Levi beim Kleben (Foto: SWR)

Sechsjähriger Levi bekommt Lehrermangel zu spüren

Schule in Reutlingen für Kinder mit geistiger Behinderung muss Unterricht streichen

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AUTOR/IN
Luisa Sophie Klink

In Baden-Württemberg fehlen Lehrer. Besonders betroffen sind Förder- und Grundschulen. Die Peter-Rosegger-Schule in Reutlingen muss bereits Unterricht streichen.

Die Reutlinger Schule für Kinder mit geistiger Behinderung hat den Eltern kurz vor den Sommerferien mitgeteilt, dass den Klassen 1 bis 7 sechs Unterrichtsstunden pro Woche gestrichen werden müssen. Grund dafür sei die "desolate Lehrerversorgung Baden-Württembergs". Außerdem wolle man alle Kinder weiterhin gut und verlässlich unterrichten, so die Schule.

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Peter-Rosegger-Schule streicht sechs Stunden pro Woche

Für die Eltern kam die Mitteilung der Reutlinger Schule völlig überraschend. Vanessa Steiss, Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom, steht nun vor der großen Herausforderung, Arbeits- und Betreuungszeiten an den veränderten Stundenplan anzupassen.

Ihr Sohn Levi soll nach den Sommerferien eingeschult werden. "Er freut sich auf die Schule, auch wenn er vielleicht noch nicht weiß, was auf ihn zukommt", so die Mutter im SWR Interview. Sie mache sich aber wegen des Unterrichtsausfalls Sorgen um die Zukunft ihres Kindes.

"In unserer heutigen Leistungsgesellschaft ist es für jedes Kind sehr wichtig, guten und ausreichenden Schulunterricht zu bekommen - erst recht für Kinder mit Behinderung".

Sonderpädagogik statt Inklusion

Eine Inklusionsklasse an einer regulären Schule kam für Vanessa Steiss vorerst nicht in Betracht, da sie die Betreuung an sozialpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), wie der Peter-Rosegger-Schule, sehr schätzt. "Fünf bis sechs Kinder werden von zwei Lehrern gleichzeitig betreut. Sie bekommen lebensnahen Unterricht, lernen den Umgang mit Geld, zu kochen und einfach sich im Leben besser zurecht zu finden." Sie glaubt, dass Levi der Übergang vom Kindergarten in die Schule mit festen Strukturen an einem SBBZ so besser gelingt.

Der Schule selbst will die Mutter keinen Vorwurf machen, vielmehr auf das Problem an sich aufmerksam machen: "Ich wünsche mir, dass das Thema ernst genommen wird und die Regierung gegen den Lehrermangel etwas unternimmt".

Grund- und Förderschulen besonders vom Lehrermangel betroffen

Auf SWR-Nachfrage bestätigte das baden-württembergische Kultusministerium zwar den Lehrermangel, bezeichnete die Reutlinger Schule dennoch als "Sonderfall", da sie enorm viele Personalausfälle zu verkraften habe. Tatsächliche fehlen nach Angaben des Ministeriums aber die meisten Lehrer im sonderpädagogischen Bereich sowie an Grundschulen. Ein Grund dafür sei beispielsweise, dass schwangere Lehrerinnen aufgrund der Pandemie an solchen Schulen nicht eingesetzt werden könnten.

Lehrer bevorzugen Regionen wie Freiburg oder Tübingen

Um landesweiten Unterrichtsausfällen vorzubeugen, hat das Kultusministerium bereits ein größeres Maßnahmenpaket geschnürt. Unter anderem werden Teilzeitkräfte aufgestockt, Gymnasiallehrer auch an Grundschulen eingesetzt oder Lehrer in unterversorgte Regionen versetzt. Laut der Behörde seien besonders Regionen wie Freiburg, Heidelberg oder Tübingen bei jungen Lehrkräften beliebt. Sie pokerten bis zum Bewerbungsschluss auf eine Stelle in diesen Gegenden.

Da die Bewerbungsphase noch bis zum Ende der Sommerferien laufe, könnten bislang unbesetzte Stellen noch aufgefüllt werden. So könnte sich nach Auffassung des Ministeriums auch noch etwas an der Situation der Peter-Rosegger Schule in Reutlingen ändern.

Überangebot an Gymnasiallehrern

Da es derzeit ein Überangebot an Gymnasiallehrern im Bereich der Geisteswissenschaften gibt, versucht das Land nicht nur, diese Lehrer an Grundschulen zu versetzen, sondern auch sonstige Anreize für andere Schularten zu geben. Bei einer entsprechenden Mobilitätsbereitschaft hätten Lehrer im sonderpädagogischen Bereich derzeit eine nahezu 100 prozentige Einstellungschance, so das Ministerium.

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