde von zwei Kaisern regiert. Es erstreckte sich von Spanien im Westen bis nach Syrien im Osten. Für den Tübinger Historiker eine spannende Zeit, geprägt von Katastrophen: Erst eine Heuschrecken-Plage im heutigen Syrien, dann ein Vulkanausbruch, der die gesamte Nordhalbkugel anderthalb Jahre lang verfinsterte und für Hungersnöte sorgte und dann kam auch noch eine Pest-Epidemie.

Religion als Zuflucht in der Spätantike

Die Menschen damals glaubten, die Katastrophen seien von Gott gesandt, und das Ende der Welt sei gekommen. Sie waren verunsichert, erzählt Mischa Meier. Da seien interessante Dynamiken entstanden, die er untersucht und interpretiert hat. Die Religion habe einen extrem hohen Stellenwert bekommen. Alles war göttlicher Wille, und der Kaiser Gottes Stellvertreter. Das Römische Reiche wurde als ein spezieller, von Gott geschützter Raum gesehen. Die Bürger des Reiches verstanden sich als Heilige.

Tübinger Leibnizpreisträger interpretiert die Völkerwanderung neu

Auch das Ende der Völkerwanderung fällt in das sechste Jahrhundert. Auch sie interpretiert Mischa Meier neu: Sie sei nicht das Ausnahmephänomen, als das sie lange beschrieben wurde, sagt er. Die Menschen seien damals immer gewandert. Die Idee, dass sich ganze Völker gezielt auf den Weg von Norden nach Süden oder von Osten nach Westen machten, sei aber zu schematisch.

"Mobilität spielte da eine besondere Rolle. Es ist auch viel gewandert worden. Aber die alten Vorstellungen, dass irgendwann um die Zeitenwende herum in Skandinavien irgendwelche Leute aufgebrochen und dann 400 Jahre später an den Grenzen des Römischen Reiches angekommen sind, so einfach hat das nicht funktioniert."

Auch die Vorstellung, dass die Hunnen losritten und eine Wanderbewegung von Ost nach West auslösten, greife zu kurz. Die Hunnen seien zwar ein wichtiger Faktor in der Völkerwanderung, sagt Mischa Meier, aber sie seien nicht alles. Es seien damals ständig Volksstämme oder Sippen in Bewegung gewesen und das aus den verschiedensten Gründen. In seinem viel beachteten und gut lesbaren Buch über die Völkerwanderung hat der 50-Jährige seine Forschungsergebnisse für ein breites Publikum zugänglich gemacht.

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Tübinger Geschichtsprofessor Meier: ein inspirierender Wissenschaftler

Mischa Meiers Bücher und seine Art zu arbeiten seien inspirierend, schwärmt sein Habilitand Peter Zeller. Meier arbeite ergebnisoffen und habe genau deshalb neue Einblicke eröffnet und die Sicht auf die Spätantike revolutioniert. Gleichzeitig hätten seine Arbeiten eine erzählerische Qualität. Er erzähle im besten Sinne Geschichte und damit auch Geschichten.

2,5 Millionen Euro für weitere Forschungsprojekte

Der Leibnizpreis ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert. Die erhält der Tübinger Professor für Alte Geschichte als Leibnizpreisträger 2022. Was will er damit machen? Weiterforschen an seinen Themen, sagt er, und Nachwuchs-Wissenschaftler einstellen. Außerdem will er Themen noch breiter angehen, als er das bislang kann, erzählt er. Interessant sei zum Beispiel die Frage, wie das Klima sich auf die Geschichte ausgewirkt habe. Dafür wolle er verstärkt mit Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern zusammenarbeiten.

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